Monthly Archives: June 2013

Durchdacht > Durchgespielt

Es hat lange gedauert, aber ich habe etwas vollbracht, was mir gemeinhin äußerst schwerfällt: Ich habe meine Meinung geändert.

Ich finde nicht mehr, dass man ein Spiel durchspielen muss, bevor man darüber schreibt.

Das war für mich ein großer Schritt. Ein Spiel vorher Durchspielen erschien mir immer als natürliche Grundvoraussetzung, um es in der Gesamtheit bewerten zu können, Vergleiche mit anderen erzählenden Medien lagen stets nahe. Aber Spiele sind eben mehr als “nur” eine Erzählung, und von der Erzählung möchte ich ohnehin so wenig wie möglich vorm Selberspielen erfahren. Und fick Bewerten.

Das Ding ist halt: Jeder Trottel kann Videospiele durchspielen. Und jeder Trottel kann bloggen. Aber nicht jeder Trottel kann schreiben. Und kaum ein Trottel hat was Interessantes zu sagen. Full Trottel. Wenn ich ein Standardreview zu egal welchem Spiel lesen will, gibt es davon im Internet genüge, GAMEMASTER420 hat den ultimativen FAQ inklusive aller Skilltrees und geheimen Endbosse geschrieben, und in Spieleforen gibt es 60-Seiten-Threads darüber, wie imba der Barbar ist. Oder was auch immer. Und dann potentiell interessante Ansichten ausklammern, nur weil ihr Autor den Endgegner nicht schafft? Warum sollten gaming skills Grundvoraussetzung sein, wenn es writing skills augenscheinlich nicht sind?

Verfolgt man diesen Gedanken weiter, macht es dann überhaupt noch einen Unterschied, wenn der Autor das Spiel nie gespielt, sondern lediglich ein Let’s Play gesehen hat? Let’s plays sind ja ohnehin nur das sozialbefreite Äquivalent zum gemeinsam auf der Couch hocken und nem Kumpel beim Spielen zuzuschauen, nur ohne “Jetzt bin ich aber mal dran”. SpielerEins und ich bestritten so Silent Hill 2 bis Homecoming, und ich käme niemals auf die Idee, dass es die Aussagekraft oder der Wert meiner Eindrücke in irgendeiner Art und Weise schmälerte, dass ich nicht jeden dunklen Gang selbst hinunter lief. Sich ein ganze Let’s play anzugucken erfordert zudem auch mentale Stärke, von der ich nur träumen kann.

Ich selbst hab ja auch nicht jedes Spiel durchgespielt, über das ich geschrieben hab (Far Cry 3, Spelunky, Final Fantasy 12, Papo & Yo hab ich nicht mal angespielt).  Weils auch für das, was ich sagen wollte, schlichtweg nicht nötig war. Weil ich keine Kaufempfehlung mach.

Ich seh das Ganze eh als ein selbstregulierendes System. Für jeden Text, in dem der Autor versucht zu blenden, findet sich ein kommentierender Nerd, der genüsslich die Fehler aufzeigt und etwaige aufgebaute Credibility wegbämst. Das können wir gut, das machen wir gern.

So,  jetzt muss ich nur noch diese ominösen lesenswerten Texte von Nichtdurchspielern finden, von denen ich den Text über faselte. Das Problem mit mir ist, dass ich Texte anfang, die dann ewig liegenlasse  und dann am Ende des Monats noch schnell fertigballern muss, ohne noch genau zu wissen, worauf ich eigentlich hinauswollte (Ohne Scheiß, Teil dieses Dokuments war der unvollständige Satz “Und schließlich: Wenn ein Spiel”; ich habe keine Ahnung, wie ich den Satz ursprünglich beenden wollte, welches Argument der Absatz einleiten sollte. Also weg damit!), weil ich mir selber diese bekloppte Regel gesetzt hab, einmal im Monat irgendwas hier auf der Seite zu machen.Damit versau ich mir regelmäßig Sonntage.

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