Als ich noch reviewte: Arcanum

Steampunk, eines der meiner Meinung nach interessantesten Genres der Literatur und des Rollenspiel, wurde bisher in der Computerspielebranche eher stiefmütterlich behandelt. Von älteren Spielen wie “Space 1889” oder “Ultima Worlds: Martian Dreams” oder (eingeschränkt) Technomage abgesehen, ist Arcanums Hintergrund somit fast als ein Novum anzusehen, zudemes die genrebestimmenden Elemente der industriellen Revolution mit dem allseits bekannten und beliebten Fantasy-Setting vermengt.
Oder, einfacher ausgedrückt: Orks + Schrotflinte = saucool.

Nach dem öffnen der hübsch designten Pappschachtel fällt zuerst das voluminöse Handbuch ins Auge, welches kaum Wünsche offen läßt. Auf den fast 200 Seiten wird neben den Regeln und der Spielsteuerung ausführlich der Hintergrund und die verschiedenen spielbaren Rassen (acht an der Zahl) erläutert, das Ganze in einem altmodischen Lehrbuchcharakter geschrieben. Unverständlich ist aber, warum die Designer bei solch einer Fülle von Informationen darauf verzichtet haben, eine Inhaltsangabe oder einen Index beizufügen.

Zu Beginn wird, wie bei den meisten Rollenspielen, erstmal der eigene Charakter kreiert. Hier hat man die Auswahl aus einem Haufen vorgefertigter Charaktere unterschiedlichster Coleur, oder man benutzt den Editor und erstellt sich einen einzigartigen Helden. Und hier wird gleich der stärkste Trumpf Arcanums offenbart: Die fast grenzenlose Freiheit, die dem Spieler offensteht.

Nachdem man sich für Rasse, Geschlecht, Namen und Charakterportrait entschieden hat, erreicht man den auf den ersten Blick verwirrenden Charakterbildschirm, in dem die Charakterpunkte verteilt werden. 8 Attribute, 16 Fertigkeiten, 16 Schulen der Magie und 8 Disziplinen der Technologie lassen größtmöglichsten Freiraum für fast jeden Charakter, den man sich nur ausdenken kann. Selbst auf den ersten Blick merkwürdige Kombinationen wie Halbogerdiplomat oder Halblingsbarbar kann man erschaffen und erfolgreich spielen. Durch das Fehlen von festgelegten Klassen oder Berufen wie in anderen Rollenspielen ist es auch ein leichtes, den Charakter im Laufe des Spiels in eine andere Richtung entwickeln zu lassen, als am Anfang vorgesehen.

Wem die Grundwerte der Rassen nicht genügen, kann sich zudem einen besonderen Hintergrund aussuchen, in deren Vielzahl die Programmierer auch durchaus Sinn für Humor bewiesen: Auf der Liste finden sich neben vergleichsweise harmlosen Hintergründen wie “Lehrling eines Händlers” oder “Bei Mönchen aufgewachsen” auch reichlich verrückte wie “Feuerteufel”, “irrer Arzt” oder gar “Frankensteins Monster”. Der Charakter fängt rollenspielüblich recht schwach an steigt aber im Gegensatz zu z.B. “Baldurs Gate” sehr schnell auf. Eine Levelcap bei Level 50 verhindert allerdings, daß man sich einen übermächtigen Allroundcharakter heranzüchtet.

Aber genug von der Charaktererschaffung, wenden wir uns dem eigentlichen Spiel zu: Nach einem Zeppelinabsturz findet sich der Spieler gleich in einer äußerst merkwürdigen Situation wieder: ein alter Gnom überreicht ihm im Sterben einen Ring, den er “dem Jungen” überbringen soll, und gleich darauf kommt ein junger Priester auf euch zugelaufen und huldigt euch als Wiedergeburt seiner Gottheit. So in die Geschichte hineingeworfen, ist es am Spieler, die Geheimnisse um ihn herum zu lüften. Nachdem er bald herausfindet, daß eine noch unbekannte Gruppe seinen Tod will, entflechtet sich die Story langsam und nimmt unerahnte Ausmaße an (Zumindest für den Charakter: Als Spieler ist man es gewohnt, die Welt zu retten).

Die Geschichte wird durch die Hauptquests vorangetrieben, aber der Spieler steht unter keinem Druck, diesen zu folgen; ganz nach seinem Pläsier kann er Arcanum frei erforschen, oder sich den wirklich äußerst zahlreichen Nebenquests widmen, die alle säuberlich im spielereigenen Tagebuch aufgelistet werden, in das auch Gerüchte, Verkrüppelungen des Spielers sowie die Monstertötungsstatistik eingetragen wird. Doch leider kopiert auch hier die Kunst das Leben: Denn auch dieses Buch ist ohne Schnellzugriff oder Index, so daß man sich schonmal durch 80 Seiten Gerüchte blättern muß, um das Gesuchte zu finden oder auch nur die aktuelle Seite aufzuschlagen.

Abhängig davon, wie man seinen Charakter spielt, ändert sich das “Gesinnungsbarometer”: Steht es am Anfang auf 0 – neutral -, kippt es, je nachdem, ob man gute oder böse Taten vollbringt, in die jeweilige Richtung. Dementsprechend reagiert die Umwelt auch auf den Spieler: Gleich und gleich gesellt sich gern. Ähnliches gilt für die Gegensätze Magie/Technologie: Umso mehr man sich mit einem Gebiet beschäftigt, desto mehr entfremdet man sich vom anderen, und ab einem bestimmten Grad wollen Anhänger des anderen Bereiches nichts mehr mit einem zu tun haben. So wird ein Technologe schon mal unwirsch aus dem Magiershop gejagt, weil er die Waren durch seine Anwesenheit beschädige. Dagegen dürfen Magier nur hinten im Zug sitzen, wenn überhaupt…

Doch außer diesen beiden Faktoren beeinflussen noch eine Menge anderer Charaktereigenschaften die Umwelt, so daß jeder Charakter ein anderes Spiel erlebt: Bestimmte Eingänge sind für den Halboger zu klein, professionelle Spieler reden erst gar nicht mit Anfängern dieses Gebietes, dumme Charaktere werden nicht ernstgenommen, Halborks werden mit massivem Rassismus konfrontiert usw.

Ebenso werden die Dialogoptionen im Gespräch beeinflußt: Parliert der Elfenmagier eloquent über verschiedenste Abarten der Theologie, bekommt der tumbe Halboger vielleicht grade mal ein “Argh!” heraus – und schreibt auch in diesem Stil sein Tagebuch, was zu äußerst amüsanten Einträgen führen kann. Daß die meisten Quests mindestens zwei Lösungsmöglichkeiten haben, oft sogar mehr als das, macht ein erneutes Spielen mit einem anderen Charakter nur umso schmackhafter. Ich gebe gern zu, daß mich die Möglichkeiten, die Arcanum einem Rollenspieler bietet, restlos begeistern, aber wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten, dazu später.

Obwohl man nur mit einem Einzelcharakter beginnt, ist es mit einem entsprechend charismatischen Charakter möglich,mit über sieben NSCs die vor sich liegenden Abenteuer zu bestehen. Halboger, Technologen, Magier, gar Roboter oder Echsenmenschen sind im Repertoire, leider besteht die Interaktion zwischen den Charakteren und der Hauptfigur nach dem Anheuervorgang fast nur noch aus Beschwerden, wenn sie Aktionen des Spielers als verwerflich betrachten, ansonsten finden sie, mit wenigen Ausmaßen, eigentlich nur Funktionen als Kampfmaschinen und Lastenträger.

Zudem ist die KI dieser Mitstreiter mangelhaft: Heiler versuchen trotz minimaler Chancen auf Erfolg, stark technologisch orientierte Charaktere mit Magie zu heilen, anstatt mal die Bandagen rauszukramen; verfluchte Waffen und Rüstungen werden von ihnen angelegt, aber anstatt sie wieder abzulegen (was problemlos möglich ist), sterben sie lieber einen heldenhaften Tod; und schließlich werden im Getümmel aus Versehen verletzte Unschuldige erbarmungslos niedergemacht, was einen ungeheuer “guten” Einfluß auf den eigenen Ruf hat. Zudem hat man auf die Steuerung sowie das Inventar der NSCs keinen direkten Einfluß, und das Verkaufen von Waren aus ihren Rucksäcken wird zur nervigen Klickorgie.

Und wo ich grade schon am Meckern bin: Das Kampfsystem ist auch nicht mein Ding. In ihrer Unschlüssigkeit; ob sie nun Echtzeit- oder rundenbasierten Kampf nutzen wollten, haben die Entwickler einfach beides integriert, allerdings halbherzig, wie ich finde. Das rundenbasierte System ist dem vom offensichtlichen Vorbild Fallout unterlegen, und der Echtzeitmodus ist unübersichtlich und hektisch – allerdings finde ich auch Diablo II hektisch.

Aber wirklich vorzuwerfen ist den Designern, daß sie es nicht geschafft haben, die beiden Modi ausgeglichen zu gestalten. So sind manche Waffen in Echtzeit wesentlich effektiver als im rundenbasierten Modus. Andererseits kann der Spieler seine bevorzugte Kampfart wählen, aber ein sehr guter Modus wäre mir halt lieber als zwei so halbherzige.

Zurück zum Spiel: man bewegt sich über Arcanum wahlweise in einer zweidimensionalen isometrischen Perspektive, oder bei längeren Reisen auf einer Landkarte, auf welcher im Laufe des Spiels durch neue Aufträge oder durch zufälliges Dran-vorbei-Laufen neue Orte erscheinen. Wahlweise hat man auch die Möglichkeit, nach Zahlung eines entsprechenden Preises, per Schiff oder Eisenbahn schnell und sicher an den Zielort zu gelangen. Entscheidet man sich jedoch für Schusters Rappen, muß man sich gegen Mengen von Zufallsbegegnungen zur Wehr setzen, was im späteren Verlauf des Spiels, wenn man schon ein wenig mächtiger geworden ist, schon auf die Nerven gehen kann, weil die Zufallsmonster nicht stärker werden und nur noch Kanonenfutter sind, was den Spielfluß arg hemmt.

Auch wenn man keinen stark kampforientierten Charakter spielt, sind die Kämpfe sehr sehr leicht und kaum eine Herausforderung – vermutlich ein notwendiges übel zugunsten der Spielbalance für pazifistische Charaktere, aber ein wenig mehr Herausforderung wäre wünschenswert. Ebenfalls schade ist, daß es nur wenige Gegner gibt, die Technologie oder Magie einsetzen, abgesehen von einfachen Zaubern oder Pistolen. Meisterzauberer, die einen mit ihrem Stab verhauen wollen, lassen halt ein gewisses Flair vermissen.

Der Mangel, der am deutlichsten ins Auge sticht, ist allerdings die arg veraltete Grafik. Mit Ausnahme der schön gezeichneten Charakterportraits und den Bauplänen bietet Arcanum nur jahrealte Grafikkost ohne Höhepunkte. Schade eigentlich, da bei diesem Setting viktorianisch verzierte Häuser oder ähnliches viel zur Stimmung beitragen könnten, aber abgesehen von wenigen speziellen Gebäuden wie Palästen oder Villen sind alle Häuser im Grunde steinerne oder hölzerne Rechtecke unterschiedlicher Größe.

Auch gibt es kaum Zwischensequenzen. Die wenigen sind hübsch, aber unspektakulär gerendert, auch erschien mir das Ende ein wenig zu kurz, aber dennoch gut. Dafür ist jedoch der Sound sehr schön, die Sprecher sind guter Durchschnitt und der beigelegte Editor läßt auf zukünftige Module hoffen. Auch ein Multiplayermodus ist möglich, allerdings klingt dieser wegen bestimmten änderungen im Spiel (Kein Rasten, kein Weltkartenreisen) nach einer sehr langatmigen Angelegenheit. Zumindest die Hauptkampagne sollte wohl eher nicht im Multiplayermodus gespielt, bei anderen Modulen könnte das anders aussehen.

Die deutsche Version, die ich getestet habe, war komplett und gut übersetzt, nur einen kleinen Schnitzer, der allerdings eher amüsant als störend war, haben sich die Macher geleistet: So heißt eine kleine humanoide Spezies, ähnlich vielleicht den Goblins anderer Spiele, im Original “Kites”. Dies haben die übersetzer korrekt, aber übel verwirrend mit “Drachen” übersetzt (Ein “Kite”ist der Drachen dieser Welt, das Kinderspielzeug, den man im Herbst steigen läßt) – in keinem anderen Spiel habe ich je soviele Drachen getötet ;-).

Der Punkt, der Arcanum jedoch meine Höchstwertung kostet, ist das traurigste Kapitel in der Spielegeschichte – die Bugs. Ohne den ersten Patch war Arcanum für mich praktisch unspielbar, und auch mit dem aktuellsten Patch sind einige Fehler noch sehr störend. Eine Liste würde den Rahmen dieses ohnehin schon lang geratenen Tests sprengen, ist aber im offiziellen Forum zu finden.

Insgesamt ist Arcanum ein solides Rollenspiel in einer hübsch ausgedachten Welt. Rollenspielveteranen werden ihre Freude dran haben, vor allem an den unzähligen Charaktermöglichkeiten. Powergamer und Anfänger sollten evtl. Abstand wahren: Für erstere dürfte es viel zu leicht sein, während letztere durch die Vielzahl an Möglichkeiten überfordert sein könnten. Wer sich aber die Mühe macht, kriegt ein sehr unterhaltsames und interessantes Spiel mit netten versteckten Insidergags für sein Geld, das, wenn es technisch etwas ausgereifter wäre, durchaus in der Spitzenklasse mitmischen könnte. Für Spieler, die einen guten Plot und Charakterentwicklung wichtiger finden als pures Gemetzel, ist Arcanum jedoch ein Muß.

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2 responses to “Als ich noch reviewte: Arcanum

  1. Hast du den Hund in Ashbury rechtzeitig erreicht, um ihn zu retten? Der Hund ist der Wahnsinn! Ich installiere das jetzt noch mal, nur um den Hund wiederzusehen.

  2. Da das 14 1/2 Jahre her ist, lautet meine ehrliche Antwort keine Ahnung. Aber wenn das “rechtzeitig” sich auf reale Spieldauer bezieht (will sagen, erreiche Ashbury in x Spielstunden), dann sicherlich nicht – ich bin immer sehr langsam in Rollenspielen.

    Edit: Oh fuck you! Now I get it…

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