All you need is TBRB

Guten Tag, Freunde der gespielten gespielten Musik. Wissen Sie, was ich schon immer mal wollte? In medias res anfangen.

Harmonix haben im Vergleich zum direkten Vorgänger einige Detailverbesserungen vorgenommen, die gerade für Score- und Vielspieler Vieles angenehmer machen. So gibt es für die Freunde der tiefen Töne jetzt endlich eine Basskarriere, inklusive leicht einsehbarer Bassscores. Im Übungsmodus sind nun auch beim Gesang einzelne Songabschnitte wählbar, ein Tonhöhenpfeifer hilft, bei mehrstimmigem Gesang den richtigen Ton zu finden, und Harmonie- und Sologesangsscores sind wie bei den Saiteninstrumenten säuberlich getrennt. Das Hammer-On-Chords-Timing ist so viel besser gelungen, dass es Rock Band 2 als Patch nachgereicht wurde, und endlich wird auch wieder die Sternanzahl im Quickplay angezeigt. Andere Änderungen sind der Bewahrung des ursprünglichen Beatles-Liedgut verpflichtet, wie schwer sich diese auf das Spielvergnügen auswirken, muss jeder mit sich selber ausmachen: Die Freeformdrumfills wurden gegen einen einzelnen leuchtenden Block eingetauscht (was je nach Punktewunsch auch durchaus Vorteile hat, verpasst man so nämlich nicht mehr so viele Noten, wenn man seine Starpower ähm Beatlemania für schnellere Passagen aufspart), Gitarreneffekte wie Wahwah und Flanger sind nicht aktivierbar, Big Rock Endings, Tamburin und punktebringende Spracheinlagen fielen komplett weg und der Tremolo ist kaum hörbar. Aber all dies ist nicht wichtig.

Da die Instrumente zu Rock Band 2 hierzulande nie erschienen sind, sind die TBRB-Instrumente ohne Einschränkung zu empfehlen, auch wenn ich die 109€ für die Standalone-Gitarren schon ziemlich haarig finde. Die Drums sind wesentlich leiser und federnder als die der RB1-Schießbude, die beiliegenden Sticks sind deutlich leichter, das Pedal ist metallverstärkt und daher nicht so bruchanfällig wie das Vorgängermodell, der Bass ist ein Traum von Lautlosigkeit und Optik, auch wenn bei intensivem Gebrauch die Lackierung rund um die Strumbar Schaden nimmt, der Mikrophonständer ist stabil, metallen und fühlt sich angenehm -Achtung, Unwort-  wertig an. Abgesehen vom Mic sind die Instrumente kabellos, was ich bei den Drums etwas fragwürdig finde, aber mit einer Batterieladung halten die erstaunlich lange – nach sieben Wochen fingen die Drums an zu blinken, die Gitarre läuft noch immer, und das bei regelmäßigem und lang andauerndem Gebrauch. Aber all das ist unwichtig.

Der Schwierigkeitsgrad der Achievements hat deutlich zugenommen. Konnte man bei Rock Band 2 den Großteil auch in niedrigeren Schwierigkeitsgraden ergattern, verlangt TBRB wesentlich häufiger den höchsten Schwierigkeitsgrad. Dem nicht genug, gibt es instrumentspezifische 100%-Achievements, teils für Soli, teils für ganze Songs, und auf Gitarre noch mit Zusatzschwierigkeitsmodifikator (so müssen in drei Songs alle Hammer-Ons/Pull-Offs eben so gespielt (will sagen: Nicht gestrummt) werden). Das ist auch für Menschen, die eine dreistellige Stundenanzahl mit den Vorgängern verbracht haben, recht harter Tobak. Dass zwei Achievements nur durch die längerfristige Mobilisierung einer oder gar zweier weiterer Sänger machbar sind und dies nur gemeinsam vor der Konsole und nicht über XBL funktioniert, macht das Ganze nicht leichter. Aber wichtig ist das natürlich überhaupt nicht.

Das Charting, also das Leveldesign eines Rhythmusspiels, ist instrumentenübergreifend allererste Sahne. Als Vielspieler bin ich jedesmal wieder überrascht, wie unterschiedlich Level aus gerade mal vier bzw. fünf Einzelelementen aufgebaut werden können, die trotzdem das Gefühl vermitteln, jeden Melodieverlauf des Liedes wiederzuspiegeln. Natürlich ist dies stark vom jeweiligen Song abhängig, aber die Befürchtung, das Schlagzeug wäre ob etwaiger Unfähigkeit Ringos (der ich im Übrigen nicht zustimme) viel zu leicht zu spielen, bewahrheiten sich nicht. Was mich als Laien überraschte, war wie spannend die Bassläufe in vielen Song sind, das hätte ich zugegebenermaßen dem ollen McCartney nicht zugetraut. Aber der war halt auch mal cool. Gitarre ist weitestgehend sehr schön (wenn auch in wenigen Fällen Geigen gechartet werden, worauf ich nicht so stehe), inklusive einiger doch schwieriger Soli, und der Gesang ist natürlich über jeden Zweifel erhaben, gerade das Harmoniegedöns verlangt intensivere Beschäftigung mit den Songs als zuvor. Jedoch sollte man stets im Hinterkopf haben, dass ein Großteil des Beatles-Gesamtwerks im Popumfeld angesiedelt ist, demzufolge sollte man keine minutenlangen Gniedelsoli oder Doublebassstakkato erwarten – so Schwierigkeit das Einzige sein sollte, was euch bei der Songauswahl interessiert, ist TBRB vielleicht nicht die richtige Wahl. Aber jetzt bitte nicht den Umkehrschluss ziehen – zwar kommt es bei Schwierigkeitsgrad entsprechenden Fähigkeiten selten vor, dass man einen Song komplett verkackt (mit Ausnahme von den wenigen schnelleren Drumtracks und einigen fies hohen Gesangsparts), aber für Goldsterne oder 100% muss man sich auch mit hervorragender Instrumentbeherrschung ordentlich anstrengen. Interessant und gewöhnungsbedürftig ist schließlich noch, dass teilweise (vor allem im Abbey Road-Addon) zwei oder drei kürzere Songs zu einem Level zusammengepappt sind, wenn sie auf LP auch ineinander übergingen. Nicht weiter schlimm, aber gerade für Sänger komplizierter, müssen diese sich schließlich dann zwei Melodien merken. Apropos Addon: Etwas blöde ist, dass, so man sich das komplette Album zieht, der Song “The End” insgesamt dreimal vorkommt (einzeln im Hauptspiel und als Teil des kompletten B-Seiten-Medleys sowie des Teils “Golden Slumbers/Carry That Weight/The End”), was mich persönlich weniger störte, wenn ich da nicht immer das Solo verkackte bzw. den “Love you”-Part korrekt sänge.  Aber ist das wichtig? All signs point to no.

(Disclaimer: Die Aussagen des vorherigen Absatzes bezüglich der Chartingqualität beziehen sich ausschließlich auf den höchsten Schwierigkeitsgrad. Über alles andere kann ich keine Aussage machen.)

Grafisch ist es Klax mit warmen Farben. Komplett ohne Wichtigkeit.

Ach halt, da war ja noch was im Hintergrund. Zu den bizarren Traumlandschaften hat Daniel bei Polyneux ja schon was geschrieben, dem möchte ich nur hinzufügen, dass jeder einzelne Beatle bestimmt ein Dutzend mal modelliert wurde, mit jeweils verschiedener Frisur, Bartwuchs und Kleidung. Natürlich stellt sich immer die Frage, wie wichtig Kleinigkeiten bei einem Spiel sind, bei dem man im normalen Spielverlauf eh auf nichts am Rande achten kann, aber gerade die Mimik der Figuren hat es mir angetan, kleine Momente, Blicke, ein Lächeln, Augen schließen… wirkt sehr sympathisch. Aber wie gesagt: Unwichtig.

Das Einzige, was wirklich wichtig ist, das einzige, was die Frage beantworten könnte, ob dieses Spiel für euch geeignet ist, ist euer Verhältnis zu den Beatles. Für Fans stellt sich die schlichtweg keine Frage, so auch nur ein gelindes Interesse an dem Genre existiert, denn neben der Möglichkeit, die Musik in Stereo zumindest fake mitzuerleben, gibt es noch haufenweise Fotos, Texte und Videoaufnahmen freizuschalten, dazu noch das bisher unveröffentlichte Studiogebrabbel vor und nach jedem einzelnen Lied…  Andersrum ist es für Menschen, die Beatlessongs überhört haben und/oder immer scheiße fanden ein absoluter Overkill an Hippiekacke, Psychedelika und Popmüll. Ich befand mich in der glücklichen, wenn auch vermutlich seltenen Lage, nur 13 von den 57 bisher veröffentlichten Songs zu kennen, und von 6 davon wusste ich entweder nicht, dass die von den Beatles sind, oder hatte sie nur als Coverversion gehört. Zusammen mit meiner unabstreitbaren Popaffinität war das Spiel demzufolge ein Quell lang anhaltender Freude und ist es bis heute. Abschließend noch eine nicht zu vergessene Wahrheit über das Genre allgemein: So ihr nicht alle vier Instrumente spielt, reduziert sich der Solo-Spielspaß naturgemäß um ein bis drei Viertel (ja, ich kenn Leute, die keinen Bass spielen). Und wenn ich auch verstehen kann, dass nicht jeder eine goldene Kehle haben kann: Jungs, Trommeln macht echt Spaß.

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