Als ich noch reviewte: Soulbringer

Eine epische Handlung, ein innovatives Magiesystem und ein überaus realistisches Echtzeit-Kampfsystem verspricht uns die Packungsrückseite von Infogrames’ “Soulbringer”. Wieviel davon tatsächlich gehalten werden kann, wird der folgende Text zeigen.

Die Hintergrundgeschichte von Soulbringer ist auf den ersten Blick recht typisches Rollenspielmaterial. Nach dem Tod des Vaters bricht die Spielfigur in die ferne Stadt Madrigal auf, um den letzten Wunsch seines Vaters zu erfüllen und einen Brief zu seinem Onkel zu bringen. Dieser erzählt von sechs Dämonen, die vor 1000 Jahren von dem Helden Harbinger in den Brunnen der Seelen verbannt wurden. Doch sie sind wiedergekehrt, und es ist unsere Aufgabe sie wieder zu verbannen.

Was wenig spektakulär klingt, gewinnt durch einige gute Plotideen sowie einer wirklich episch wirkenden Erzählweise – am Anfang kaum mehr als ein Bauer, wird die Spielfigur gen Ende derartige Macht besitzen wie sonst in kaum einem anderen Spiel. Verstärkt wird dieser Eindruck dadurch, daß man bei “Soulbringer” stets alleine unterwegs ist, nur in kurzen Abschnitten schließt sich ein NSC an, auf dessen Handlungen man allerdings keinen Einfluß hat. Außerdem geht der Levelaufstieg erfreulich schnell vonstatten, und man müßte schon wirklich alles töten, was einem begegnet, um die höchste Stufe zu erreichen – zwei Punkte, deren Fehlen z.B. bei Baldur’s Gate kritisiert wurde.

Gespielt wird das Ganze aus der dritten Person, mit einer frei dreh- und zoombaren Kamera, die allerdings immer auf die Figur gerichtet ist. Gesteuert wird mit der Maus, was keine Probleme bereitet. Im Kampf, der in Echtzeit abläuft, hat man, je nach Waffe und Fertigkeit, bis zu fünf verschiedene Angriffsarten, die jeweils mit einem einfachen Mausklick durchzuführen sind. Eine Möglichkeit des manuellen Parierens oder Ausweichens gibt es nicht, die Spielfigur tut dies ihren Werten entsprechend automatisch. Dieses System funktioniert auch gegen mehrere Gegner recht gut, wenngleich es ein wenig Timing erfordert.

Verschiedene Gegner erfordern einiges an Herumexperimentieren mit verschiedensten Waffen und Angriffsarten, da erhebliche Unterschiede bestehen. Ein Felsgolem ist zum Beispiel wesentlich leichter mit Hieben einer stumpfen Waffe zu verletzen als mit Rapierstichen. Außerdem haben alle Waffen einen Materialwert, der die Abnutzung der Waffe repräsentiert. Sobald dieser 0 erreicht, zerbricht die Waffe – unschön, wenn man dann nicht schnell Ersatz zur Hand hat. Beschädigte Waffen können beim Schmied wieder repariert werden, ebenso Rüstungen, die ebenfalls abnutzen.

Rüstung ist ein sehr wichtiger Faktor im Spiel, da man überlegen gepanzerte Gegner kaum verletzen kann. Allerdings stimmt das umgekehrt genauso. Und mit sieben verschiedenen Rüstungsarten (Helm, Mantel, Handschuhe, Armschienen, Brustpanzer, Hosen und Stiefel) hat man auch hier genügend Möglichkeiten, seiner Ausrüstungsmanie freien Lauf zu lassen. Das Inventar ist, nach dem Fund von Säcken und ähnlichem, quasi unbegrenzt groß und nur durch die eigene Tragkraft begrenzt. Aber schon schnell sollte es kein Problem mehr sein, seine 10 Waffen mit sich herumzutragen – für den Fall der Fälle ;).

Wer sich nicht auf Nah- und Fernkampfwaffen verlassen will, um den Gegnern den Garaus zu machen, kann aus über 60 Zaubersprüchen auswählen, die in die vier Elemente plus Geist eingeteilt sind. Im Laufe des Spiels ist es fast unmöglich, auf Magie zu verzichten, da nicht nur potente Angriffszauber dabei sind, sondern auch Schutz- und Lichtzauber und für das Spiel nicht nötige, aber sehr nette Zauber wie Wetterwechsel, “Finde den (Gegenstand/Gegner/Menschen)” oder “Mit Toten sprechen”. Gerade letzterer trägt viel zur Atmosphäre des Spiels bei, da mit diesem Spruch mit getöteten Obermotzen gesprochen werden kann, und somit weitere Informationen über die Spielwelt erlangt werden.

Im Spiel sind 12 Zauberbücher zu finden, die jeweils mit einem bestimmten Stein geöffnet werden können – erst dann werden die darin stehenden Sprüche ins eigene Repertoire aufgenommen. Je öfter man Sprüche von einer Unterart (die Elemente plus Geist) benutzt, um so stärker wird man in diesem Bereich, und um so schwächer wird man in den anderen. Man hat also die Wahl, ob man sich spezialisiert oder möglichst das Gleichgewicht hält, allerdings machen beide Spielarten keinen riesigen Unterschied.

Das Spiel kommt ohne Automap aus, was allerdings auch nicht so schlimm ist, da man sich größtenteils in relativ freiem Gelände bewegt, aufgeteilt in einzelne, recht große Abschnitte. Eine Teleportfunktion, die relativ früh im Spiel in Kraft tritt, erspart ewiges Herumrennen. Monster, einmal besiegt, bleiben tot, nur bei besonderen Ereignissen werden bereits gereinigte Karten wieder kolonisiert.
 
Verletzungen werden entweder mit Heiltränken bzw. -zaubern gelindert, oder aber mit Fressalien verschiedenster Art, von Pilzen und Kräutern bis zum Bier. Das führt manchmal leider dazu, daß man erstmal 20 Äpfel futtert, bevor man weiterspielt, da der Heileffekt bei diesen nicht so groß ist, und zwingt einen zumindest zu Beginn des Spiels, die Rolle eines Pilzsammlers einzunehmen – gerade weil man jeden Gegenstand einzeln aufnehmen muß, ist dies doch ein zeitraubendes Unterfangen. Getötete Widersacher schleudern im Tode ihre gesamte Ausrüstung von sich, so daß eine “Nimm alles”-Funktion sinnvoll gewesen wäre.

Das Spiel bietet weiterhin die Möglichkeit, Waffen- und Zaubercombos zu speichern, aber diese Funktion ist ziemlich nutzlos, da die manuelle Eingabe der Aktionen im Ernstfall schneller von der Hand geht. Und schließlich, nicht schlimm aber merkwürdig: Alle Gegner kämpfen mit Waffen, wirklich alle. Das klingt im ersten Moment nicht weiter wild, allerdings wirkt es schon ein wenig bizarr, wenn ein Steingolem einen mit einem Knüppel verhaut – unter diesen Umständen kann man nur froh sein, daß sie keine Wölfe oder andere Tiere ins Spiel eingebaut haben ;). Aber das waren dann auch alle Kritikpunkte, die ich anbringen will. Die nicht zeitgemäße Grafik (Teller, Vorhänge etc. wirken wie aufgemalt) stört den Spielfluß nicht, und die professionelle Sprachausgabe, komplett in Deutsch, macht dieses Manko wieder wett.

Soulbringer ist als Low Budget-Produkt auf dem Markt, und für den geringen Preis kriegt man ein äußerst zufriedenstellendes Rollenspiel mit einer interessanten Geschichte, welches vielleicht nicht ganz mit Genreperlen wie Fallout oder Planescape: Torment mithalten kann, aber dennoch so manche spaßige Stunde verspricht. Durch die unkomplizierte Aufmachung und dem Fehlen von Hunderten verschiedener Fertigkeiten und Attributen ist es auch für Neulinge im Genre durchaus empfehlenswert.

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