Tekken mit Phil

(Kurze Anmerkung: Das Folgende schrieb ich für einen Kurzgeschichtenwettbewerb bezüglich Teenagersuizidprevention, das Thema war “Freunde fürs Leben”. Zugegebenermaßen war jetzt Tekken nicht die naheliegendste Assoziation, aber was willste machen. Wenn ihr lieber hört statt lest, könnt ihr euch den Krams auch hier von Markus Kavka vorlesen lassen.)

Die  Krawatte sitzt nicht. Frustriert löse ich den Knoten, überlege kurz, ob ich sie weglassen soll, und binde sie dann zum dritten Mal. Ich sehe meine Hände im Spiegel zittern. Ich bin Bankangestellter, ich kann Krawatten binden, ich mache das jeden Tag. Aber ich gehe nicht jeden Tag auf eine Beerdigung.

Ich erinnere mich nicht genau, wie ich Phil kennenlernte. Er ging auf die gleiche Schule, einen Jahrgang über mir, und seine Eltern wohnten bei uns um die Ecke. Zwischen Schulweg, Schulhof und diversen Spielplätzen ist uns aufgefallen, dass der jeweils andere auch ständig da war. Es gab keine Suche nach gemeinsamen Interessen, keine Abtastphase: Wir wurden Freunde, weil wir beide einen Freund brauchten.

Nach dem vierten Versuch bin ich mit dem Knoten zufrieden und gehe auf die Veranda. Mein Vater pflanzt oder jätet im Garten, das Radio spielt dazu die Superhits der Achtziger, Neunziger und von heute. Meine Mutter sitzt in einem weißen Gartenklappmöbel und mustert mich mit wegen der Sonne zusammengekniffenen Augen: “Siehst gut aus, mein Schatz.” Ich hebe kurz den  Mundwinkel und weiß nicht, was ich tun soll. Es ist viel zu früh, um loszugehen, das Wetter ist zu gut für eine Beerdigung. “Willst du dich nicht ‘n bißchen zu mir setzen? Ist so schön heute” sagt meine Mutter, und nur ihr Blick spricht weiter: “und wir sehen uns doch so selten!” Ich will nicht. “Ich geh nochmal nach oben.”

Wir verabredeten uns zum Spielen, einmal, öfter, nur noch. Wenn er vor mir Schulschluss hatte, wartete er auf dem Schulhof auf mich, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Er gab mir nie das Gefühl, ihm irgendetwas schuldig zu sein; andersrum entschuldigte er sich auch nie, wenn wir uns mal gestritten hatten. Einmal schlug er mir beim Rangeln einen Milchzahn aus, und während ich heulte, streckte er seine dünnen Kinderarme gen Himmel und ließ sich von einer imaginären Zuschauermenge feiern wie ein Boxer, der gerade den Weltmeistertitel errungen hatte. Dann half er mir, den Zahn zu suchen, und am nächsten Tag gab er mir Zweifünfzig, weil seine Eltern diese Zahnfeegeschichte mit dem Milchzahn unterm Kissen betrieben.

Ich stehe in meinem Kinderzimmer und schaue mich um, aber die erwartete Welle an Emotionen kommt nicht. Keine Erinnerungen an Phil. Wir waren selten hier – manchmal draußen, aber meistens bei ihm. In einer halboffenen Schreibtischschublade sehe ich ein verknicktes Oktavheft, auf dass ich vor 15 Jahren den Grund dafür geschrieben habe, in großen, schwarzen Buchstaben: TEKKEN.

Eigentlich gehörte die Playstation Phils Vater. Ich mochte ihn von Beginn an, weil er so viel jünger war als meiner und richtig gute doofe Scherze machte. Ich beneidete Phil manchmal um seine Beziehung zu seinem Vater, aber natürlich sagte ich das nie jemandem. Phil war ein Schlüsselkind, und da seine Eltern nicht vor 18.00 Uhr heimkamen, hatten wir jeden Tag drei geheime Stunden mit ebendem Gerät, vor dem uns seine Mutter am liebsten beschützt hätte. Sein Vater merkte anhand der Spielstände schnell, wie der Hase lief, und obwohl er uns abends dann gerne zu Lügengeschichten animierte, indem er uns vor seiner Frau fragte, was wir denn den Nachmittag über so Schönes gemacht hatten, hielt er augenzwinkernd dicht. Und so ging das jahrelang: Schule, Tornister zu Hause abliefern, schnell was essen und dann meiner Mutter auf die Frage, wo ich denn nun schon wieder hinwolle “Tekken mit Phil” antworten. Ich glaube nicht, dass sie je wusste, was ihr Sohn da sagte. Aber ich nahm es ihr nie übel, dass sie nicht nachfragte.

Ich durchblättere 16 Seiten mühevoll abgemalter Tastenkombinationen. Es ist  merkwürdig, an was man sich erinnert, was man assoziiert. Ich ging 10 Jahre zur Schule, und erinnere mich kaum an meine Lehrer. So viel ich auch mit Phil  erlebt habe, nichts ist so präsent wie das Bild von uns beiden, wie wir vor dem Fernseher seines Wohnzimmers hocken und ein Prügelspiel spielen.

Aus Tekken wurde Tekken 2 und 3. Wir bekamen nicht genug davon. Ich spielte sonst keine Videospiele, aber dies war meine erste eigene Tradition, lange bevor ich genau wusste, was das war – es verband uns. Natürlich machten wir das nicht jeden Tag, so sehr meine Erinnerung mir das auch vorgaukeln möchte. Aber an jedem anderen Tag wünschte ich, es wäre so.

Ich verlasse unser Haus durch die Vordertür, gehe aber noch einmal ums Haus, um meinen Eltern auf Wiedersehen zu winken. Mein Vater nickt mir zu und wischt sich die kahle Stirn mit einem Wischlappen ab; meine Mutter ruft mir etwas, was ich nicht verstehe. Ich gehe zu Fuß und lass mein Auto stehen; ich rede mir ein, dass mir die Bewegung gut tut; in Wirklichkeit will ich wohl einfach nicht so schnell ankommen. Ich habe Angst.

Es gab kein einschneidendes Erlebnis, das unsere Wege trennte, keinen Streit; rückblickend erscheint es unerklärlich, wie ein Mensch, der einem für eine solch lange Zeit derart wichtig war, plötzlich aus dem eigenen Leben verschwindet,  ohne dass man es bemerkt oder Abschied nimmt. Ich fing nach der Schule eine Ausbildung an, er ging auf die Oberstufe. Wir hatten keinen gemeinsamen Schulweg mehr, ich musste nachmittags arbeiten. Manchmal trafen wir uns am Wochenende zum Spielen – inzwischen hatte auch seine Mutter nichts mehr dagegen -, aber immer öfter kam etwas dazwischen. Ich hatte auf der  Berufsschule viele neue Leute kennengelernt, und bald fand ich Mädchen interessanter als Videospiele.

Es stehen mehr Menschen vor der Kapelle, als ich erwartet hatte. Ich habe das Gefühl, keine Luft zu kriegen; ich weiß nicht, ob das an der Hitze, der Krawatte oder der Angst liegt. Ich gehe eine Runde um den Friedhof, um nicht so früh da zu sein und meine Atmung zu beruhigen. Als ich zum zweiten Mal zum Tor komme, ist die Menge sichtlich geschrumpft; lediglich die Raucher stehen noch vor dem Eingang. Ich atme tief durch und gehe zur Kapelle.

Meine Mutter hatte die Todesanzeige in der Zeitung gelesen und rief mich an. Ich sagte lange nichts, dachte nichts; ich spürte nur diesen Knoten in meinem Bauch, pulsierend, wachsend. “Die Trauerfeier ist am Samstag. Gehst du hin?” Soviele Gründe fielen mir ein, es nicht zu tun: Die lange Zeit, der abgebrochene Kontakt, meine eigentlichen Pläne fürs Wochenende. “Ja”, sagte ich.  “Natürlich.”

Ich betrete die Kapelle; die Bänke sind alle besetzt oder werden für die Raucher besetzt gehalten, daher nehme ich die Treppe, die zu dem kleinen Balkon hochführt, auf dem auch die Orgel steht, und setze mich. Die Orgel spielt, der Pastor fängt an zu sprechen und ich an zu weinen.

Ich wurde nach der Ausbildung nicht übernommen, aber Banken gibt es überall, und ich hatte eh genug von Kleinstadt. Phil machte gerade seinen Zivildienst, und obwohl wir nicht mehr viel miteinander zu tun hatten, bot er an, mir beim Umzug zu helfen. Als wir schließlich den letzten Karton aus dem gemieteten Transporter gewuchtet hatten und mit meinen Eltern, meinem Onkel und noch ein paar Freunden in meiner neuen Wohnung saßen, versprachen wir uns, trotz der Entfernung wieder mehr Kontakt zu haben. Er würde mal am Wochenende vorbeikommen, und dann würden wir Tekken spielen, wie früher. Ich war begeistert von der Idee. Wir trafen uns danach noch ein paar Mal, zufällig, auf Parties von gemeinsamen Freunden, und nahmen uns das jedesmal wieder vor. Das letzte Mal vor etwa acht Jahren. Seitdem hab ich ihn nicht mehr gesehen. Ich habe es nicht einmal bemerkt.

“…Phillip Wiechmann, der leider viel zu früh von uns gegangen ist…”, der Pastor nähert sich dem Ende seiner Rede, und ich bin heilfroh über die Taschentücher, die mir meine Mutter eingesteckt hat. Trauerfeiern haben diese bestimmte Atmosphäre, dieses geballte Leid, gegen das ich nicht ankomme. Ich beiße die Zähne zusammen und versuche nicht zu schluchzen, während mir die Tränen herunterlaufen.

Die Orgel fängt wieder an zu spielen, alle stehen auf, die Sargträger kommen und tragen den Sarg fort, und ich warte, bis fast alle Gäste ihnen gefolgt sind, weil mir meine Tränen peinlich sind. Außerhalb der Kapelle spielen ein paar Kinder Fangen, und ich beneide sie für ihr Unbekümmertheit. Und dann sehe ich Phil. Er hat Gewicht verloren, und er trägt einen Bart, aber ich erkenne seine Augen. Ich versuche, irgendwas zu sagen, aber ich kann nicht. Er nimmt meine Hand, drückt sie mit all seiner Kraft und sagt “Danke, dass du da bist, Mann.” Ich fange wieder an zu weinen. “Ist doch klar.” Er lächelt, und ich versuche zu lächeln, und wir stehen da, auf der Beerdigung seines Vaters, und lassen unsere Hände nicht los.

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6 responses to “Tekken mit Phil

  1. Also es ist “Fiktion”? Auf jeden Fall schön geschrieben und gut diese auseinanderdriftende Zockerkumpelzeit getroffen. Hab’s mir von Kavka vorlesen lassen – war seine Nachnamensänderung ein Seitenhieb auf die FDP? :-)

  2. Nee, ähm, das war ein völlig verständlicher Fehler von mir, den die leider trotz Nachfrage nicht mehr ausgebessert haben. Ich brauchte halt schnell nen Nachnamen und bin nicht so politikinteressiert. Dumm gelaufen.

  3. Schöne Geschichte und nette Wende zum Schluß, obwohl ich’s mir schon fast dachte bei dem Thema. Hab etwas relativ ähnliches erlebt und die meisten werden sich wohl ein wenig darin wiedererkennen. Der Rösler war leider unfreiwillig komisch.

  4. Hier schon “Wiechmann”, beim Kavka noch “Rösler” – an der Stelle musste ich dann unpassenderweise lachen.

  5. Mein unnahbares Männlichkeitsgefüge geriet hier ganz schön ins Wanken. Ich muss mal eben wen anrufen :(

  6. Wünschenswerteste Reaktion ever, Pascal.

    @Dennis: Ich hätte ihn einfach Phillip Prösler nennen und es auf Kavkas Betonung schieben sollen.

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