Multitastic

Im Laufe der Jahre konnte ich feststellen, dass es immer wieder Phasen in meinem Leben gibt, in denen ich keine große Lust auf Videospiele habe. Oh, ich lese gerne weiterhin über sie und denke über sie nach, aber tatsächlich spielen – njä. Zwei Spiele gibt es allerdings, die ich auch in diesen Phasen immer wieder spiele – weil es sich eigentlich gar nicht wie Spielen anfühlt.

Ich weiß nicht, ob da ein Zusammenhang besteht, aber diese beiden Spiele stehen auch auf der sehr kurzen Liste von Spielen, von denen ich von mir behaupten würde, sie ziemlich gut zu können. Wenn es da einen logischen Zusammenhang gibt, ist er mir noch nicht bekannt.

Das eine Spiel ist Geometry Wars, und ich liebe dessen Simplizität. Keine Combos, keine komplizierte Tastenbelegung, keine Cutscenes, keine Speicherstände, keine Charakterzeichung, keine freischaltbaren Goodies, keine Story, keine Rätsel, keine Sackgassen, und selten länger als 15 Minuten. So weit ist es von aktuellen Spielen entfernt, dass ich mich auch in Spielstimmungstiefs, wenn mich alles Obengenannte anödet, immer auf GW berufen kann. Wenn ich selbst das eines Tages nicht mehr spielen will, kann ich ganz aufhören.

Das Schöne an den Achievements von GW ist, dass man sie theoretisch alle in einer Partie erspielen kann. Doch jeder, der sich mit diesem Spiel beschäftigt hat, wird feststellen, dass zwischen Theorie und Praxis mehr als nur ein und steht.

Vorgestern fehlten mir noch zwei Achievements: “Erreiche 1.000.000 Punkte ohne zu sterben” sowie “Schraub deinen Multiplikator auf x9 hoch”. Gestern war kein guter Tag, und mit etwas Wut im Bauch spielte ich Geometry Wars. Nachdem ich zwei meiner drei Leben bereits vor den 100.000 Punkten verlor und mein Ehrgeiz daher der “Scheißwasdrauf”-Mentalität wich, hatte ich einen Lauf, den die Videospielgötter einem nur einmal geben.

Der Multiplikator in GW steigt nicht, wie man vielleicht meinen sollte, bei bestimmten Punktzahlen, sondern nach einer kumulativ ansteigenden Anzahl der abgeschossenen Gegner. Nun gibt es zwei Gegnertypen, die die ideale Kombination aus hoher Anzahl und leichter Zerstörung bieten: Die blauen, langsam auf die Spielfigur zudriftenden Rhomben sowie die kleinen fusselähnlichen Viecher, die frühestens ab 150.000 Punkten in gigantischen Mengen spawnen. Da die Spawnwellen in keinem GW-Spiel dem nächsten gleichen, kann der Randomizer einem das Leben zur Hölle machen oder, wie an diesem Tag, zur Butterfahrt.

Es spawnten fast nur Rhomben und Fussel, und mit ein wenig Glück und nem Haufen Smartbombs kletterte mein Multiplikator in Rekordschnelle auf x8. Ich hatte keine Ahnung, wie lange es bis nur 9 dauern sollte – so nah war ich dem Ziel noch nie gewesen. Das Problem ist: Ich bin keine coole Sau, ich bin ein panisches Huhn. Wenn es hart auf hart kommt, wenn ein Mann seinen Mann stehen muss, dann fang ich an zu zittern und zu schwitzen, als wäre ich Testsubjekt in Schrödingers Temperaturexperiment. STRESSAAHHOOHHVORSICHT und dann prallte ich gegen einen Gegner und war tot. Das setzt den Multiplikator zurück auf x1.

 

ragequit.

 

Heute zog es mich zurück in dieses virtuelle Reich des Leids. Heute liefs natürlich erstmal gar nicht so gut. Aber beim dritten Versuch kamen wieder haufenweise Fussel, und irgendwie kreisten die magenta Bruchstücke an mir vorbei statt wie sonst in mich rein, und irgendwie und keine Ahnung war da plötzlich der Multiplikator auf x9 gepingt. Kein Achievement-Pop-Up, die kommen, um die Sicht nicht zu versperren, bei GW erst nach Game Over, aber x9. Hatte ich ganz genau gesehen. Endlich.

Eine Welle der Erleichterung wusch mit einem Whoosh all die Anspannung weg, und jetzt, wo es um nichts mehr ging (ich erhoffte kaum, meinen Highscore zu schlagen, und das letzte Achievement war dank Frühtod nicht mehr erreichbar), konnte ich entspannt aufspielen. Flog wie besoffen durch die Feindesflut, schoss in alle Himmelsrichtungen und überlebte sogar lang genug, um gar noch x10 zu ergattern. “Mensch”, dachte ich, “ich wusste gar nicht, dass es x10 gibt. Ob das noch höher geht?” Sollte ich nicht mehr erfahren, weil irgendwann war dann auch einfach mal Schluss. Ganz knapp vor zwei Millionen, um genau zu sein. 500.000 Punkte mehr als je zuvor (Obwohl das Leaderboard immer noch nur 1.2 Millionen anzeigt. Aber wem glaubt ihr mehr, mir oder dem?). Awesome. Endbildschirm. Und dann der Schock.

Es gab gar kein Achievement für x9. Für 9 Leben, ja, für 9 Bomben, auch. Aber nicht für x9.

Sondern für x10. Heißt Multitastic. Hab ich jetzt. Ignorance is bliss und so.

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11 responses to “Multitastic

  1. Glückwunsch! Und saucoole Geschichte. *mitfieber*

  2. awesome, in der Selbst-Täuschung liegt die Kraft. Kaum geht es augescheinlich um nichts mehr, flutscht das vorher für unschaffbar Gehaltene. Sehr schön geschrieben. Kenne da so ein Blog, bei dem dieser Artikel wunderbar passen würde *hint hint*

  3. PS: Du bleibst uns im Artikel übrigens das zweite Spiel schuldig…

  4. Wow, meine ersten Fremdkommentare! Dabei bin ich doch noch gar nicht fertig mit Herrichten, und Umziehen muss ich mich auch noch..

    @manu: Das ist total Absicht.

  5. mir geht’s mit GW genauso, das geht irgendwie immer, und wie auch bei damals frequency/amplitude gibt’s immer mal phasen, in den es total flutscht und andere, in denen man schon nach 2 minuten merkt: heute wird das nix (und man spielt trotzdem noch 2-3 runden)

    … und wann kommt die story zu “trommeln mit rockband”? =)

  6. Mir geht’s leider mit der “coolen Sau” und dem “panischen Huhn” genauso: wenn ich kurz vor dem Erreichen von Etwas bin, was ich im Vorfeld für schwer möglich gehalten hätte (und dieses mitbekomme, d.h. aus dem Flow herausgerissen werde), dann verkacke ich in den meisten Fällen auch. Es ist was anderes, ob man WEISS, dass man gerade mit seinem letzten Schiff (shmup) unterwegs ist, oder ob man es erst nach dem Verlust dieses bemerkt.

    Extra schön sind daher die Fälle, in denen man es trotzdem schafft. Wenn man mit seinem letzten Leben den Endboss knackt. Es sind diese Momente, die in Erinnerung bleiben. Und deswegen steht bei mir die Spielmechanik ganz oben, weit vor Story oder sonstigen Inhalten.

  7. Das Verkacken kenne ich auch, besonders bei Guitar Hero. Man ist kurz davor, einen Song auf Perfect (ohne verpasste Note) zu schaffen und DANN verkackt man erst recht.

  8. Und zwar bei den einfachsten Notenfolgen. Meist bin ich so erstaunt, dass ich ein hartes Solo geschafft hab, dass ich danach bei nem simplen Akkordwechsel versag. Nerven aus Stahl müsste man haben. Wie mein Exmitbewohner.

  9. .. aus der gamingtrance aufwachen und grandios verkacken passiert mir in erster linie bei jedem racinggame; in der letzten runde, locker in führung liegend, in die letzte kurve einlenken und die karre mit nem 720er ins kiesbett schieben oder an einer bande zerlegen …und zuschauen wie man durch die platzierungen gereicht wird.

    wobei (und damit zum thema), das letzte echt blöde “oh shit” war tatsächlich bei galaxy wars 2, als ich beim bereits automatisierten “noch-1-minute” blick auf den score schaute und realisierte, das es bereits knapp 8 mio waren… also in absoluter siegessicherheit, dir den ersten platz in meiner scoreliste mal wieder wegzunehmen … und dann im 5 sekundentakt jedes schiff in irgendwas total doofes reingeschmissen hab… endstand: keine 10 mio =/ hätte ich mal nicht hingeschaut…

  10. super tipp, probier ich mal aus… ich muss aber erst das buch bei amazon bestellen

Gratiskaramell?

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