Durchdacht > Durchgespielt

Es hat lange gedauert, aber ich habe etwas vollbracht, was mir gemeinhin äußerst schwerfällt: Ich habe meine Meinung geändert.

Ich finde nicht mehr, dass man ein Spiel durchspielen muss, bevor man darüber schreibt.

Das war für mich ein großer Schritt. Ein Spiel vorher Durchspielen erschien mir immer als natürliche Grundvoraussetzung, um es in der Gesamtheit bewerten zu können, Vergleiche mit anderen erzählenden Medien lagen stets nahe. Aber Spiele sind eben mehr als “nur” eine Erzählung, und von der Erzählung möchte ich ohnehin so wenig wie möglich vorm Selberspielen erfahren. Und fick Bewerten.

Das Ding ist halt: Jeder Trottel kann Videospiele durchspielen. Und jeder Trottel kann bloggen. Aber nicht jeder Trottel kann schreiben. Und kaum ein Trottel hat was Interessantes zu sagen. Full Trottel. Wenn ich ein Standardreview zu egal welchem Spiel lesen will, gibt es davon im Internet genüge, GAMEMASTER420 hat den ultimativen FAQ inklusive aller Skilltrees und geheimen Endbosse geschrieben, und in Spieleforen gibt es 60-Seiten-Threads darüber, wie imba der Barbar ist. Oder was auch immer. Und dann potentiell interessante Ansichten ausklammern, nur weil ihr Autor den Endgegner nicht schafft? Warum sollten gaming skills Grundvoraussetzung sein, wenn es writing skills augenscheinlich nicht sind?

Verfolgt man diesen Gedanken weiter, macht es dann überhaupt noch einen Unterschied, wenn der Autor das Spiel nie gespielt, sondern lediglich ein Let’s Play gesehen hat? Let’s plays sind ja ohnehin nur das sozialbefreite Äquivalent zum gemeinsam auf der Couch hocken und nem Kumpel beim Spielen zuzuschauen, nur ohne “Jetzt bin ich aber mal dran”. SpielerEins und ich bestritten so Silent Hill 2 bis Homecoming, und ich käme niemals auf die Idee, dass es die Aussagekraft oder der Wert meiner Eindrücke in irgendeiner Art und Weise schmälerte, dass ich nicht jeden dunklen Gang selbst hinunter lief. Sich ein ganze Let’s play anzugucken erfordert zudem auch mentale Stärke, von der ich nur träumen kann.

Ich selbst hab ja auch nicht jedes Spiel durchgespielt, über das ich geschrieben hab (Far Cry 3, Spelunky, Final Fantasy 12, Papo & Yo hab ich nicht mal angespielt).  Weils auch für das, was ich sagen wollte, schlichtweg nicht nötig war. Weil ich keine Kaufempfehlung mach.

Ich seh das Ganze eh als ein selbstregulierendes System. Für jeden Text, in dem der Autor versucht zu blenden, findet sich ein kommentierender Nerd, der genüsslich die Fehler aufzeigt und etwaige aufgebaute Credibility wegbämst. Das können wir gut, das machen wir gern.

So,  jetzt muss ich nur noch diese ominösen lesenswerten Texte von Nichtdurchspielern finden, von denen ich den Text über faselte. Das Problem mit mir ist, dass ich Texte anfang, die dann ewig liegenlasse  und dann am Ende des Monats noch schnell fertigballern muss, ohne noch genau zu wissen, worauf ich eigentlich hinauswollte (Ohne Scheiß, Teil dieses Dokuments war der unvollständige Satz “Und schließlich: Wenn ein Spiel”; ich habe keine Ahnung, wie ich den Satz ursprünglich beenden wollte, welches Argument der Absatz einleiten sollte. Also weg damit!), weil ich mir selber diese bekloppte Regel gesetzt hab, einmal im Monat irgendwas hier auf der Seite zu machen.Damit versau ich mir regelmäßig Sonntage.

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7 responses to “Durchdacht > Durchgespielt

  1. Durchspielen sicher nicht, spielen aber schon. Immerhin ist das Spielen an sich Teil des Spiels. Dieser Unterschied zu anderen (passiven) Medien ist ja gerade das Schöne an Videospielen. Du befindest dich in einem System der Rückkopplung, in dem du eine Befehlseingabe vornimmst, auf die das Spiel eine bestimmte Reaktion zeigt, die wiederum von dir mit einer weiteren Befehlseingabe beantwortet werden muss, usw. usw.. Brichst du aus diesem notwendigen Feedback Loop aus, wird es meiner Meinung nach schwer, ein Urteil über ein Spiel abzugeben, da du als Spieler, wie gesagt, Teil des Spiels bist und weil das Spiel dir somit ein gewisses “Gefühl” vermittelt. Als bloßer Beobachter fehlt dir dieser zentrale Eindruck. Gerade bei Spielen, wie z.B. Spelunky, was beim Spielen dieses Gefühl von einer besonderen Spielbarkeit (butterweich, dabei aber präzise, trotzdem unerbittlich, etc. etc.) transportiert, ist es nahezu unmöglich, zu diesen Ergebnissen zu kommen, wenn du nur daneben sitzt.

    Das mag für manche Spiele mehr zutreffen, für manche weniger. Spannende Frage, ob das wirklich so ist und wie man das messen könnte. Meiner Meinung nach ist die Frage, ob ein Spiel “gut” oder “schlecht” ist, trotzdem nur so zu beantworten, weil das Gefühl, wie gut oder schlecht ein Spiel ist, aus der Frage erwächst, ob du Spaß am Spielen hast; nicht ob du Spaß beim Zugucken hast.

  2. Fast überall Zustimmung, Herr Blei. Aber beim Punkt “macht es dann überhaupt noch einen Unterschied, wenn der Autor das Spiel nie gespielt, sondern lediglich ein Let’s Play gesehen hat?” bin ich nicht ganz bei Dir. Ich glaube nicht, dass es das gleiche, bedrückende Gefühl erzeugt beim Anschauen eines The Last of us LPs, als wenn man selber um die Clicker schleicht und sich ins Gamepad krampft. Oder das Gefühl, wenn es bei Super Meat Boy auf einmal nach dem 30igsten Tod der Sprung über die verdammte Kettensäge endlich geklappt hat. Oder bei einem Rennspiel auf der Zielgeraden noch aus dem Windschatten zu kommen und eine Nasenlänge vornezuliegen.

    Dass man sich das Ende von Bioshock oder die paar Storyfetzen von Uncharted natürlich genauso gut als Video geben kann: klar. Hängt eben davon ab, über was du schreibst. Als Blogger fand ich die “Durchspiel-Pflicht”, die oft unterschwellig mitschwingt aber schon immer albern. Es gibt ja sogar Kollegen und Kolleginnen, die Achievements und Trophies “überprüfen” und es einem vorhalten, als wäre das ein Schandfleck. Schaut her! Dieser Mann wagt es, eine Meinung zu haben vor dem Abspann der Credits!

  3. Phil: Ich stimmte dir zu, wenn es allein darum ginge, Texte zu schreiben, ob ein Spiel gut ist oder nicht. Aber es gibt genug Themen, über die es sich zu schreiben lohnt, für die das Selberspielen, wie mir scheint, irrelevant ist – Leveldesign, Storyelemente, Zusammenspiel von Spiel und Soundtrack, etc.
    Manu: Kollegen wie mich zum Beispiel :). Ich finde es wichtig, die Leser nicht zu verarschen – wenn jemand beispielsweise vom spannenden Endkampf und ungefährer Spieldauer schreibt, ohne es tatsächlich selbst erlebt/erspielt zu haben, sollte er eventuell erwähnen, dass er dafür anderweitige Quellen wie Wikipedia oder Youtube zu Hilfe nahm – warum man nicht weiter/so weit gespielt hat, kann zudem äußerst interessant für den Leser sein.
    Zu deinem ersten Absatz: Natürlich will ich nicht implizieren, dass ein Let’s Play das Spielen ersetzt – im Gegenteil beraubt es dich ja meines Erachtens nach all dem, was ein Spiel toll macht. Aber wenn beispielsweise ein Mensch, der sich mit der Maddenreihe auskennt und Footballfan ist, ein Let’s Play des neuesten Teils betrachtet, wird er allein dadurch mehr Wertvolles über das Spiel berichten können, als ich, wenn ich es selbst spielte, weil ich schlichtweg keine Ahnung von der Materie habe.

  4. Ich halte das Durchspielen eines Spiels auch nicht grundsätzlich für zwingend. Nur sollte man dann auch mit offenen Karten spielen…
    Aber witzig zu sehen, wie manche Genossen diesen Text für ihre eigenen Zwecke als Alibi zu benutzen versuchen… ^^
    (Nein, ich meine nicht die Kommentatoren über mir.)

  5. ich denke, das viele blogger/onlinetester etc. schon deswegen kein spiel durchspielen, um dann etwas interessantes darüber zu sagen weil es einfach meist halt ganz schön dauert. und zeit haben leute in einem umfeld, in dem es nur noch darum geht, laut “erster” zu schrei(b)en, eben nicht.

    wenn mir ein clown erzählen will, XYZ ist das geilste ding ever und wow er liebt es ach so abgöttisch und ich sehe dann, das er nach dem tutorial nie weitergespielt hat (danke, achievements) halte ich ihn für einen aufgeblasenen dummschwätzer, dessen armseelige meinung mir aber auch wirklich garnix nützt. (wow, du hast 50 testmuster einmal in die konsole gelegt und das intro angeschaut, bevor du sie bei ebay verkloppt hast? du bist schon ein ganz schöner kenner.) aber deswegen lese ich auch keine blogs*, ich spiel lieber selbst.

    *ausser dieses hier. das hat oft nette wortspiele.

  6. Spiele kann man durchaus vollwertig erleben, auch wenn man sie nur als “der Kumpel, der beim spielen zusieht” erlebt. Cliff und ich haben Resident Evil bis Teil 4 so gezockt, und es war nie nicht spannend – und ich kann auch als ehemaliger Kartenguide und Strategieberater sagen, welcher Teil der Reihe besser oder schlechter war.
    Das Gamecube-Remake vom ersten Teil war z.B. erstaunlich cool gemacht.

  7. DAS KOMMT NUR WEIL DIE DINGER VERDAMMT NOCH MAL ZU LANG SIND.
    Im Ernst : wenn man irgendwie das schreiben über Spiele regelmäßig und /oder professionell betreibt, kann man 1. Unmöglich das alles spielen und 2. Ist das auch in den allermeisten Fällen total überflüssig. Christof zurschmitten hat in der aktuellen wasd3 einen text zu ni no kuni, wo es genau um dieses dilemma geht : als “normaler” Konsument – traditionell jung mit viel Freizeit – gilt je länger desto besser. Und dann ist halt jedes Füllmaterial, wenn es denn nicht gar zu langweilig ist, willkommen, weil es den Gegenwert des Produkts größer macht. Wenn man – als Kritiker oder einfach als Erwachsener – aber nicht unbedingt auf länge, sondern die Essenz steht, ist man meiner Meinung nach entschuldigt, wenn man sich schon nach angemessener Zeit ein Urteil bildet. NUR YouTube find ich persönlich zu wenig, immerhin ist das ja doch eigentlich ein interaktives Medium.

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