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Generationskonflikt

Ich saß jetzt schon eine ganze Weile im Wartezimmer, und ich war mir ziemlich sicher, dass der alte Mann in der Ecke Hitler war. Obwohl? Er hatte diesen komischen Bart direkt unter der Nase, und er trug eine Uniform wie auf den Bildern im Geschichtsbuch, aber so wie er zusammengesunken auf seinem Stuhl hockte, mit herunterhängenden Mundwinkeln und kraftlosem Blick, hatte er kaum etwas mit dem energischen Verrückten zu tun, der den Weltkrieg angefangen hatte. Außerdem war er bunt. Also, in Farbe. Natürlich war er das, ich mein, es würde ja echt doof sonst aussehen. Aber ich kannte ihn halt nur in schwarzweiss. Er roch ein bißchen. Aber das tun ja alle alten Männer.

Ich hatte nicht vor, mit ihm ein Gespräch anzufangen, weil ich eh nie weiß, was ich mit alten Menschen bereden soll, selbst wenn sie nicht Hitler waren. Die wollten immer nur wissen, wie es in der Schule lief, ob man nicht mal was aus seinem Leben machen wolle, wie groß man geworden sei und was meine Großmutter wohl davon gehalten hätte, wenn sie die Tätowierung noch hätte sehen können. Aber er war es, der das Gespräch begann.

“Geht das nicht auch ein bißchen leiser, Frollein?” raunte er. Ich rollte mit den Augen, seufzte laut hörbar und steckte mein Handy aus Protest gleich ganz weg. “Was kann ICH denn dafür, dass meine Kopfhörer weg sind?” fragte ich halblaut, aber er antwortete nicht. Ich versuchte, Jenny anzurufen, aber irgendwie hatte ich hier immer noch keinen Empfang. SMS ging auch nicht.

Ich nahm mir eine der Zeitschriften, aber die waren doof und alt und sowieso für Alte und Doofe. Zumindest konnte ich durch das laute Blättern meine Entrüstung ob Hitlers Einmischung in meinen Musikkonsum ausdrücken. Wenigstens hatte ICH nicht Millionen Menschen umgebracht. Was nahm der sich denn überhaupt raus?

Ich war gerade richtig gut dabei, mich in meinen Zorn hereinzusteigern, als er mich fragte, was das denn überhaupt für ein Gerät wäre, mit dem ich da Krach machte. Ich rege mich vielleicht manchmal ein bißchen zu schnell auf, aber ich bin immerhin auch jederzeit bereit, wieder zu vergeben. Außerdem war das Handy neu und toll und man wird viel zu selten nach seinem neuen tollen Handy befragt.

Wie sich herausstellte, wollte er aber in Wirklichkeit gar nichts über Megapixelanzahl, Speicherplatz und Multitouch wissen, sondern interessierte sich primär für die Musik. Ich spielte ihm einige der besten Lieder vor, aber er mochte weder Rihanna noch Justin. Stattdessen fragte er nach Marschmusik oder Wagner. Wag wer?

Das Gespräch kam danach schnell zum Erliegen, obwohl ich mir echt Mühe gab – klar, er war Hitler und so, aber ich hasse einfach so Warten. Es stellte sich heraus, dass wir beide Japan mochten, aber er kannte nicht einen einzigen Anime. Auch sonst kannte er nichts, was ich toll fand, ich stand auf Katzen, er auf Hunde, und alles, was ich so von ihm wusste, erschien mir nicht sonderlich passend für eine Wartezimmerunterhaltung. Bald schwiegen wir wieder.

Nach einer gefühlten Ewigkeit hörte ich endlich eine gelangweilte Stimme meinen Namen rufen. Als ich zur Tür ging, warf ich einen letzten Blick zurück auf die zusammengesunkene Gestalt in der Ecke. “Ähm, waren Sie nicht vor mir da? Sollten Sie nicht eigentlich dran sein?” fragte ich.

Er blickte auf seine Schuhe. “Ich werde hier wohl noch warten müssen.”, sagte er. Sein Tonfall erinnerte mich an irgendwas, aber na ja, ich war jetzt dran und so. Das Gute an Wartezimmern ist, dass man sich nicht verabschieden muss, wenn man geht.

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