Pointillismus

Victor wusste nicht, was Kunst ihm bedeutete, bis er dieses Bild sah. Georges Seurat. Pointillismus. “Un dimanche après-midi à l’Île de la Grande Jatte”, “Ein Sonntagnachmittag auf der Insel La Grande Jatte”.  Diese Strahlkraft. Diese Komposition. Seit er es bei einem Schulausflug das erste Mal erblickte, verbrachte er jeden ersten und zweiten Mittwoch des Monats, wenn der Eintritt frei war, im Museum, berauscht und bezaubert. Victor konnte sich seine Faszination nicht recht erklären – keines der anderen ausgestellten Kunstwerke erzeugte das gleiche Gefühl in ihm, auch der Druck, den er an der Kasse stahl, löste nicht mehr aus als den Wunsch, das Original wiederzusehen. Ausstellungssaal 242.

Er gab den Menschen auf dem Bild Namen. Das kleine Mädchen in Weiß: Madeleine. Die strenge Gouvernante daneben: Doris. Der Gentleman mit Zylinder links: Dorian. Doch so oft er auch suchte – für einen Victor war hier kein Platz.

Vierzig Menschen, drei Hunde, ein Äffchen.

Er versuchte, das Bild nachzuzeichnen, erfolglos. Seine Versuche widerten ihn an. Er suchte Menschen, die seine Faszination teilten, aber die wenigen, die er fand, wanden sich von ihm ab, wenn sie erfuhren, wie begrenzt sein Interesse war. Niemand wollte mit ihm über die Lebensgeschichten der Ruderer sprechen. Der dritte vom Heck aus betrug seine Frau. Mit der des Zweiten.

Victor alterte, und er wusste nicht warum. Es müsse einen Grund für seine Obsession geben, fand er. Kein Zufall könnte je solch eine einschneidende Wirkung haben. Er war nicht ohne Grund diesem Gemälde verfallen, daran glaubte er fest. Aber dennoch alterte er, ohne seine Bestimmung zu erkennen.

Victor war nicht wie andere Menschen, aber wie andere Menschen erlernte er einen Beruf, und auch wenn alle Leidenschaft seines Lebens nur einem Objekt galt, waren seine Fähigkeiten doch auch ohne Passion erstaunlich, und er erwarb sich bald einen guten Ruf unter seinen Berufsgenossen. Victor kümmerte es nicht.

Es war ein kleiner brauner Hund mit einem weißen Schleifchen um den Hals, der ihm schließlich die Augen öffnete. Victor lächelte, das erstemal seit Jahren außerhalb des Museums, als er die Leine von dem Fahrradständer löste. Gelassen und bestimmt schritt er weiter, das etwas verwirrte, aber gutmütige Tier hinter sich herführend. Nicht eine Sekunde kam Victor der Gedanke, jemand könne ihn aufhalten. Jetzt betrachtete er nicht mehr die einzelnen Farbpunkte – nun sah er das Ganze.

Victor stand auf, wusch sich die Hände und wandte sich erneut seinem Werk zu. Es war gute Arbeit. Doch war dies nur ein kleiner Schritt auf seinem Weg, ein einzelner Farbpunkt, der erst durch die ihn Umgebenden Form und Funktion erfahren würde. Es mochte dauern, eine geeignete Uferstelle zu finden, und die logistischen Anforderungen könnten weniger klardenkende Menschen von vornherein abschrecken.  Nicht so Victor. Auch “Un dimanche…” wurde Punkt für Punkt gemalt. Die falsche Perspektive des Gemäldes stellte sicherlich das größte Problem der Reproduktion dar, aber Victor hatte schon einige Ideen. Das war nichts, was einen ausgezeichneten Präparator wie ihn aufhalten sollte.

Noch vierzig Menschen, zwei Hunde und ein Äffchen.

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