Anklageschrift

Apollo Justice: Ace Attorney hinterließ mich zwiegespalten. Einerseits fühlte ich mich über weite Strecken gut unterhalten, die Kriminalfälle waren hübsch komplex aufgebaut und das Spielprinzip eine willkommene Abwechslung zu dem Gewalteinerlei, dem ich gemeinhin fröhne (auch wenn AJ:AA nicht mit Mord und Totschlag geizt). Aber andererseits…

Das Spielprinzip ist merkwürdig undurchdacht. Ich hab kein Problem mit den Adventureparts, auch wenn nicht immer klar ersichtlich wird, was man jetzt wo machen muss, damit es woanders weitergeht. Ich beschwere mich auch nicht über die Gerichtssequenzen, in denen man in mühevoller Kleinarbeit die Aussagen der Zeugen auseinanderfriemelt. Was dieses Spiel jedoch von den entfernten Verwandten aus dem Hause Lucasarts hätte lernen sollen: Failstates und Adventures don’t mix.

Zur Hälfte hat AJ:AA das verstanden. Solange nicht jedes entscheidene Beweisstück gefunden ist, wird man die Außenmissionen nicht beenden können – Sierrasche Sackgassen sind damit eleminiert, was ja begrüßenswert ist. Aber im Gericht gibt es einen Lebensbalken, der sinkt, wenn man das richtige Beweismittel zur falschen Zeit zeigt (und andersrum), die tatortbeschreibenden Skizzen falsch markiert und generell Fehler macht. Ist der Balken leer, heißts Game Over, weiter bei Beginn des Abschnitts.

Und das ist die dümmste Designentscheidung, die mir dieses Jahr begegnet ist (AJ:AA ist mein erstes Spiel aus der Ace-Attorney-Reihe). Abgesehen von den paar Ausnahmen mit alternativen Lösungsmöglichkeiten haben Adventures spielmechanisch gesehen keinen Wiederspielwert, weil der Witz dieses Genre das Finden des Lösungswegs ist, nicht der Weg an sich. Nun ist AJ:AA ein Spiel mit Unmengen an Dialogen, gerade die Gerichtsszenen bestehen naturgemäß fast nur aus ihnen. Da diese auch enorm langwierig sind und keine Checkpoints setzen, kann es also durchaus passieren, dass man, so man einfach nicht auf das letzte entscheidene Beweisstück kommt und verkackt, die nächsten zwanzig Minuten damit verbringt, Dialoge wegzuklicken und Beweismittel erneut vorzulegen.

Bei Actionspielen wäre ich ob solch seltener Speichermöglichkeiten zwar auch entrüstet, aber durch das Wiederspielen bestände zumindest die Chance, dass meine Fähigkeiten im Umgang mit dem Spiel steigen, dass ich diesmal eventuell mit mehr Lebensenergie beim Endgegner ankomme und generell möglicherweise sogar Spaß auf meinem Weg hatte. Aber hier gibt es nichts dergleichen.

Klar, man kann diese Klippe umschiffen, indem man das Spiel in brenzligen Situationen beendet und dann vom so geschaffenen Autosave weiterspielt, aber elegant ist diese Lösung nicht. Ich bin kein Spieldesigner, aber es muss doch eine bessere Lösung geben, sinnloses Herumprobiere seitens des Spielers nicht zum Erfolg führen zu lassen, ohne ihn zur Langzeitwiederholung zu verdammen.

Ich war auch enttäuscht vom Ende des Spiels – es blieben mir ein paar Fragen zu viel ungeklärt. Auch weiß ich nicht, ob dies ein roter Faden ist, der sich durch die Serie zieht, aber dadurch, dass man als Verteidiger lediglich dafür sorgen muss, dass der eigene Mandant freigesprochen wird, und der Abschnitt damit auch endet, hatte ich manchmal Probleme, die tatsächliche Motivation des eigentlichen Täters zu verstehen. Außerdem ging mir mit der Zeit das ständige Nieder- und Sich-über-ihn-lustig-machen auf Kosten meines Protagonisten gehörig auf den Zeiger – ich weiß nicht, ob das so ein japanisches Ding ist, diese geheime Freude an der Despektierlichkeit, aber mir fiel die Sympathie mit allen Nebenfiguren, die dies mit Apollo praktizieren, als auch ihm selber schwer, weil er alles nur innerlich kommentierend und zerknirscht guckend schluckt – soll das witzig sein? Zumal das Loserimage in keinem Verhältnis zu seinen Taten steht.

Es wird sehr viel gesprochen in diesem Spiel. Kombiniert mit der enormen Länge des Spiels ergibt das eine gigantische Menge an Text, die es zu konsumieren gilt. Und ich mag Worte – ich les gerne, mich interessieren Geschichten und Charaktere, ich bin tatsächlich die Zielgruppe. Aber eins fiel dann selbst dem unkritischen SpielerDrei auf – the writing is nothing to write home about, so to speak.

Das mag überraschen, gelten die Ace Attorney-Spiele doch als recht gut geschriebene Genreexemplare. Das will ich auch gar nicht abstreiten – aber im Land der Blinden ist eben der Einäugige König. Wenn man überlegt, wieviele Autoren allein für eine Sitcom an den Dialogen herumschrauben, können Spiele, bei denen ja “echte” Autoren immer noch nicht gang und gäbe sind, einpacken. Ist ja auch nicht nötig – den meisten Spielern reichen Oneliner und Pathos, und das kriegen auch der Lead Designer und der Praktikant noch hin. Im medienübergreifenden Vergleich ist AJ:AA jedenfalls vielleicht auf einer Höhe mit einer Vorabendserie, und das ist in dieser geballten Menge halt für einen Freund gutgeschriebener Texte enttäuschend.

Das soll gar nicht solch eine harsche Kritik sein, wie es sich vielleicht liest – natürlich erwarte ich keine ergreifenden Zeilen, keine wertvollen Sätze. Aber Text sollte im Idealfall berühren, unterhalten und/oder informieren, und die Dialoge in AJ:AA plätschern halt einfach so vorbei, – ganz nett, aber selten ein Lächeln wert, und auf die reine Masse an Buchstaben ist das einfach zu wenig. Ich habe beim Spielen der Monkey Island-Special Editions erstaunt festgestellt, wie kurz doch die meisten Gespräche in diesen Spielen sind, wie schlau die Designer es fertigbrachten, die nötigen Informationen plus zwei drei Scherze zu vermitteln, ohne den Spieler ewig in eine Konversation zu verwickeln. Andererseits – kürzte man die ganzen unnötigen, albernen und ziellosen Dialoge aus AJ:AA, würde nicht viel Spiel überbleiben. Vielleicht ist es nicht mein Genre. Ich guck ja auch kein Matlock mehr.

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3 responses to “Anklageschrift

  1. Ich wiederum kenne nur den ersten Teil, in dem es keinen Lebensbalken, aber auch etliche Game Over Stellen gab, weil man 3x falsche Beweise geliefert hatte. Grade angesichts der Esoterik einiger Beweisketten nicht die klügste Entscheidung.
    Was den Text angeht, oh ja, schlimm. Wirklich schlimmes Gesabbel, möglichst umständlich, möglichst langwierig, man bekommt dieses unbestimmte Gefühl, dass sich alle darauf geeinigt hätten, man wolle hier möglichst viel Zeit schinden.

  2. Apollo ist m.M. nach der schlechteste Ableger der Serie. Mochte die Fälle und Charaktere um Phoenix deutlich besser und symphatischer. Das mit der erzählweise ist wohl auch der Kultur zuzuschreiben, auch was das Getue mit den Peinlichkeiten angeht. Probier mal den ersten Teil oder aber den Neuesten. Der ist ja komplett anders und mehr wie ein Adventure und ohne die Gerichtsszenen. (Miles Edgeworth)

  3. Mal schauen – ich fürchte, mir ist in dem Ganzen etwas zu wenig Spiel – aber wenn ich wieder einen Teil für 5€ sehe, kann ich wohl kaum widerstehen.

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