Homosexualität im Westen

Ich bin nicht entrüstet, ich halte es für keinen Skandal und political correctness ist mir keinen Rattenarsch wert. Nachdem dies gesagt ist:

Red Dead Redemption sprach auf meinem Weg durch das Spiel dreimal das Thema gleichgeschlechtlicher Liebe an, und mit keiner dieser Nennungen war ich glücklich. Ich kreide das dem Spiel nicht sonderlich an – es sticht mit seinem Umgang mit Homosexualität durchaus nicht aus der Masse raus. Nur weil ein Arm des Rockstaroktopusses eine meines Erachtens nach erfrischend unpeinliche schwule Figur mit Gay Tony erschaffen hat (auch wenn dieser mit seinem schwächlichen Wesen und starkem Drogenkonsum kaum als Leitfigur fürs GLBT-Movement taugt), und ein weiterer Tentakel die Wahl des vom Protagonisten favorisierten Geschlechts dem Spieler übergab, ohne dies plakativ zu inszenieren oder es als Entweder-Oder-Entscheidung darzustellen, erwarte ich doch bei weitem nicht, dass alle Spiele mit dem R und dem Stern mit diesem Maß an Aufklärung an das Thema herangehen – zumal es wohl auch kaum zum Setting passt. Man könnte sicherlich auch einen prima Text über die Rolle der Frau in RDR schreiben, aber bevor ich mich zwischen gender studies und den Fallstricken des Genres verheddere, bleibe ich lieber bei dem, was so nicht in jedem Spaghettiwestern vorkam.

Seth ist der widerwärtigste dem Protagonisten wohlgesonnene NPC, der mir je in einem Spiel begegnet ist. Halbverhungert, den Toten auf eine Art zugeneigt, über die man lieber nicht nachdenken möchte, mit einem Mund voller verfaulter Zähne, ist Seth ein früher Höhepunkt von RDR. Der erstrebte Effekt trifft ein, ich zeige die gewünschte emotionale Reaktion, alle sind glücklich. Seths Kommentare während der ersten Mission, in der man seinen ehemaligen Partner finden muss (“I would have done anything for that man” usw.) erschienen mir erst auch unproblematisch, gar zum manischen Charakter passend. Ein paar Missionen später sagt er allerdings – mehr oder weniger zusammenhanglos – “I don’t like women, partner. I don’t. Not since mammy died.” Natürlich muss das nicht zwingend heißen, dass er homosexuell ist, aber es wird, vor allem in Verbindung mit den vorhergehenden Aussagen, impliziert. Wie wir wissen, haben Charaktere in Spielen per se keine Eigenschaften, die nicht vom Designer/Animator/Autoren implizit oder explizit in die Figur gelegt wurden. Ein Charakter hat demnach nur eine Sexualität, wenn sein Erschaffer das für wichtig hält. Und ich unterstelle, dass der Grund in diesem Fall ist, den Spieler Seth als noch abstoßender erscheinen zu lassen – dies ist kein Spiel, das sich mit vielschichtigen Charakteren beschäftigt. Und diese Gleichstellung von schwul = eklig finde ich halt… sagen wir unglücklich.

Spatchcock, der Schauspieler, mit dem man sich in einer der Nebenmisionen duelliert, ist ein Beispiel für Homosexualität als Gag, hahaschwul. Ist ja auch viel witziger, wenn der Schauspieler (FAG, hihi!) mit dem Kameramann (HAHA) durchbrennt als mit beispielsweise der Dame von der Maske (HOHähmoment). Wäre für sich allein jetzt nicht wirklich einen Blogbeitrag wert gewesen, zugegeben, aber ich war ja eh grad beim Thema und Listen mit nur zwei Punkten wirken so anämisch. Außerdem ist Humor, oder das, was die entsprechenden Verantwortlichen dafür halten, der häufigste Grund für schwule Videospielfiguren – und ich finde sexuelle Orientierung halt nicht sonderlich lustig.

Die prominenteste schwule Figur in Red Dead Redemption, und die einzige, bei der es tatsächlich angesprochen wird, ist gleichzeitig die, wo mir die Bestimmung des Grunds  schwerfällt – auch, weil De Santa eine der interessantesten Figuren ist. In der ersten Begegnung, bei den Blicken zwischen ihm und dem offensichtlich schwulen, weil lächelndem und rosatragendem Diener (dies ist der Wilde Westen, da gabs noch keine Subtilität), dachte ich ursprünglich, dass er diesen gleich erschießen würde, um uns De Santas Brutalität und Gefährlichkeit zu demonstrieren – aber es kam ja ganz anders. Ich könnte es mir leicht machen, alles, was Captain Espinoza über ihn sagt, für bare Münze nehmen und seine Homosexualität als Teil der Charakterisierung als weicher Feigling sehen. Und klar, bei den Kämpfen war er nie dabei, und okay, er hat hinterlistig versucht, mich umzubringen (Und nicht Mann gegen Mann, wie ein echter Mann das Mannchen würde…). Andererseits fand ich ihn am Ende keinesfalls feige, es gab kein Gewinsel, kein Geflehe – außerdem fand ich seine Monologe über Colonel Allende super, weil er so überzeugt von seiner Sache war – ohne so fanatisch-verblendet wie beispielsweise Luisa zu wirken. Selbst wenn ich persönlich aber seine Feigheit in Frage stellen würde, bleibt natürlich trotzdem ein menschenverachtender, hinterlistiger Bastard, der aus mir dann nicht ersichtlichen Gründen homosexuell ist. Auch nicht toll.

Wenn man so eng am Ausgangsmaterial bleiben will wie Rockstar mit Red Dead Redemption, kann man Sexualität nicht ausklammern – zu tun, als ob es Homosexualität im Wilden Westen nie gegeben hätte, ist auch keine erstrebenswerte Vorgehensweise. Bleibt natürlich die Frage, ob Sexualität in Spielen überhaupt stattfinden muss, persönlich denke ich, dass die nötige Reife dem Medium noch fehlt. Gerade wird mir auch bewusst, dass ich mit diesem Text ein verfälschendes Bild des Spiels schaffe – tatsächlich erscheint mir beim Nachdenken, dass jede Figur, deren Sexualität thematisiert wird (Allende, Reyes, der Pferdebesitzer), negativ dargestellt wird. Gut, getreu der Vorlage gibt es eh kaum positive Figuren im Spiel, dennoch kommen die, die lediglich Hunderte von Menschen töten, vergleichsweise gut weg. Aber auch das ist ja nichts als Genretreue.

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One response to “Homosexualität im Westen

  1. So, damit beenden wir mal die Westernwochen bei Allerlei Blei. Demnächst dann wieder was anderes.

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