Iä! Iä! Fhtagn! Pasch!

Kniffel ist scheiße. Kniffel, das ist das, was irgendein Arschloch vorschlägt, wenn man zusammensitzt und sich nichts zu sagen hat. Kniffeln ist der Irrglaube, dass es eine spaßige Beschäftigung wäre, wenn jeder bis zu neununddreißigmal würfelt und am Ende jemand anders gewinnt.

Arkham Horror ist super. Es hat ein reiches Setting, unzählige Spielsituationskombinationen, ein komplexes Regelwerk, tolles Artwork, ist eins der wenigen kooperativen Spiele, die nicht nach Sozialpädagogik miefen und oftmals kackenschwer. Andererseits ist es ein aus allen Nähten platzendes Sammelsurium an fitzeligen Pappcountern, einem Dutzend verschiedener Kartensätze und Spielfiguren, es müssen schon viele Spielrunden vergehen, bevor man eine ohne Blick ins Handbuch korrekt übersteht und bei mehr als zwei Spielern wird es gerne ein abend- bis tagfüllendes Erlebnis.

Elder Sign: Omens schafft es, diese beiden völlig gegensätzlichen Spielerlebnisse zu vereinen, und in der Zeit, in der man Arkham Horror aufbaut, kann man schon zwei Partien hiervon spielen. Die gilt zumindest für die digitale Version des Spiels, die nervige Nebensächlichkeiten wie Selberkartenziehen, Selberwürfeln, Selberbuchhalten und Mitspieler konsequent wegkürzt.

Arham-Horror-Spielern wird entweder das bedrückende Gefühl beschleichen, sich in einer Welt gleich unserer gelandet zu sein, mit dem einzigen Unterschied, das die Regeln eines Brettspiels geändert wurden (was toll zum Setting passt), oder klarwerden, dass 90 Prozent der ES:O-Artworks vom großen Bruder entliehen wurden (was die langweiligere Wahrheit ist). Hüben wie drüben wählt man aus einem guten Dutzend Ermittlern mit allesamt unterschliedlichen Fähigkeiten, körperlicher sowie geistiger Gesundheit und Ausrüstungen, wer gegen einen von hier nur zwei (bzw. drei nach Kauf des Addons) Großen Alten antreten soll. Im Gegensatz zu Arkham Horror ist in ES:O das Spiel sofort verloren, wenn der Große Alte erwacht, was das Sammeln der namensgebenden Zeichen der Alten zum alleinigen Weg zum Sieg macht.

Anstatt in ganz Lovecrafthausen spielt ES:O lediglich im Museum der Miscatonic University. Dessen Übersichtskarte ist gespickt mit Abenteuern, deren Ausrichtung, Schwierigkeit und Belohnung im Vorfeld klar ersichtlich sind. Sobald man sich entschieden hat, in welchen Höllenschlund man seinen aktuellen Charakter stürzen will (so man nicht im Eingangsbereich seine Wunden leckt oder wertvolle Zeit mit Shopping verschwendet), geht der wilde Kniffelspaß los.

Um den Kniffelbezug etwas zu verschleiern, gibt es hier drei verschiedene Würfelarten, grüne, gelbe und rote, wobei die letzten beiden nur durch Gegenstände und Spezialfähigkeiten genutzt werden können. Grüne Würfel haben die Seiten “1 Hinweis”, “2 Hinweise”, “3 Hinweise”, “Totenschädel”, “Schriftrolle” und “Glibber”. Gelbe Würfel ersetzen den Glibber durch “4 Hinweise”, rote tun dies ebenso und ersetzen zusätzlich “2 Hinweise” durch einen Joker.

Doch der Reihe nach: Ein Abenteuer besteht aus zwei bis vier Aufgaben, die jeweils ein bis vier spezifische Würfelergebnisse erfordern, beispielsweise für Aufgabe eins 2 Totenschädel und für Aufgabe zwei 6 Hinweise. Nun würfelt man seine sechs grünen Würfel (plus situationsabhängig einen gelben und/oder roten), in der Hoffnung, zumindest genug für zumindest eine der beiden Aufgaben zusammenzukriegen. Wenn dies gelingt, schiebt man die entsprechenden Würfel auf die Aufgabe und wirft die restlichen Würfel erneut, um die übrigen Aufgaben zu bestehen. Sollte ein Wurf keine Aufgabe lösen, muss man einen Würfel opfern, um die anderen ein weiteres Mal werfen zu dürfen. Allerdings darf man in diesem Fall für jeden Ermittler am Ort einen Würfel fixieren, und jetzt wisst ihr auch, wieso Menschen so ungern mit mir spielen. Ich bin ein miserabler Regelerklärer.

Sollten alle Aufgaben vor dem Ausgehen der eigenen Würfel gelöst werden, ist das Abenteuer bestanden, es gibt Loot und ein neues Abenteuer poppt auf. Sollte es misslingen, passieren Schlimme Dinge und das Abenteuer verbleibt. Aus diesem simplen System holt ES:O aber alles erdenkliche heraus. Manche Abenteuer erzeugen Monster, die die Aufgaben woanders abändern, andere machen es erforderlich, Aufgaben in einer bestimmten Reihenfolge zu lösen und wieder andere stehlen einem global Würfel, bis man sie löst. Durch die Nutzung von Zaubern, Gegenständen und Spezialfähigkeiten ist das Spiel auch bei weitem nicht so zufallsbestimmt, wie der obige Absatz es erscheinen lässt – nichtsdestotrotz kann eine Reihe von beschissenen Würfen die best laid plans of mice and men zerschießen.

Nachdem jeder der Ermittler seinen Zug gemacht hat, schlägt es Mitternacht, und ein Zufallsereignis sowie etwaige Besonderheiten der aktuellen Abenteuer treten in Kraft. Das ist eigentlich immer kacke und schwächt entweder das eigene Team oder addiert Doomzähler. Nach einer vom gewählten Großen Alten abhängigen Anzahl derer ist das Spiel verloren, daher gilt es tunlichst, vorher genug Alte Zeichen gefunden zu haben. Wenn alle Ermittler wahnsinnig oder tot sind, ist das Spiel natürlich auch zu Ende. So oder so wird die erbrachte Leistung in Punkte umgerechnet und in der Highscoreliste verewigt. Und das ist auch eigentlich schon alles.

Aber was diese ganze Regelreiterei in den obigen Texten zum Ausdruck bringen kann, ist, wieviel Spaß es macht. Es ist von der Stimmung her nah genug an Arkham Horror, mit ähnlichen knappen Siegen, schier unschaffbar erscheinenen Herausforderungen, totaler Unfairness und Against-All-Odds-Siegen (und natürlich dem superschicken Artwork), braucht aber nur einen Bruchteil der Zeit und kein Ein-und-Auspacken. Und im Gegensatz zu Kniffel ist es ein tatsächliches Spiel und nicht nur Langeweile mit Würfelklappergeräuschen. Menschen, die sich aber generell von Zufallsgeneratoren immer verarscht und benachteiligt fühlen, sollten ES:O dennoch meiden: Denn es wird dich ficken, und es wird dich hart ficken.

Elder Sign: Omens gibt es im AppStore und bei Google Play und kostet so um die drei Euro. Das Addon auch, das hat Cthulhu, eine Handvoll neuer Ermittler, eine neue Location und wer weiß was sonst noch alles, aber bisher vergnügt mich das Grundspiel noch genug. Wer keine Smartphones mag oder Freunde hat, kann sich das Spiel auch als tatsächliches Würfelspiel kaufen.

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2 responses to “Iä! Iä! Fhtagn! Pasch!

  1. Klingt super, ich verliere beim Kniffel und Axis&Allies und all den anderen Würfelorgien auch immer. Ok, das würde mich nicht abhalten es trotzdem zu versuchen.
    Aber mein “OMG LIVING TEH FUTURE”-Altdevice könnte ich den Großen Alten maximal noch an den Schädel werfen. Fortschritt, verfickter.

  2. Wollte mich mal eben für den Text bedanken. Hat mich neugierig gemacht und ich habe einfach mal zugegriffen. Wirklich schönes Würfelspiel, das definitiv mehr zu bieten hat als Kniffel. Die ersten Runden waren bei mir aber bisher alles andere als erfolgreich, da einen das Spiel immer wieder mit neuen Kleinigkeiten überrascht. Genau das ist auch das Interessante daran.

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