Fourth Verse, Same as the Third

Es ist mir ein Rätsel, wie man über ein Spiel schreiben soll, wenn man jedesmal, wenn über selbige Tätigkeit nachdenkt, den benahe unwiderstehlichen Drang verspürt, ebendieses Spiel zu spielen. Selbst diese Zeilen kann ich mir gerade nur unter größter Pein abringen, noch größerer Pein, als es mir das alltägliche Schreiben schon bereitet. Deswegen nennt man es Au-Tor.

Rock Band 4 ist mit Sicherheit das spaßigste und spielbarste Early-Access-Spiel, das ich je spielen durfte. Doof nur, dass es nirgendwo als solches bezeichnet wird – auch wenn Harmonix selber dies indirekt zugibt, bedenkt man, dass sie einen Service eingerichtet haben, in denen man Bugs als Tickets einreichen kann – Endkundenbetatesting, yay! Sicherlich ist meine Wahrnehmung durch die langjähige und innige Beziehung zu dieser Reihe eine andere als von jemandem, der Rock Band gerade erst entdeckt oder lediglich eine Partyspielbeziehung dazu hat, und ich bin mir sicher, dass viele der kleineren Probleme, die ich mit RB4 habe, weniger Manische kaum stören oder gar auffallen. Nichtsdestotrotz ist momentan noch so viel im Argen, dass es einen Haufen Absätze wert ist.

Das Störendste vorweg, auch wenn das kein weit verbreiteter Bug zu sein scheint: Wenn ich auf der Xbox One spiele, muss ich dies offline tun, da ich sonst in jedem Song im Schnitt zwei Ruckler habe, in denen die Musik weiterläuft, aber das Bild einfriert. Was in jedem Spiel nervig wäre, macht ein Musikspiel komplett kaputt, weil man aus dem Takt kommt, dein Streak abreißt und die Mundwinkel nach unten wandern, als wären sie der Schwerkraft unterlegen. Ein Musikspiel muss perfekt funktionieren – jeder Lag, jeder nicht registrierter Knopfdruck ist ein Spielspaßkiller. Offline spielen wäre nicht weiter schlimm, wenn nicht, wie ich feststellen musste, Microsoft mit der neuen Generation beschlossen hätte, Achievements nur mit Internetverbindung aufpoppen zu lassen. Etwaiges Vollbrachtes verfällt nicht, aber diese kleinen Motivationsbooster zwischendrin fehlen mir.

Aber kommen wir zu unangenehmen Allgemeinplätzen: Die Quickplayfunktion ist momentan nur so mittel zu gebrauchen, da sie nur anzeigt, wieviel Prozent und Sterne man bei einem Song gesammelt hat, nicht aber mit welchem Instrument. Demnach ist es auch momentan unmöglich festzustellen, welcher Song bisher mit welchem Instrument gespielt wurde, was für Komplettisten frustrierend ist. Weiterhin gibt es keinerlei Möglichkeiten, Playlists zu erstellen: Nach jedem Song kommt man zurück in die Songauswahl. Bedenkt man, dass im Vorgänger 100 Songs am Stück gespielt werden konnten (auch problemlos alle aus einer Kategorie, ohne sie einzeln auszuwählen), ist das schon ein herber Rückschritt. Und die Sortiermöglichkeiten sind auch arg beschränkt.

Weiterhin gibt es keinen Übungsmodus, und wer jetzt denkt “LOL was soll ich denn üben, ich kann das Spiel doch”, weiß vielleicht nicht, dass man in ihm nicht nur jeden beliebigen Abschnitt eines Songs üben (und loopen), sondern das Tempo auch um 60% verringern konnte. Ohne so etwas komplexe Gitarrensoli oder Drumpatterns, die vielleicht erst nach vier Minuten in einem Song vorkommen, zu erlernen, würde eine Auffassungsgabe und/oder Leidensfähigkeit verlangen, die ich nicht besitze. Oh, und Onlinemodi, die schon in RB3 arg reduziert wurden, gibts einfach gar nicht mehr.

Was noch? Der Gesang lagt momentan, was die Menschen stören wird, die mutig oder gut genug sind, sich selbst singen zu hören – das ist immer das Erste, was ich ausschalte. Die Gitarre reagiert selten auf gar nichts mehr, bis man sie wieder aus- und anschaltet, aber eigentlich nur, wenn man sie längere Zeit nicht betätigt, weil man sich mitten beim Spielen vom Internet ablenken lässt und wie kann das überhaupt mitten beim Spielen passieren ich weiß doch auch nicht. Die Charaktererschaffung ist unglaublich reduziert (In RB3 gab es mehr Wangenvariationen als hier Gesichter) und die Bühnen lassen jegliches Flair oder irgendwelchen Charakter vermissen. Dass der Adapter für die alten Instrumente noch nicht separat zu erwerben ist, ist natürlich auch ärgerlich. Aber dies sowie der Import der RB1/2/3/LEGO-Tracks sind zumindest Punkte, die auf jeden Fall in der Zukunft verschwinden werden.

Warum ist das alles so? Ich kann nur vermuten, aber ich vermute Folgendes: Das ist das erste Rock Band, das ohne “richtigen” Publisher und damit ohne richtige Publisherkohle auskommen muss; ich bin sicher, dass Anzahl und Auswahl der On-Disc-Tracks direkt eben damit zusammenhängt. Und sicherlich sind einige der fehlenden Features darauf zurückzuführen, dass etwaige finanzielle Projektionen es für wichtiger hielten, doch bitte vor dem einzigen Kontrahenten Guitar Hero Live auf den Markt zu kommen. Dass Activision nach Harmonix’ Rückmeldung ins instrumentenbasierte Musikspiellager ebenfalls ein neues Produkt ankündigten, war für letztere sicherlich die niederschmetterndste Nachricht seit Microsofts Rückzieher bezüglich der “Xbox One funktioniert nur mit Kinect”-Aussage, aber was willste machen.

Immerhin ist die Chance sehr gering, dass Rock Band 4 eine ebensolche Totgeburt wie das neue Tony Hawk’s Pro Skater ist: Harmonix haben einen guten Track Record, was das Patchen und Ausbauen ihrer Spiele angeht, und kündigten schon lange vor Veröffentlichung an, dass Rock Band 4 als Plattform gedacht ist, die stetig erweitert werden solle. Das erste große Update ist für Dezember angekündigt, dann wird wohl auch geklärt, wann das mit dem Export der Songs der Vorgänger funktioniert (Rock Band 3 soll laut brandaktueller Äußerungen noch dieses Jahr klappen). Insofern würde ich für die Fazitfreunde unter euch sagen: Kauft euch Rock Band 4, wenn ihr an dem Genre Spaß habt, aber kauft es im Dezember. Oder halt dann, wenn die Features, die euch wichtig sind, im Spiel sind. Ich halte euch auf dem Laufenden.

Warum ich aber nach all der Kritik dennoch Tag um Tag nicht dazu kam, diesen Text fertigzustellen, jedesmal meine Finger lieber zur Gitarre als zur Tastatur glitten, ist leicht begründet: Es ist immer noch Rock Band. Trotz all der Macken und Unzulänglichkeiten, trotz Early-Access-Charme und Sich-unrund-Anfühlends, und selbst trotzdem ich bis dato nicht trommeln kann: Immer noch Rock Band. So sind wir Nerds halt, wir meckern am meisten an dem rum, was wir lieben. Dennoch möchte ich wenigstens hier am Ende das ganze Gute besprechen, was Rock Band 4 gut macht:

Die Musikauswahl ist wieder einmal exzellent – fehlen auch die großen Hits, ist auch die Songanzahl insgesamt kleiner, ist das, was dabei ist, größtenteils cool und vor allem spaßig zu spielen – was mir persönlich wesentlich wichtiger ist, als ob ich den Song aus dem Radio kenne. Wie ein Mixtape aus Albumtracks (nehmt das nicht wörtlich, ich will nicht wikipediaen müssen, ob das nicht in echt doch alles Singles waren. Bestimmt.)

Zwischen Country, Punk und Death Metal, von Prog bis Noise sollte für jeden was dabei sein, aber anstatt euch hier Genrenamen um die Ohren zu hauen oder auf Musikjournalisten zu machen, empfehle ich Interessierten einfach die Spotifylist mit allen Tracks zum Durchhören.

Weil: Musik ist so etwas dermaßen Subjektives, dass meine Eindrücke (Supercool bis mehr so mittel, diverse fiese Ohrwürmer, große Freude über mehrere “An den Song hab ich ja ewig nicht gedacht, der ist ja total super”, und ein paar “Fuck ist das schwer und lang und kacke aaahh”s) sich nicht mal ansatzweise mit Euren decken müssen. Das ist voll okay. Ich mag Euch trotzdem.

Weiterhin geil: Irgendwie haben jetzt fast alle Songs, auch die DLC-Songs, die das vorher nicht hatten (Ich hab vergessen zu erwähnen, dass alle Songs, die du dir auf der entsprechenden Vorgängerkonsole gekauft hast, dir gratis in RB4 zur Verfügung stehen. Sollen. Und die alten Instrumente funktionieren auch, so du den Adapter hast. Aber ey, ein bißchen vorab könntest du dich schon informieren, bevor du hier was liest. Das hier ist Allerlei Blei, nicht Allerlei Alu.), Harmoniegesang. (Scheiße, Allerlei Alu wäre ein viel besserer Name.) Das wäre noch cooler, wenn jemand mit mir singen würde. Aber in manchen Songs einfach mal die Hintergrund-“Nananaaa”s und “-Whooohooo”s singen ist auch schön. Backgroundsänger: Die Bassgitarre der Vocals. Das hab ich mir gerade ausgedacht und morgen schäm ich mich dafür.Ist schon spät.

Schlussendlich muss ich noch die größten beiden Neuerungen erwähnen, der variable Gesang und die Freestylegitarrensoli. Ersteres erlaubt es Sängern, von der ursprünglichen Gesangsspur abzuweichen, solange es gut klingt und in der gleichen Tonart ist, letzteres ersetzt die sonst statischen Soli durch die Möglichkeit, on the fly eigenen Krams zu spielen. Das klingt jetzt vielleicht erstmal bescheuert und amelodisch, aber wie Harmonix das gelöst hat, ist ziemlich cool und erlaubt viel Freiraum. Ich würds gern erklären, aber das ist jetzt echt mal ein Fall, wo ein Bild mehr sagt als tausend Worte. Ein bewegtes Bild. Ein Youtubelink.

Beide Elemente verbindet, dass sie den Schwierigkeitsgrad senken, ohne einem das Gefühl zu geben, eine totale Lusche zu sein (“Nein, das war nicht falsch gesungen, das war gekonnt moduliert!”), dass sie kreativen Menschen zumindest in einem Rahmen die Möglichkeit geben, diesem sonst sehr rigiden Genre etwas Variation abzugewinnen (denn man wird nicht gezwungen, sich an die Solivorgaben zu halten), und sie erhöhen, zusammen mit den Publikumsgesängen, die endlich wieder Teil des Spiels sind und das Erlebnis so viel intensiver machen (Echt. So viel, dass ich keine Ausrufezeichen setzen mag, weil die dem nicht genügen. Denkt euch ein James-Franco-So-good-Gif stattdessen.), das Gefühl einer Liveperformance beizuwohnen – da sitzt schließlich auch in den meisten Fällen nicht jeder Ton so wie auf Platte. Und so langweilige Miesepeter wie ich, denen Herausforderung lieber ist als eigene kreative Leistung, können beides auch abschalten. Es gibt wohl auch noch variable Drumfills, aber ohne funktionierende Drums kann ich da schlecht was zu sagen. Auch nicht, ob mein Lieblingsfeature wirklich implementiert ist: Dass der Drummer die Band einzählt. Das wäre so cool!

Wieso dieser Text jetzt so einen doofen Titel hat? Nun, wie ich nach halbgeschriebenem Text feststellen musste, hab ich vor grob fünf Jahren für Rock Band 3 eine ähnlich lange Liste an Spaßbremsen aufgeführt, gar mit vergleichbaren Vermutungen bezüglich der Gründe. Einiges davon wurde weggepatcht, an vieles gewöhnte ich mich. Am Ende zählt halt dann doch nur die Musik.

Advertisements

3 responses to “Fourth Verse, Same as the Third

  1. Missingno.

    Also mein Lieblingsfeature wäre ein Release für die 360. :o)
    Die One ist für mich eher so “nee, lass ma'” und ein Umstieg auf die PS4 wäre kompletter Schwachsinn (und deren Anschaffung ist auch nicht geplant). Aber so bleibt es halt bei RB3 mit dessen Spaßbremsen.

  2. Missingno.

    Gerade noch ein weiteres No-Go gefunden: kabelgebundene Controller (also insbesondere der ION Drum Rocker) werden nicht unterstützt (und Keyboard ist auch ersatzlos gestrichen). Also werden schon einmal gut 50% der vorhandenen Eingabegeräte nicht mehr unterstützt. Eine Wireless-Klampfe habe ich zwar, aber da sind die Kontakte (Hals->Körper) korrodiert oder was-weiß-ich, jedenfalls erkennt sie manchmal die rote oder grüne Taste nicht.

    Und wenn ich schon dabei bin, noch eine Korinthe gekackt (hoffentlich nicht verkackt, weil ich das jetzt so schnell aus dem Hinter(n)kopf gezogen habe): man konnte die Geschwindigkeit beim Üben AUF 60% (um 40%) reduzieren.

  3. Du hast mit deiner Korinthe natürlich total recht. Ich hab seit dem Beatlespack nicht mehr mit Kabelcontrollern gespielt, insofern fiel mir dieses Problem nicht auf. Aber andererseits ist es schon irgendwie geil, dass Rückwärtskompatibilität überhaupt existiert, so unperfekt sie auch sein mag. Aber bis der Adapter einzeln auf den Markt kommt, können wir beide exakt gleich wenig Rock Band 4 trommeln.

Gratiskaramell?

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s