Einsamkeit: Ico

Einsamkeit heißt nicht allein, allein zu sein. Wieviele Protagonisten steuerten wir schon, weit hinter feindlichen Linien, ganz auf sich allein gestellt, das Wohl und Wehe der ganzen Menschheit/Welt/Existenz auf den Schultern tragend, ohne die Nähe einer anderen Person zu vermissen? Um Einsamkeit zu vermitteln, muss man dem Spieler erst das Gegenteil bieten.

Und das macht Ico auf beeindruckend charmante Art. Das, was Ico und Yorda verbindet, ist nicht die klassische Ritter-Prinzessin-Dynamik, keine flugs herbeizitierten familiären Bande, keine Bromance – sondern Freundschaft. Wortlose, herzzerreißend naive Freundschaft, wie sie eigentlich nur unter Kindern existieren kann. Wenn Ico Yorda ruft, sie über einen Abgrund springt, fest darauf vertrauend, dass er sie fangen wird; wenn sie sich an den Händen halten, um schneller voranzukommen und schließlich auf den Sofas, den Savepoints, erschöpft gemeinsam ausruhen, ist das ungeheuer eindringlich und schlichtweg rührend.

Umso schmerzlicher ist es, sie zurücklassen zu müssen. Als Spieler weiß man, dass sie nicht während der vom Leveldesign vorbestimmten Abwesenheit entführt werden wird, und vielleicht freut man sich gar ein wenig, eine Zeitlang keine Rücksicht auf sie nehmen, keine Kämpfe mit Schatten ausfechten zu müssen.

Und ja, man ist nun ungebunden. Frei. Allein. In einem Schloss, dessen schiere Größe jegliche Nachvollziehbarkeit entbehrt. Keine feindliche Umwelt, sondern eine, die deiner Existenz vermutlich nicht einmal gewahr ist. Ein gigantischer Ort ohne Leben.

Es tut so gut, sie dann wiederzusehen.

Advertisements

7 responses to “Einsamkeit: Ico

  1. Ich könnte und würde gerne so unglaublich viel zu diesem Spiel sagen. Brauche ich jetzt nicht mehr, du hast perfekt auf den Punkt alles gesagt, was mich an Ico bis heute so unnachahmlich und intensiv in seinen Bann gezogen hat. Danke dafür.

  2. Nur ist das wirklich Freundschaft? ICO inszeniert Yorda geschickt, aber es ist eben genau das Ritter-Prinzessin Ding das da abgespult wird. Der tapfere Mann der bestimmt ist die unschuldige Frau zu retten. Weißes Kleid, helle Haut, barfuss. Die schüchterne Körpersprache, die kleinen Gesten… das geht halt direkt ins Herz. Aber unter all dem Kitsch (und das meine ich nichtmal negativ, die wenigsten Games bekommen das so zielsicher hin) sehe ich da keine “naive” Kinderfreundschaft, sondern eine mit ganz klar definierten (und fragwürdigen) Rollenverteilungen. Packt mich emotional trotzdem, keine Frage. Aber muss denn immer alles so voraufklärerisch sein?

    Vielleicht empfand ich deshalb das Schloss als die stärkste “Figur” in ICO. Achs, das weißt Du sicher selbst: Der letzte Absatz ist gut. Wirklich gut. (wehe Du hast da nicht Tage dran geschraubt… wenn Du sowas aus dem Ärmel schütteln kannst dann muss ich jetzt weinen gehen.)

  3. Oh, wirklich schön auf den Punkt gebracht.

  4. Ben: Ich weiß nicht, ob ich dir da zustimmen will. Ico zog nicht aus, um Yorda zu retten, und sie brauchen sich gegenseitig, um fliehen zu können. Aber um deine Frage fundiert zu beantworten, muss ich morgen erst mal nachschlagen, was voraufklärerisch in diesem (oder irgendeinem) Kontext bedeutet.
    Danke für das Lob, noch. Der letzte Absatz entstand sehr spontan und in wenigen Minuten, aber ich habe tatsächlich noch ein Wort gelöscht und eins dazugeschrieben, kurz nachdem ich auf “Veröffentlichen” geklickt habe. Ist das Schrauben genug, damit du nicht weinen musst?

  5. Ich lächelte eben etwas, haben wir doch zu diesem Thema das gleiche Spiel gewählt. Und wir liegen auch sehr nah beieinander mit unserem Geschreibsel. :)

    “Naive Freundschaft”, das ist der einzige Punkt, dem ich nicht beipflichten kann. Vielleicht mag ich blind sein, aber wo findet man in Ico Naivität? Freundschaft ja, Selbstlosigkeit ja. Aber wo ist die Naivität?

  6. Sorry Ben, der Wikipediaartikel zu Aufklärung ist zu umfangreich. Dafür bin ich nicht Geisteswissenschaftler genug, fürchte ich.

    Doreen, was ich damit meinte, war, dass keiner von beiden misstraut, hinterfragt. Naiv ist in meinem Sprachgebrauch kein negativ konnotiertes Wort.

  7. Ah okay, ich verstehe. Für mich ist Naivität auch nur dann negativ, wenn sie zu groß und leichtsinnig ist. In Ico entsteht sie ja mehr oder weniger aus einer Verzweifelung heraus, weil sie sich ja irgendwie vertrauen müssen um zu überleben.
    Ich sagte es vorhin noch nicht, aber ich laß den Text eben nochmal. Sehr schön geschrieben!

HIER KANN MAN KOMMENTARE SCHREIBEN

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s