Als ich noch reviewte: Gilbert Goodmate

2002 nach Christi. Die ganze Spieleindustrie wird von den drei Dimensionen beherrscht. Die ganze Spielindustrie? Nein, denn ein kleines schwedisches Entwicklungsteam kämpft weiterin für die Schönheit und Zweckmäßigkeit des 2D…

“Gilbert Goodmate und der Pilz von Phungoria” ist ein 2D-Point ‘n’ Click-Adventure, ganz im Stile der Sierra- und Lucasfilm Games-Klassiker. Vor vielen Jahren wurde das Königreich Phungoria von einem mächtigen, bösen und schlechtgekleideten Magier namens Karn bedroht, und nachdem viele Helden versagten, schaffte es schließlich ein Jüngling namens Marvin, den Magier mit einem zufällig gefundenen Pilz zu erschlagen. Dieser Pilz wurde als Reliquie gefeiert und in der Hauptstadt ausgestellt, zu seiner Ehre wurde ab dann jährlich das Pilzfest gefeiert.

Eines Tages jedoch wird der Pilz gestohlen, und der Pilzwächter, ob seiner Unfähigkeit, zum Tode verurteilt. Der Spieler schlüpft nun in die Rolle von Gilbert Goodmate, seines Zeichens Enkel vom Pilzwächter, und muss versuchen, den Pilz wiederzubeschaffen, bevor das Urteil vollstreckt werden kann. Auf seinem Weg wird er es mit einer liebeskranken Socke,einem transsexuellen Wikinger und anderen kuriosen Gestalten zu tun bekommen, für Abwechslung ist also gesorgt.

Nach der überlangen Installation und einem mies gezeichneten Cartoonintro, welches die Vorgeschichte schildert, finden wir uns in Gilberts Hütte wieder, von wo aus er die insgesamt 28 Screens durchwandern muß, um die Unschuld seines Opas zu beweisen.

Die Steuerung ist intuitiv, mit einem Rechtsklick öffnet sich das Inventar, ein Klick der linken Maustaste öffnet das Aktionsmenü in Form eines humanoiden Pilzes, welches einem die Wahl lässt zwischen Augen (Betrachten), Mund (Essen, Reden, Beissen) und Händen (Nehmen, Benutzen, und so ziemlich alles andere). Die F1-Taste zum Aufruf des Menüs und Esc-Taste zum Abbrechen von Dialogzeilen vervollständigen die Bedienungselemente.

Das Hauptaugenmerk sollte bei einem Adventure auf den Rätseln liegen, und hier zeigt sich Gilbert von seiner besten Seite: Die Rätsel sind durchweg logisch, in die Handlung eingebunden und zu Anfang angenehm leicht, so dass auch Anfänger nicht abgeschreckt werden.

Im Laufe des Spiels steigt der Schwierigkeitsgrad zwar (nicht zuletzt wegen der später enormen Menge an Inventargegenständen), aber da es unmöglich ist, in eine Sackgasse zu geraten oder zu sterben, kommt man mit Geduld und Spucke schon ans Ziel. Nach etwa 20 Stunden sollten durchschnittliche Spieler das Spiel beenden können.

Grafisch ist “Gilbert” zwar recht mau, doch haben mir die Hintergrundgrafiken schon gefallen. Bugs habe ich keine gefunden, und auch die Musik ist angenehm und dem jeweiligen Ort angepasst. Insgesamt könnte also Gilbert Goodmate ein recht gutes Adventure sein, trotz der tristen Grafik.

Könnte? Ja, denn, man verzeihe mir dieses Wortspiel, die Lokalisierung ist ganz und gar nicht “good made” – genauer gesagt ist es sogar die schlimmste, die ich je erlebt habe. Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll: Lippensynchronizität und Rechtschreibung scheinen bei Bushido Gamewear unbekannte Begriffe zu sein, die Übersetzungen wirken, als wären sie von Vierzehnjährigen mit einem sehr infantilen Humor geschrieben worden,so sagt der Schmied schonmal “Fick dich ins Knie” oder wird aus dem Ladenbesitzer Larry Lacrimose (engl. für Traurigkeit) völlig unpassend Larry Lachmöse.

Auch wenn das Spiel sehr frei mit Anachronismen umgeht (so findet man ein Fahrrad oder es wird Bezug auf die englischen Besatzer in Indien genommen), passen für mich einfach abwertende Referenzen auf die PDS und Gysi & Gladonsky nicht in ein Fantasyspiel. Weiterhin weicht der Dialogbildschirmtext teils frappant vom gesprochenen Text ab, was besonders ärgerlich ist, wenn der geschriebene Text sehr lang ist, die Sprachausgabe aber einfach mal vergessen wurde, da so der Text nur für ca. eine Zehntelsekunde zu sehen ist. Durch die mangelhafte Übersetzung geht auch leider sehr viel vom Wortwitz des Originals
verloren, wie am Abspann (der anscheinend vergessen wurde zu übersetzen) zu sehen ist, der mehrere sehr witzige Outtakes zeigt.

Und schließlich sind auch die Sprecher (trotz auf der Packung angepriesener “Stars” wie Stefan Martinek aus “Der Clown” oder Rolf Zacher) auch nicht gerade das Gelbe vom Ei: Gilbert selbst hat meist eine nervig nölende Stimme, ein Wikinger spricht mit türkischem Akzent, und warum der Flaschengeist, der eindeutig männlich ist (inklusive Bart und muskulösem freien Oberkörper) eine weibliche Stimme bekam, wird wohl das Geheimnis der Lokalisatoren bleiben. Die Lautstärke der Sprache variiert auch hin und wieder, aber es ist ja auch verdammt schwer, sowas zu regulieren (ja, das war Ironie). Wenn sich die Sprecher wenigstens auf die Aussprache der Hauptfigur einigen könnten (Gilbert oder Dschilbert)…

Aufgrund dieser Lieblosigkeit und Desinteresse an der Qualität des Spiels ist es kein Wunder, daß die offizielle deutsche Website zum Spiel (www.gilbertgoodmate.de) bis heute nicht erreichbar ist…

Es hätte so schön sein können: Ein nettes neues 2D-Adventure, ohne Schnickschnack, mit netten Gags und Story, so richtig altmodisch eben. Wenn irgend möglich, sollten Adventurefans mit ausreichenden Englischkenntnissen sich die Originalversion besorgen. Die hätte auch ein wesentlich wohlwollenderes Urteil von mir erhalten. Wen die grauenhafte Verdeutschung nicht abschreckt, der kann sich zumindest an den Rätseln und der Story erfreuen. Aber sagt nachher nicht, ich hätte euch nicht gewarnt.

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