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Brad Hawk: Ein Leben zwischen Powerbomb und Philosophie

Sein Name war Brad Hawk. Sein Beruf: Professioneller Schläger. Er kam in die Stadt, um im Auftrag der Chefin der Chinatown-Gang mal so richtig aufzuräumen. Die Bösen fürchteten ihn. Die Guten verabscheuten ihn. Aber er war nicht in die Stadt gekommen, um Freunde zu gewinnen.

Brad Hawk war kein Freund großer Worte. Brad Hawk vermöbelte lieber. Ob Biker, Boxer oder, ähm, blingblingbehängtes Gangmitglied, Brad Hawk hinterließ Fussabdrücke auf ihren Zähnen und gebrochene Knochen allerortens. Brad Hawk zog dabei nicht einmal seine Schlangenlederjacke aus. Brad Hawk, Brad Hawk, BRAD HAWK!

Gut, nachdem ich meine Freude ob des Namens des Hauptcharakters gebührend kundgetan habe, weiter im Text. Unser Held mit dem schicken Namen und der praktischen Frisur macht im Laufe des Spiels nichts weiter, als haufenweise Feinde umzuhauen. So weit, so Final Fight. Was allerdings Urban Reign aus allen Kategorien rausreisst und dem Spiel eine nicht zu unterschätzende expressionistisch-existentialistische Bedeutung zukommen lässt, ist das ganze Drumherum, welches die Essenz des Kampfes in seiner reinsten Form gleichwohl unterstreicht als auch negiert. Doch dazu später.

Auf den ersten Blick schwimmt Urban Reign auf der gerade gottlob wieder auffrischenden Welle der Beat’em’Ups mit, und auch das Setting ist nicht sonderlich kreativ, wenn auch glücklicherweise darauf verzichtet wurde, wertvolle Ressourcen für das möglichst detailgetreue Nachmodellieren einer echten amerikanischen Großstadt zu verschwenden. So prügelt sich BRAD HAWK durch diverse Örtlichkeiten einer fiktiven Stadt mit überwachungsfixiertem Bürgermeister, also quasi Marc Ecko’s Getting Up: Contents under Pressure ohne Spraydose und plakative Subversivität.

Urban Reign ist missionsbasiert, die jeweiligen Schlachtfelder sind meistens eher klein, jedoch ebenso wie die Kämpfer grafisch hübsch und voller zerstörbarer Gegenstände, was allerdings nicht auf die Kämpfer zutrifft, auch wenn das aufgrund eines missverständlich formulierten Satzes wie diesem so erscheinen könnte. Die Bedienung ist simpel, aber effektiv, und der Kampf gegen mehrere Gegner gleichzeitig ist steuerungstechnisch gut gelöst. Finde jedenfalls ich, allerdings sollte man jedwedes Lob meinerseits für alles eigentlich nur bedingt auf die Goldwaage legen, da ich ein äußerst leicht zu erfreuender und anspruchsloser Spieler bin, der eine miserable Kamerasteuerung nicht einmal bemerken würde, wenn [hier noch einen prima Aphorismus einsetzen]. Die einzige Ausnahme bisher bot Forbidden Siren, wo mich die toten Augen der inneren Gesichtstexturen von meiner Spielfigur folgenden Personen zutiefst erschauern ließen. Aber ich lasse mich schon wieder ablenken, böser SpielerDrei, böse!

Im Laufe der Storyline lernt man einige Moves dazu, später werden ebenfalls Waffen genutzt, die erstaunlich mannigfaltig vom Schraubenschlüssel in zwei Variationen über diverse Knüppel, Glasflaschen, Baseballschläger bis hin zu Katanas reichen. Der Angriff mit diesen ist ebenso unkompliziert wie der waffenlose Kampf, und beides führt zu leicht auszuführenden, aber teils äusserst schicken Kombinationen und Kampfszenen. Gut, realistisch ist es nicht, wenn BRAD HAWK an einem Gegner hochrennt, von dort zweien ins Gesicht springt und anschliessend mit einer Schlagcombo den erstgenannten Gegner in die Luft befördert, um ihn dann für einen Powerslam aus der Luft zu fischen, aber immerhin gibt es keine Street Fighter-Feuerbälle oder Ähnliches.

Der von mir erhoffte Coop-Modus für die Storyline ist leider nicht vorhanden oder prima versteckt, so dass für gepflegte gemeinschaftliche Dreschfreuden weiterhin das immer noch tadellose The Warriors herhalten muss. Gegeneinander wird allerdings für die wenigen Spieler, die genug Controller, ein Multitap und drei Freunde haben, so einiges an Modi geboten. Ob das jetzt prima Spaß macht oder im tumben Schnellknopfdrücken ausartet kann ich in Ermangelung aller drei Komponenten nicht sagen, aber die Hoffnung stirbt zuletzt.

So, jetzt ist später (siehe oben). Schon relativ früh merkt man, dass Urban Reign speziell ist. In der ersten Mission, noch auf dem Weg zu seiner Auftraggeberin, vermöbelt BRAD HAWK zwei Gangster in einer Gasse zum Aufwärmen. Sobald der letzte Gegner in Zeitlupe und gerne mit sechsfacher Schraube fällt, ist die Mission abgeschlossen, was selten länger als ein, zwei Minuten dauert. Und selbst wenn man einige Neustarts benötigt, um manche der Missionen zu schaffen, ergibt das eine Nettospielzeit von unter 6 Stunden für die 100 Missionen. Was jetzt nicht wirklich viel ist für 55 Euro. Dann, nach dem Mission Clear!-Schriftzug, werden Skillpoints verteilt. Ja, Urban Reign hat Rollenspielelemente. Vor die harte Wahl gestellt, ob man mit Würfen mehr Schaden machen oder lieber einen zäheren Oberkörper haben will, muss man schon überlegen, wie der eigene Kampfstil denn im direkten Vergleich mit den Angriffsmustern der zu erwartenden Gegnern ausfällt, oder man packt die einfach irgendwo rauf mit der Gewissheit, dass man sich nicht wirklich verskillen kann, weil es ein verdammtes Prügelspiel ist und nicht Elder Nights of Spellforce: The Gothiablo 2.

Oftmals kann man die Reihenfolge der nächsten zwei bis fünf Missionen auswählen, ein dynamischer Missionsbaum ist jedoch leider nicht implementiert, zudem sind alle Missionen obligatorisch. Ach, das klingt jetzt scheisse. Gemeint ist, dass man halt alle Missionen machen muss. Diese werden mit einem Überblick über die Location und einer genauen Missionsbeschreibung zelebriert, welche nicht nur exakt die zu lösende Aufgabe veranschaulichen, sondern dem Spieler auch mit ihren Hintergrundinformationen die nötige Motivation geben. Es ist viel erfüllender, mit Intention handeln zu können – allein für dieses Gefühl bin ich den Programmierern Urban Reigns dankbar. In herkömmlichen Beat’em’Ups schlug ich meistens Gegner nur um, weil sie mir mit erhobenen Fäusten entgegenkamen. Hier weiss ich, dass ich Miguel vermöbeln soll, weil er auf das Auto meiner Auftraggeberin gepinkelt hat. Sinn, meine Freunde, Sinn.

Es ist schon erstaunlich, wie viele Varianten die Autoren sich ausgedacht haben für “Hau alle um”. Ich möchte allerdings nicht den Eindruck erwecken, dass es nur eine Art Missionen gibt. Oh nein, es gibt ausserdem noch “Hau einen um”, “Brech ihnen die Beine” oder “Hau alle schnell um”. Durch einen Storytwist etwa in der Mitte des Spiels gesellen sich ein Haufen Mitstreiter dazu, was leider Gottes auch zu “Pass auf, dass der nicht umgehauen wird”-Missionen führt.

Überhaupt, die Mitstreiter sind noch ein Thema für sich. Gar nicht mal so blöde und mit verschiedenen Kampfstilen vertraut, sind sie im besten Falle ebenbürtige Kampfgenossen und im schlimmsten Falle zumindest eine temporäre Ablenkung der Gegner. Die natürlich vorhandenen und ebenfalls von den Gegnern äusserst gern genutzten Team-Moves sind effektiv und simpel, aber das reicht Uran Reign nicht. Nein, man kann auch jederzeit seinen Buddies befehlen, einen entsprechenden Gegner anzugreifen bzw. von ihm abzulassen, man kann mit ihnen die Rollen tauschen (allerdings ist bei Bewusstschlagung von BRAD HAWK immer Spielende, auch wenn man den Partner spielt) oder ihnen eine Waffe bzw. einen Erfrischungsdrink reichen – wie das alles bei um die vier wild um sich schlagenden und tretenden Gegnern sinnvoll einsetzbar ist, weiss ich nun auch nicht, aber immerhin machen sie auch alleine eigentlich einen ganz guten Job.

Was jedoch Urban Reign so bedeutsam macht, ist eindeutig der Umgang mit den Gegnern. Sind diese in den meisten Beat’em’Ups Kanonenfutter und lediglich durch ihre Anzahl gefährlich, stehen BRAD HAWK selten mehr als vier Gegner gegenüber, auch wenn dieser bereits von einem Sidekick begleitet wird. Ihre Energiebalken sind nicht wesentlich kürzer als die der eigenen Spielfigur, und Waffen, Teammoves und Spezialangriffe (die jeweils einen Teil einer Leiste kosten, die ich bisher schlampigerweise noch nicht erwähnt habe und die durch Schlagen und Geschlagenwerden aufgefüllt wird, und was bin ich doch dankbar für Klammern, weil man in sie prima Informationen quetschen kann, die man sinnvollerweise früher im Text hätte erwähnen sollen, aber hier gibts keinen Lektor, der mich zu so etwas zwingen kann, FREIHEIT) nutzen sie ebenso. In einigen Missionen liegt gar die Überzahl auf der Seite des Spielers.

Wie jedes Spiel auf dem Markt hat auch Urban Reign nur eine begrenzte Anzahl von Gegnerfiguren, die halt von Mission zu Mission wiederholt werden.Aber im Gegensatz zu Final Fight, wo man gut zwölfmal den gleichen Punk in einem Level verkloppt hat, ist Urban Reign dieses Recycling durchaus bewusst. Denn BRAD HAWK verprügelt tatsächlich immer wieder die gleichen Leute (die im übrigen auch jeder eine kleine Biographie haben, weil es für den einen oder anderen bestimmt wichtig ist, wie alt sein Kontrahent ist und was für Ziele er im Leben hat). Das rede ich mir jetzt nicht ein, das wird in den Missionsbeschreibungen auch immer wieder erwähnt. Welche Verzweiflung einige von ihnen verspüren müssen, wenn sie sehen, wie BRAD HAWK mal wieder in ihr Versteck kommt, um sie durchzuhauen (Meistens ist man selber nämlich der Aggressor). Die Sinnlosigkeit des eigenen Tuns wird einem auf diese Art und Weise sehr schön begreiflich gemacht. “Ja, ich bin ein cooler schlangenlederjackenbeschürzter Knochenbrecher, aber nächste Mission stehen die alle wieder. Nichts, was ich tue, hat Bestand. Ich bin der moderne Sisyphus.” So oder ähnlich. Selbst der Abspann bietet kein wahres Happy End.

Wie in Shadow of the Colossus (ein weiteres Spiel mit Tiefe) wird in Urban Reign nach einmaligem Durchspielen die freie Missionsauswahl freigeschaltet, so dass man jeden Level nochmal auf Punkte spielen kann, wobei die Spielfigur aus allen Kontrahenten und Sidekicks frei gewählt werden kann. Ausserdem sind Paul Phoenix und Marshall Law von Tekken freispielbar.

So, sollte jetzt jeder anspruchsvolle Spieler da draussen sofort in den nächsten Elektrofachmarkt rennen und sich Urban Reign kaufen? Nein, mann, habt ihr nicht gelesen? Sechs Stunden bis zum Finale, für Vollpreis! Klar macht das Kampfsystem Spaß, aber es bietet ja keine wirklich dolle Tiefe oder so, keine Special Moves, die man auswendig lernen müsste, und die Figuren spielen sich nicht gleich, aber ähnlich, wenn auch die Moves natürlich verschieden sind. Aber so richtig wegen ‘ner Kaufentscheidung kommt doch eh keiner hier auf die Seite, oder?

Oh, und was eine expressionistisch-existentialistische Bedeutung sein soll, weiss ich auch nicht. Aber ich dachte, das könnte zum Weiterlesen animieren.

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