Monthly Archives: September 2004

Tablettenzeit

“Hey. Hey! Tablettenzeit.”
Gordies Stimme riss mich aus meinen Gedanken. Ich blickte mich um, nicht ganz sicher, wo ich war. Das passierte in letzter Zeit häufiger. Gordie sah mich besorgt über den Tisch an, sein bärtiges Gesicht verriet Mitleid. Er wusste, was mit mir los war.

Ich schaute auf den kleinen Plastikbecher, den der Pfleger vor mir auf den Tisch gestellt hatte. Zwei Rote, eine Blaue, meine tägliche Dosis. Sie würden mich gut schlafen lassen, die schrecklichen Erinnerungen für einen weiteren Tag verscheuchen. Erinnerungen? Waren es wirklich Erinnerungen? Ich war nicht mehr sicher.

Gordie schluckte seine Medizin, und ich tat es ihm gleich. Er war noch nicht so lange hier wie ich, aber manchmal glaubte ich, daß es ihm viel schlechter erging. Er sprach nicht viel, hatte panische Angst vor Anzugträgern und, wie er mir ein paar Wochen zuvor gestanden hatte, fühlte er sich immer nackt, trotz der weißen Krankenhausbekleidung, die wir hier alle trugen. Ich blickte nach unten, das Schweigen zwischen uns, welches fast immer herrschte, ignorierend, und sah wieder einmal, wie meine Hand sich an das Tischbein krallte. Hier drin gab es keine Zigaretten, aber der Drang, irgend etwas in der Hand zu halten, war übermächtig. Ich wußte, daß es Gordie nicht anders ging. Keinem von uns. Wir alle waren hier aufgrund einer seltenen psychischen Störung, sagten die Ärzte. Ich war hier, weil ich die Hölle gesehen habe.

Es war 18:00. Abendbrotzeit. Ich tauschte meinen Käse mit Gordies Wurst und drückte gerade den Butterersatz aus dem Tütchen auf mein Brötchen, als Max sich zu uns setzte. Max war anders als die meisten Patienten hier: Manchmal vergingen Stunden, ohne daß ein Wort im Raum fiel, nur er sprach fast immer. Und er wirkte bedrohlich, aus gutem Grund: Max war der Einzige von uns, der wirklich getötet hat. Meine schreckliche Reise vom Mars in die Hölle war nur Einbildung, Gordies wüste Geschichte um Aliens, geheime Experimente und Regierungsvertuschungen wäre selbst für Akte X zu weit hergeholt, aber Max hatte wirklich Dutzende Menschen erschossen, bis zum Hals zugedröhnt mit Schmerzmitteln. Ich wusste nicht, wieso er hier bei uns war anstatt auf dem elektrischen Stuhl – manchmal wünschte ich mir, selber gegrillt zu werden. Dann hätten die Alpträume wenigstens ein Ende.

Max erzählte wieder, von seiner Frau, von seiner Tochter, von der Verschwörung. Alles Bullshit. Keiner hier gab zu, dass seine Geschichte falsch war, und vielleicht wussten sie es auch gar nicht. Selbst wenn es je eine Marskolonie gegeben hätte, würde meine Geschichte an den Haaren herbeigezogen wirken. Der einsame Held, der allein die Horden der Hölle zurückschlug? Immerhin war ich nicht so durchgeknallt wie Garner, der sich für einen Gesandten Gottes hielt. Ich hatte ihn gefragt: Seine Hölle sah ganz anders aus als meine.

21:00. Schlafenszeit. Ich sagte Gordie gute Nacht und ging in mein Zimmer zurück. Ich wusch mich an dem in die Wand eingelassenen Waschbecken – es wurde darauf geachtet, dass nichts in unserer Umgebung als Waffe missbraucht werden könne. Wir waren alle selbstmordgefährdet, und seit Doug Nugent es irgendwie geschafft hatte sich durch zusammengeknülltes Papier selbst zu ersticken, gab es nicht mal mehr Toilettenpapier, nur noch ein extra installiertes Bidet. Doug war ein großmäuliges Arschloch, aber irgendwie vermisste ich seine trockene Art und seine Oneliner. Ich legte mich ins Bett und löschte das Licht. Und bevor ich einschlief, wünschte ich, ich wäre zurück in der Hölle.

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Senso – Eine Komplettlösung

Senso, MBs Klassiker der Unterhaltung aus dem Jahre 1978, ist auch heute noch ein Quell der Freude für jeden Farbenfreund. Ich habe mir die Mühe gemacht, eine Komplettlösung zu schreiben, um so Neulingen auf dem Gebiet des Farbenmemorierens einen einfachen Einstieg zu gewährleisten. Meine Kommentare habe ich zwischen den Anweisungen in Klammern gesetzt – diese bitte nicht mittippen, ha ha ha! 

Blau Rot Rot Gelb Grün (die Ampel, wie es im Fachjargon heißt. Leicht zu merken, da die Farbenkombination der einer Verkehrzeichenanlage gleicht, von oben nach unten betrachtet.) Blau Grün Blau Gelb Rot Rot Rot Blau Gelb Grün Grün Gelb Blau Rot Gelb Gelb Rot Gelb Blau Grün Grün Blau Grün Gelb Rot Rot Gelb Rot Blau Gelb Grün Gelb Blau Rot Rot Grün Gelb Blau Grün Rot Grün Blau Grün Rot Rot Gelb Blau Blau Blau Blau Rot Blau Gelb Grün Rot Blau Grün Grün Blau Grün Gelb Rot Rot Gelb Rot Blau Gelb Grün Gelb Blau Rot Rot Grün Blau Grün Blau Gelb Rot Rot Rot Rot Rot (eine sehr schwierige Stelle schon nahe des Anfangs, da man sich leicht verzählt. Aufgepasst!) Blau Gelb Grün Grün Gelb Blau Rot Blau Rot Rot Gelb Rot Rot Blau Gelb Grün Grün Gelb Blau Rot Gelb Gelb Rot Gelb Blau Grün Grün Blau Grün Gelb Rot Rot Gelb Rot Blau Gelb Grün Gelb Blau Rot Rot Grün Gelb Blau Grün Rot Grün Blau Grün Rot Rot Gelb Blau Blau Blau Blau Rot Blau Gelb Grün Rot Blau Grün Rot Blau Grün Rot Blau Gelb Rot Blau Gelb Blau Rot Gelb Blau

Wenn das Gerät nicht neu gekauft ist bzw. zum ersten Mal benutzt wird, kann der Anfang variieren. Die verschiedenen Varianten erkennt man leicht an den unterschiedlichen Anfangsfarben.

Variante 1:
Grün Blau Grün Rot Rot Gelb Blau Blau Blau Blau Rot Blau Gelb Grün Rot Blau Grün Grün Blau Grün Gelb Rot Blau Grün Rot Rot Gelb Blau Blau Blau Blau Rot Blau Gelb Grün Rot Blau Grün Rot Blau Grün Rot Blau Gelb Rot Rot Gelb Rot Blau Gelb Grün Gelb Blau Rot Rot Grün Blau Grün Blau Gelb Rot Rot Rot Blau Gelb Grün Blau Rot Rot Gelb Grün Blau Grün Blau Gelb Rot Rot Rot Blau Grün Gelb (diese Kombination wird von mir liebevoll als Goethes Erbe bezeichnet, da eine Band namens Goethes Erben einst ein Lied namens „Rot Blau Violett Grün Gelb“ schrieben, und so konnte ich mir diese Kombination stets gut merken. Mein Vorschlag an MB, eine Senso-Neuauflage mit der zusätzlichen Farbe violett zu bauen, wurde jedoch freundlich, aber bestimmt abgelehnt) (Anmerkung: Farben in Anführungsstrichen nicht mittippen!) Grün Grün Gelb Blau Rot Gelb Gelb Rot Blau Grün Rot Rot Gelb Blau Blau Blau Blau Rot Blau Gelb Grün Rot Blau Grün Rot Blau Grün Rot Blau Gelb Grün Gelb Blau Rot Blau Rot Rot Gelb Rot Rot Blau Gelb Grün Grün Gelb Blau Rot Gelb Gelb Rot Gelb Blau Gelb Blau Grün Grün Blau Grün Gelb Rot Rot Gelb Rot Blau Gelb Grün Gelb Blau Rot Rot Grün Gelb Blau Grün Grün Gelb Rot Rot Gelb Rot Blau Gelb Grün Gelb Blau

Variante 2:
Gelb Blau Grün Grün Blau Grün Gelb Rot Rot Gelb Rot Blau Gelb Grün Gelb Blau Rot Rot Grün Gelb Blau Grün Grün Gelb Blau Rot Blau Rot Rot Gelb Rot Rot Blau Gelb Grün Grün Gelb Blau Rot Gelb Gelb Rot Gelb Blau Gelb Blau Rot Gelb Gelb Rot Gelb Blau Grün Grün Blau Grün Gelb Rot Rot Gelb Rot Blau Blau Grün Rot Rot Gelb Blau Blau Blau Blau Rot Blau Gelb Grün Rot Blau Grün Rot Blau Grün Rot Blau Gelb Rot Rot Gelb Rot Blau Gelb Grün Gelb Blau Rot Rot Grün Blau Grün Blau Gelb Rot Rot Rot Blau Gelb Grün Blau Grün Rot Rot Gelb Blau Blau Blau Blau Rot Blau Gelb Grün Rot Blau Grün Rot Blau Grün Rot Blau Gelb Rot Grün Blau Grün Rot Rot Gelb Blau Blau Blau Blau Rot Blau Gelb Grün Rot Blau Grün Grün Blau Grün Gelb Gelb Blau Grün Grün Blau Grün Gelb Rot Rot Gelb Rot Blau Gelb Grün Gelb Blau Rot Rot Grün Gelb Blau Grün Blau Grün Rot Rot Gelb Blau Blau Blau Blau Rot Blau Gelb Grün Rot Blau Grün Rot Blau Grün Rot Blau Gelb (In dieser Variante springt das gehäufte Aufkommen der Farbe Gelb ins Auge; vielleicht wollten die Entwickler damit die geringe Gesamtbeteiligung von Gelb (nur 20,4%!) wieder wettmachen.)

Variante 3:
Rot Rot Gelb Rot Blau Gelb Grün Gelb Blau Rot Rot Grün Blau Grün Blau Gelb Rot Rot Rot Blau Gelb Grün Blau Rot Rot Gelb Grün Blau Grün Blau Gelb Rot Rot Rot Blau Gelb Grün Grün Gelb Blau Rot Gelb Gelb Rot Blau Grün Rot Rot Gelb Blau Blau Blau Blau Rot Blau Gelb Grün Rot Rot Gelb Blau Blau Blau Blau Rot Blau Gelb Grün Rot Blau Grün Grün Blau Grün Gelb Rot (Ja, die dritte Variante ist tatsächlich nur so kurz.Ich war selbst überrascht!)

Nach dem Ende jeder Farbenfolge folgt eine der weiteren, jeweils erkennbar, wie oben bereits beschrieben, an der Anfangsfarbe. Nach dem Durchlauf aller Varianten wiederholt das Spiel diese leider nur noch, wenn auch in zufälliger Reihenfolge. Aber das Spiel hat dennoch nie seinen Reiz für mich verloren. Bei Fragen oder Problemen schreibt mir doch bitte eine Mail an hallo@spielerdrei.de. Viel Spaß!

Godmode always on

Wenn es ein Thema gab, um das sich die Entwicklung der Computerspiele der letzten Jahre primär gedreht hat, dann war es der Drang zum Realismus. Nicht unbedingt in der Wahrnehmung oder Steuerung – Spieler sind es gewohnt, die Welt nur durch ein Fenster von 37 bis 67 cm zu erblicken, und andere Eingabegeräte als die Maus-Tastatur-Kombination und das gelegentliche Gamepad stoßen auf Desinteresse. Aber seit der Entwicklung der ersten VGA-Karten und damit der Darstellung einer annehmbaren Menge von Farben (zumindest weit mehr, als ich je namentlich unterscheiden könnte), wurde im Grafikbereich kontinuierlich auf die möglichst echte Abbildung der Realität hingearbeitet. Da seit der Entwicklung des Raumklangs im Audiobereich auch nicht mehr viel zu optimieren ist, mußte die Realitätssucht auf ein anderes Gebiet übertragen werden und landete prompt beim Spieldesign.

Auf einmal reichte es nicht mehr, Gegner einfach umzuschiessen: Ein Schadensmodell musste her, und bitte auch eine echte Physik, und Ragdoll sowieso, und ja nicht die KI vergessen. Und wenn dann die AK-47 nicht auch ebenso heißt und das Magazin nicht die richtige Anzahl Kugeln enthält, dann ist schonmal alles vorbei.

Aber interessanterweise macht der Drang zum Realismus vor der eigenen Spielfigur halt. Ist die eigene Spielfigur ebenso kopfschussgefährdet wie die Gegner, schlägt der Spaß schnell in Frust um. Realistische Physikengines halten die Spielfiguren nicht von Doppelsprüngen ab, eigentlich tödliche Waffen müssen uns erstmal vier bis zehnmal treffen, bevor wir umfallen, und herumliegende Health- oder First Aid-Boxen heilen entstandenen Schaden in Sekundenschnelle. Die Frage bleibt offen, warum die Gegner diese nie benutzen. Und auch wenn ich damit etwas vom eigentlichen Thema abschweife: Wieso kann ich nur 100 Kugeln für die Uzi mitnehmen, aber trotzdem noch massig Raketen stapeln? Die nehmen doch viel mehr Platz weg, möchte man meinen.

Fakt ist, daß man in nahezu allen actionorientierten Spielen seinen Gegnern in fast allen Belangen überlegen ist, sei es durch überlegene Schnelligkeit, Präzision oder (eh gegeben) Intelligenz. Der Vorteil des Gegners ist die zahlenmäßige Überlegenheit, aber ist das wirklich die einzige Methode, Spannung zu erzeugen? Brauchen wir als Spieler das ganze Kanonenfutter, um uns wohlzufühlen, überlegen zu fühlen? Ich genieße es wie jeder andere, Gegner plattzumachen, aber manchmal wünschte ich mir, sie hätten eine faire Chance.

Fragen, Anmerkungen, Fatwas? hallo@spielerdrei.de ist euer Freund.