Übernatürlich: Silent Hill 3

Übernatürlichkeit ist relativ. In Videospielwelten gehören Dämonen, Götter und Geister oftmals so sehr zur akzeptierten Realität wie Brot und Bäume. Dies beeinflusst natürlich die Rezeption – der Schauer, dieses unangenehme Gefühl, dass da was Unheilvolles hinter den Gesetzen der Logik und Physik lauert, fehlt. Das ist kein allen wissenschaftlichen Theorien widersprechendes Monstrum, sondern der zweite Endgegner.

Filme und Bücher sind meist konsequenter in ihrer Darbietung des Okkulten, haben es aber auch schon allein dadurch einfacher, dass es nicht zwingend den im Ende alles trotzenden Protagonisten braucht. Das klassische Kinghorrorprinzips des Fremden, das ins Normale eindringt,  wird oft genug allein dadurch torpediert, dass sich Spiele nur selten die Zeit nehmen, die beginnende Normalität gut genug kennenzulernen, um den Bruch effektiv zu machen. So nimmt sich auch Silent Hill 3 nur eine halbe Cutscene lang Zeit für Normalität, bevor es uns ins Grauen stürzt.

Aber ich will hier nicht von den allseits bekannten bizarren Kreaturen oder der anderen Welt schreiben, beides ja sowas wie Markenzeichen der Serie. Ich beziehe mich hingegen auf eine Szene, die selbst in der erschreckenden Szenerie von SH3 Alleinstellungsmerkmale hat, indem sie das Grauen des Unbekannten nutzt.

In der Hazel Street Station (jeder SH-Fan, der bisher Jacob’s Ladder nicht gesehen hat, sollte dies spätestens nun tun, um haufenweise Inspirationsmaterial zu erkennen) findet Heather Hinweise auf einen übernatürlichen S-Bahn-Schubser. Als Spieler weiß man, dass alles eher Chekovs Information denn roter Hering ist, und erwartet demgemäß einen dergestalten Bosskampf, der aber ausbleibt. Was stattdessen passiert, seht ihr hier von Sekunde 1 bis 25  und ist gerade im Kontext der konstanten Lebendsbedrohung, der man als Videogameprotagonist ausgesetzt ist, recht harmlos (sofern man schnell wieder vom Gleis klettert). Vielleicht wirkt es dadurch noch verstörender, weil realer. Man sieht den Geist nie, aber die Verfolgerperspektive mitsamt diesem furchtbar perversen Atmen, die Tatsache, dass das Opfer ein Teenagermädchen ist, und nicht zuletzt der plötzlich heranrasende Zug in der ansonsten toten Station, gepaart mit der schieren Fuckedupness eines Schubsgeists, machen diese Szene so einprägsam.

Wer oder was auch immer Heather schubste, kehrt nie wieder, und die ganze Szene ist generell komplett optional. Im Gegensatz zu all den Wesen, denen Heather begegnet, ist dieser Feind nicht sichtbar, nicht bekämpfbar, kein Teil der ohnehin schon heftigst verbogenen Realität. Unerklärlich. Unheimlich. Übernatürlich.

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2 responses to “Übernatürlich: Silent Hill 3

  1. Spannender Artikel. Ich finde du hast die Atmospähre gut eingefangen.
    Auf jeden Fall hat mir das Lesen Spaß gemacht.

  2. Creepy shit! Danke auch für das gemeinsame Gucken von Jacob’s Ladder – ich sehe seither SH mit anderen Augen.

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