Als ich noch reviewte: Freedom Force

Das silberne Zeitalter, das “Silver Age” der Superheldencomics ist ein Begriff, der Comicfans ein seliges Lächeln aufs Gesicht zaubert. Grob zwischen 1961 und 1971 liegend war dies die Zeit, in der die Superhelden ein Comeback feierten, nachdem sie nach dem Krieg größtenteils eingemottet wurden – es war die Geburtsstunde von heutigen Comicgrößen wie den Fantastischen Vier und Spider-Man.

Die Comics hatten eine aus heutiger Sicht liebenswerte Naivität an sich, die Feinde waren zu einem großen Teil böse Kommunisten (der kalte Krieg war ja im vollem Gange), die Helden waren keine innerlich zerrissenen Soziopathen, sondern mutige Helden, tragische Schicksale und zwischenmenschliche Katastrophen, wie sie heutige Comics zeigen, waren völlig unbekannt.

In genau diesem Zeitalter spielt Freedom Force, der neueste Geniestreich von Irrational Games, den Mitentwicklern von System Shock 2. Ich muß gestehen, daß ich von vornherein wußte, daß ich von diesem Spiel begeistert sein würde, allein weil ich ein absoluter Comicjunkie bin. Aber ich versuche mein Bestes, dennoch objektiv zu bleiben.

Zu Beginn des Spiels erfahren wir die Vorgeschichte unseres ersten Helden, Minute Man, dem patriotischen Beschützer von, wie passend, Patriot City, dem Schauplatz des gesamten Spiels. Im Laufe der Handlung gesellen sich andere Helden unserer “Freedom Force” hinzu, immer eingeleitet von ihrer Vorgeschichte, die in bewegten Comicbildern geschildert wird. Damit meine ich nicht Zeichentrick, sondern quasi sich bewegende Standbilder: Wer die alten Thor- oder Captain America-Serien auf RTL kennt, weiß, was ich meine.

Und so bekämpft unsere stetig wachsende Truppe diverse Bösewichte, schützt Patriot City vor Atombomben, Riesenameisen und außerirdischen Invasoren und verhindert gar die Zerstörung des gesamten Universums – kleine Brötchen backen andere.

Freedom Force ist im Prinzip ein missionsbasiertes Echtzeitstrategiespiel, allerdings kann man jederzeit das Spiel unterbrechen, um neue Befehle zu geben – dieses System erinnert sehr stark an die Kämpfe in Baldur’s Gate. Jede Mission wird mit einem Comiccover sowie einer mit der Spielgrafik dargestellten Cutszene eingeleitet, danach beginnt die eigentliche Mission.

Das Spiel ist komplett in 3D gehalten, die Kamera kann frei geschwenkt, gezoomt und bewegt werden, standardmäßig sieht man seine Helden von schräg oben. Patriot City sowie die anderen Locations sind keinesfalls statisch: Passanten laufen herum, auf den Straßen fahren Autos, im Park sitzen Tauben. Durch Klicks bewegen wir unsere maximal vier Helden über die Map, ebenso werden alle anderen Aktionen auch mit der Maus ausgeführt.

Die erste Mission dient als Tutorial, im Laufe des Spiels werden neue Features stets erklärt, so daß man das Handbuch kaum benötigt. Der Kampf läuft denkbar einfach ab: Ein Klick auf einen Bösewicht reicht aus, und euer Held führt seine Standardattacke aus. Diese ist natürlich von Held zu Held verschieden und läßt sich auch verändern: Während Minute Man einen einfachen Faustschlag austeilt, läßt Order seinen Hammer sprechen oder Bullet gleich drei Schläge auf einmal auf das arme Opfer prasseln. Wahlweise kann auch ein nahestehendes Auto als Wurfobjekt oder eine Laterne als Knüppel mißbraucht werden, ebenfalls können die zahlreichen Superkräfte der Helden eingesetzt werden.

Und hier zeigt das Spiel seine wahre Stärke: Die Superkräfte sind bis ins kleinste Detail modifizierbar, von grundsätzlichen Sachen wie Schaden, Reichweite oder Radius bis zu der Entscheidung, ob der Angriff “Bang!” oder lieber “Swoosh!” machen soll – die Möglichkeiten sind fast unbegrenzt. Natürlich sind nicht alle Superkräfte für Angriffe gedacht: Manche Helden fliegen, vergraben sich in der Erde, schützen sich vor gegnerischen Kugeln, teleportieren oder verdoppeln sich. Während Mentor eher indirekt sein Ziel erreicht, indem er die Gegner gegeneinander aufbringt, wirft El Diablo mächtige Feuerbälle  – keiner der Helden ist wie der andere, und so ergänzen sie sich ungemein.

Da man nie mehr als vier Einheiten auf einmal kontrolliert, unterscheidet sich Freedom Force natürlich sehr von anderen RTS-Spielen -unter anderem durch die stark ausgeprägten Rollenspielelemente. Im Laufe der Kampagne lernen die Helden neue Superkräfte oder verstärken die bereits vorhandenen, je nach Gusto des Spielers. Jede Figur hat außerdem Werte von 1 bis 10 in den Attributen Stärke, Schnelligkeit, Geschicklichkeit, Ausdauer und Energie.
 
Letzterer Punkt ist essentiell, da jeder Einsatz von Superkräften Energie fordert, die sich um so schneller regeneriert, um so höher der eigene Energiewert ist. Jede Superkraft kann auch mit mehr oder weniger Energieverbrauch ausgelöst werden, dementsprechend stärker oder schwächer wird sie auch.

Die Ausdauer wiederum bestimmt die Anzahl der Hit Points der Figur – fallen diese auf 0, verliert sie ihr Bewußtsein (In der Welt von Freedom Force stirbt niemand einfach so – ebenso wie in den damaligen Comics). Wenn alle Helden bewußtlos sind oder ein Missionsziel nicht mehr erreicht werden kann, ist die Mission gescheitert.

Die Missionsziele selbst lassen keine Langeweile aufkommen: Mal muß ein Hochhaus vor der Zerstörung durch Riesenroboter bewahrt werden, dann muß ein Dimensionsportal geschlossen werden, durch welches Dinos strömen, oft muß natürlich ein Schurke besiegt werden. Zusätzlich gibt es noch sekundäre Missionsziele, welche einen Extra-Prestigebonus bringen, wie beispielsweise
das Beschützen aller Zivilisten oder die Wiederbeschaffung einer gestohlenen Handtasche.

Mit der Leertaste läßt sich das Spiel jederzeit unterbrechen, um den Helden in Ruhe Befehle zu geben. Im Eifer des Gefechts wird man von dieser Funktion sehr häufig Gebrauch machen, was aber in meinen Augen den Spielfluß nicht wirklich beeinträchtigt, da man die nötigen Klicks oft in wenigen Sekunden erledigt hat.

Bei einem erfolgreichen Treffer erscheint eine Blase über dem Gegner mit der Anzahl an Schadenspunkten, die dieser genommen hat. Da es verschiedene Arten von Schaden gibt (Säure, stumpf, elektrisch etc.) und manche Charaktere gegen gewisse Arten von Schaden resistent bzw. anfällig sind, haben die Hersteller ein sinnvolles Colorcoding eingebaut: Bei resistenten Figuren erscheint die Schadenszahl in blauer Blase, bei anfälligen Figuren jedoch in roter Blase. So kann man auf einen Blick sehen, ob man einen Angriff fortsetzen sollte bzw. ob man eine eigene Figur tunlichst zurückziehen sollte.

Im übrigen nehmen nicht nur Figuren Schaden: Alles, was auf den Maps fährt und steht kann zerstört werden, was durchaus strategisch eingesetzt werden kann. Ein Beispiel: Ein Energiestoß eures Helden wirft einen Schurken gegen ein Haus, welches unter der Wucht zusammenstürzt: Die Trümmer verletzen euren Gegner nur noch mehr. Und wenn man dann noch schnell ein Projektil auf die neben dem Gegner stehenden explosiven Fässer schießt, ist der Sieg so gut wie in der Tasche.

Der Umstand, daß nichts statisch ist, hat einen eigenen Reiz: Nie machte Kollateralschaden so viel Spaß ;). Allerdings schlägt er sich aufs Punktekonto nieder: Für jedes zerstörte Gebäude und jeden verletzten Zivilisten werden Prestigepunkte abgezogen, die man durch das Besiegen von Schurken und das Lösen von Aufgaben ansammelt. Hat man im Laufe der Kampagne genug gesammelt, kann man einige zusätzliche Helden anheuern, die sich ansonsten nicht der Truppe angeschlossen hätten.

So kann man im übrigen auch selbst erstellte Helden ins Team aufnehmen, dank des beiliegenden Editors sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt: Wenn einem die beiliegenden Skins nicht ausreichen, kann man auf Fanseiten Hunderte herunterladen, ebenso wie fertige Helden. überhaupt ist die Modszene für ein noch recht frisches Spiel schon erfreulich ausgeprägt, so daß auch nach dem Durchspielen der Kampagne kein Mangel an Nachschub sein sollte. Alternativ kann man sich mit maximal 4 Helden mit bis zu 3 anderen Spielern messen, einen Kooperativmodus gibt es leider nicht.

Technisch präsentiert sich das Spiel solide, Auflösungen von 640×480 bis 1280×1024 in 16 und 32 Bit werden unterstützt, soundtechnisch gibt’s EAX und EAX 2. Die Grafik ist detailliert und hübsch, aber nicht soo spektakulär, abgesehen von den verschiedenen Superkrafteffekten. Die Sprachausgabe der Figuren sowie des Erzählers ist sehr gut gelungen, betont überzogen und badet in Klischees, sehr schön. Die Catchphrases der Helden wiederholen sich teilweise arg oft, aber stören nicht, und die Musik ist dem jeweiligen Szenario angepasst, besonders gut gefällt mir der Männerchor in einem der ersten Level, der den Namen des Schurken intoniert: “Nuclear Winter, ahh ahh ahh!” Getestet wurde die deutsche Version, welche allerdings nur die Texte und Untertitel übersetzt hat und die Sprachausgabe unangetastet ließ. Da bei der Installation neben Deutsch und Französisch allerdings auch die Originalversion installiert werden kann, sollte jeder mit zumindest rudimentären Englischkenntnissen zu dieser greifen, da manche übersetzungen zu lang für die entsprechenden Felder sind und das Flair nur bedingt in unsere Sprache herübergerrettet wurde.

Den größten Pluspunkt erkämpft sich Freedom Force in meinen Augen eindeutig durch die Atmosphäre: Der liebevolle Umgang mit den Klischees stimmt einfach von vorne bis hinten, die Zeichnungen der Comiccover und Hintergrundgeschichten sind dem damaligen Stil angepaßt, die Helden und Schurken könnten ohne weiteres tatsächlich von Marvel oder DC erdacht worden sein, die abwechslungsreiche und überraschende Kampagne gibt einem wirklich das Gefühl, eine Comicserie zu spielen. Und am Ende ist man ein wenig traurig, daß man nicht weiß, wie es mit seinen Helden weitergeht. Aber Freedom Force 2 ist ja schon in der Mache…

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