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Klang: Rock Band 2

Wie bei jedem Königskind wurden auch bei meiner Geburt diverse weise Frauen eingeladen, um mir positive Eigenschaften zu verleihen. Ihnen verdanke ich meine charmante Art, meinen scharfen Verstand und meine meisterlichen Fähigkeiten am Herd. Doch weil die deutsche Post schon damals unzuverlässig war, bekam eine der Feen keine Einladung, und schwor sich daher, mich Neugeborenes für den Rest meines Lebens zu verfluchen, was man durchaus als Überreaktion werten darf. Also schlich sie sich an meine Krippe, hörte gerade noch, wie die letzte Fee mir die Freude an Gesang und Tanz verlieh und keifte dann: “Ja, Gesang und Tanz wird deine ewigliche Freude sein, doch deine Stimme soll schrill und hoch sein, und dein Leib unansehnlich!” Gut, sie wurde anschließend von den Palastwachen geschnappt und bei lebendigem Leib verbrannt, aber ICH habs seitdem auch nicht leicht.

(Bei der Zeichentrickverfilmung dieses Texts werden hier drei Kurzszenen eingefügt:
1. Ein junger SpielerDrei rennt weinend aus einer Gesangsschule.
2. Ein junger SpielerDrei rennt weinend aus einer Tanzschule.
3. Ein junger SpielerDrei rennt weinend aus einem Zwiebelgeschäft.)

So ist es auch kein Wunder, dass ich meine Tanz- und Sangeskünste nicht wie jeder normale Mensch in Gruppen vor Publikum auslebe, sondern sine alcoholica nur verschämt im eigenen Kämmerlein, wo mich wenigstens nur meine Freundin auslacht. Doch nach all den Jahren der Scham fand ich endlich jemanden, der meine Leistungen wie ich zu würdigen wusste, dem egal war, wie es klang und aussah. Sein Name: XBox360.

Blenden wir mal für einen Moment den Tanzaspekt aus, dem ich ja eh schon vor nicht allzulanger Zeit einen Text widmete, und konzentrieren wir uns ganz auf meine Akustik. Singstar gab mir erste Erfolgserlebnisse und sorgte nebenher dafür, dass ich noch heute “Hits” von S Club 7 und Patrick Nuo mitsingen kann, aber so richtig, richtig los ging es tatsächlich erst mit Rock Band. Die Songauswahl war deutlich größer und näher an meinem Geschmack, außerdem gab es da nicht diese bekloppte Rapmesspunktemechanik, die so defekt war, dass sie spielereins mehr Rhythmus als mir attestierte.

Meine Erlebnisse mit Rock Band 1 wurden dort umfangreich dokumentiert, daher beziehe ich mich in diesem Text hauptsächlich auf Rock Band 2, und das nicht nur, weil ich mir ursprünglich vornahm, bei 52Games nur über Spiele zu schreiben, die ich a.) durchgespielt hab und über die ich b.) noch nicht vorher geschrieben habe, sondern auch, weil, Moment, ich muss mir mal eine an den Haaren herbeigezogene Argumentation aus dem Arsch ziehen, ich erst bei RB2 ernsthaft versuchte, auf Expert fünf Sterne zu ersingen.

Im Prinzip hat sich von dem allseits bekannten Singstarsystem wenig geändert, nur gibt es keine normalisierte Maximalpunktzahl, den üblichen Musikspieldoppelpunktebonusfürbegrenztezeit, einen Combomultiplikator und man kann tatsächlich verkacken, wenn man genug neben dem Ton singt – also eigentlich kaum noch wie bei Singstar. Im Prinzip geht es nur darum, die richtigen Töne zu treffen – Gefühl, Tonlage, Diktion, Vibrato und sowas sind dem Spiel total wumpe. “Aber das ist dann gar kein richtiges Singen!” Stimmt. Genau wie eine einsaitige Gitarre mit nur fünf Fingerpositionen keine Gitarre ist, so wie Drums ohne zweites Fußpedal und doppelt belegten Pads keine Drums sind, so wie ein halbes Keyboard eben nur ein halbes Keyboard ist. Aber all das ist nicht schlimm. Rock Band ist keine Lernsoftware, du wirst auch mit allen Achievements nicht bühnenreif sein; aber ich sei verdammt, wenn es einem nicht Lieder näherbringt, die man sonst nie lieben gelernt hätte, und die Wahrnehmung von Musik für Normalkonsumenten nicht total über den Haufen wirft.

Ich erinnere mich nicht, welchen Song ich zuerst auf Gold sang (Das Quasiäquivalent für 6 Sterne auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad); die ersten 100% auf Expert schaffte ich mit Queens of the Stone Age’s Little Sister. Das weiß ich noch, weils dafür ein Achievement gab, und das Verankern von Spielsituationen per Achievementvergabe ist ein total unterschätzter Nebeneffekt. Inzwischen hab ich alle 398 Songs, die in Rock Band 3 importiert werden konnten, vergoldet, also alles aus Rock Band 1, 2, Lego Rock Band und einer ganzen Reihe DLC. Von Rammstein und Beck über Fleetwood Mac und Alanis Morissette bis hin zu den dicken Harmoniekloppern wie Queen oder den Beach Boys. Es war nicht leicht, es war nicht schön anzuhören, es verschlang eine unüberschaubare Anzahl von Stunden und gab mir nichts außer etwas Befriedigung und dem schönen Gefühl, jetzt etwa 400 Lieder mehr singen zu können. Alleine und außer Hörweite, versteht sich.

Wenn Du Deine Energie und Kreativität in gute Texte anstatt in Aprilscherze investierst, haben alle mehr davon.