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Als ich noch reviewte: K. Hawk: Survival Instinct

Einsatzgebiet: Eine tropische Insel im Pazifik, genaue Lage geheim. Auftrag: Geheim. Auftraggeber: Das amerikanische Militär. Durchführender: Major Jeffrey, einer der besten Männer des Präsidenten, ausgebildet in allen nur denkbaren Fern- und Nahkampfarten, Nachtkampf und erotischer Massage. Dummerweise wird sein Transporthubschrauber kurz vor der Insel von der hiesigen Luftabwehr zersäbelt, und der tödlichste Mann seit Rambo stirbt bei dem Absturz. Lame.

Aber noch ist nicht alle Hoffnung verloren: Die Pilotin des Hubschraubers, Kitty Hawk, hat überlebt, und muß nun versuchen zu entkommen und nebenbei noch den Auftrag des Majors zu Ende zu führen. Nein, dies ist kein neuer direct-to-Video-Actionfilm mit Natasha Henstridge, sondern der neue 3D-Schleicher von der deutschen Programmierfirma Similis.

Damit der Spieler sich nicht genauso verloren vorkommt wie Kitty, hat man die Möglichkeit, das schicke Startmenü erstmal in Richtung Tutorial zu verlassen. Dieses ist in typischer Boot Camp-Manier gehalten, an verschiedenen Hindernissen und Zielen übt man die zahlreichen Fähigkeiten, seien sie grundlegender (Gehen, Schleichen, Rennen, Ducken) oder eher martialischer Art (Schiessen mit Pistole, MG und Scharfschützengewehr sowie Granatenwerfen) Begleitet wird man dabei von dem sicherlich nettesten Drill Sergeant jemals, der sogar bei entsprechender Leistung lobende Worte für Kitty hat (als leuchtendes Gegenbeispiel möchte ich nur an “Full Metal Jacket” erinnern).

Die Steuerung ist gut durchdacht und mit Tastatur-Maus-Kombi problemlos spielbar, Probleme beim Gegneranvisieren oder ähnliches treten nicht auf. Die Kamera bleibt immer dicht hinter und leicht über Kitty, so daß die übersicht kaum verloren geht.

Hat man das Tutorial überstanden, findet man sich am Strand der oben genannten Insel wieder, das Wrack des Helikopters in der Brandung liegend. Zwar ist Kitty anfangs noch unbewaffnet, jedoch trägt sie eine EPU, eine Art GPS, bei sich, welches ihre größte Hilfe zum überleben darstellt, da sie nicht nur über das umliegende Gelände aufklärt, sondern auch Gegner sowie deren Sichtfeld anzeigt. Zusätzlich zeigt sie auch noch den von Kitty erzeugten Lärm in Form eines Kreises um sie herum an – überschneidet sich dieser mit dem “Hörumkreis” eines der Wachen, gibt diese Alarm. Je nach Fortbewegungsart (Schleichen, Gehen, Laufen) ist Kitty natürlich auch unterschiedlich laut – Vorsicht ist also geboten.

Wie in anderen Heimlichkeitsspielen auch haben die Wachen anscheinend Scheuklappen auf – anders würde dies Genre allerdings auch nicht funktionieren. Lediglich bei ausgelöstem Alarm wird ihr Sichtbereich auf die für Menschen normalen 180° vergrößert, und dann noch versteckt bleiben ist nicht leicht, denn sobald sie alarmiert sind, sind die Wachen ziemlich gut im Kittyfinden – Lob an die KI.

Ist zu Beginn eine Konfrontation mit einer der vielen Wachen noch mit Sicherheit tödlich, wenn man sein Heil nicht in der Flucht sucht, findet man im weiteren Spielverlauf Waffen, die jedoch in den meisten Situationen nur als letztes Mittel eingesetzt werden sollten – Schüsse kann man nämlich ziemlich weit hören, und im offenen Feuergefecht gegen zwei oder mehr Soldaten hat man kaum eine Chance. Die elegante Lösung sind Waffen mit Schalldämpfer, die dadurch (oder auch durch Ramboverhalten) entstandenen Leichen läßt man durch ein Aufsammeln ihrer Hundemarken verschwinden – nicht unbedingt realistisch, aber unkompliziert und dem Spielfluß zuträglich – außerdem kann man so im Inventar sehen, wieviele man schon auf dem Gewissen hat :-).

Insgesamt kann man eine Pistole, ein Gewehr und Granaten mit sich tragen (und nicht wie im Handbuch beschrieben drei Feuerwaffen), bei neuem spannendem Spielzeug (“Whoa, ‘ne M16!”) läßt man die alte Wumme liegen. Das Problem mit den Waffen: Um das EPU zu bedienen, braucht Kitty beide Hände – das heißt entweder Übersicht oder Waffe in der Hand: Guter Einfall der Spieldesigner.

So schleicht man sich also durch 10 recht kurze Levels, durchquert Dschungel, Laboratorien und Militärlager, immer auf der Hut vor bewaffneten Soldaten, alarmauslösenden Wissenschaftlern und Sicherheitskameras. über ihren Kommunikator kriegt Kitty vom Hauptquartier ihre Aufträge, die aber meistens im Endeffekt darauf hinauslaufen, den Level einfach zu durchqueren. Neben den schon beschriebenen Waffen gibt es natürlich auch die passende Munition sowie Medipacks zu finden, außerdem natürlich die genretypischen Codekarten.

Außerdem liegen an den merkwürdigsten Stellen CDs (das Audiotagebuch eines Wissenschaftlers) herum, die etwas Hintergrundinformationen über die Story liefern. Diese ist, ohne zuviel verraten zu wollen, nicht wirklich spektakulär oder noch nicht dagewesen, und mußte ähnlich schon in diversen Spielen und Filmen als Vorwand für heiße Action dienen. Der Schwierigkeitsgrad steigt angenehm sanft an, der Einsatz von Waffen wird mehr und mehr möglich, in den letzten beiden Leveln wird gar nur noch gefeuert, was die Rohre herhalten.

Bugs habe ich keine gefunden, was heutzutage ja nun wirklich mal lobend erwähnt werden muß. Als sehr spaßig empfand ich drei der vier Zwischen- bzw. Endgegner, besonders der erste, ein Scharfschütze in Camouflage, der auf der EPU nicht auftaucht, war eine gute Idee und ein harter Gegner – und im Gegensatz zum Genrekonkurrent Metal Gear Solid labern die Endgegner hier nicht noch ewig, nachdem sie besiegt wurden :D.

Nur der Finalendgegner war etwas merkwürdig – nachdem er mich wiederholt getötet hatte, blieb ich etwas auf Abstand und konnte Schuß um Schuß auf ihn feuern, ohne daß er sich auch nur bewegte (normalerweise flitzt der ständig herum), bis er schließlich kurz vor seinem Ableben doch noch (gescriptet) losrannte. Ansonsten ist die KI aber völlig o.k. und kein Grund zu meckern. Oh, fast vergessen – das Handbuch ist ausgezeichnet und informiert detailliert über alle Funktionen, Figuren und Gegenstände des Spiels.

Soundtechnisch hat mir K. Hawk sehr gut gefallen. Die Sprecher sind allesamt bekannte Profis, so wird man die Stimmen von Julia Roberts bzw. Ally McBeal, Jack Nicholson, Steve Buscemi, Justus Jonas (von den ???) und Bruce Willis wiedererkennen, wobei die letzten beiden jeweils die Hälfte der Wachen sprechen, was am Anfang etwas bizarr wirkt. Das einzige Problem dabei ist, daß außer dem Sprecher von Steve Buscemi keiner von ihnen wirklich viel Text hat, selbst Kitty als Hauptfigur spricht nicht viel. Aber als netter Bonus verfehlt es seine Wirkung nicht, zumal es kaum etwas Frustrierenderes (im positiven Sinne) gibt, als von einem Endgegner getötet zu werden, der dabei hämisch lacht wie Jack Nicholson.

Der gut 45 Minuten lange Soundtrack wechselt zwischen orchestralem, teils militaristischem Score, leicht düsterer Electromucke und reinen Umgebungsgeräuschen, alles in guter Qualität und die Stimmung unterstreichend. Der einzige Soundminuspunkt ist der, daß manche Charaktergeräusche (zumindest bei mir mit Stereoboxen) als viel zu nah (also zu laut) abgespielt wurden, was für so einige Schreckmomente gesorgt hat (“Ahh, wo ist der? Ach so, 20m entfernt!”).

Graphisch ist Survival Instinct allerdings eher guter Durchschnitt, die Level sind zwar hübsch gestaltet, aber Begeisterungsstürme werden nicht zu hören sein, zumal man mit den Augen eh die meiste Zeit auf das EPU blickt. Zwar gibt es für die einzelnen Feindgruppen verschiedene Models, allerdings zeigen die Figuren keinerlei Mimik, was das Plus der guten Sprecher etwas revidiert. Allerdings sind mir auch keine Clippingfehler oder derartiges aufgefallen, insofern schon ein rundes Produkt. K. Hawk unterstützt Graphikauflösungen von 640×480 bis 1280×960 in 16 und 32 Bit sowie T&L.

Alles in allem ist K. Hawk – Survival Instinct ein netter Schleicher für zwischendurch, die Spieldauer betrug bei mir um die 10 Stunden. Dadurch, daß man zum effektiven Vermeiden der Wachen die Augen meist auf die EPU gerichtet hat, wirkt das Spiel zeitweise wie ein abstraktes Puzzlespiel, welches allerdings auf Dauer etwas Abwechslung vermissen läßt. Auch sind die Level nur selten etwas komplexer, meist gibt es nur einen möglichen Weg. Aber für ein Zweitlingswerk ist dies schon ziemlich gelungen, und Spaß macht es sicherlich. Alle Faktoren eingerechnet reicht das nicht ganz für die Oberklasse, daher…