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Thaumistry: In Charm’s Way

Meine Erfahrung mit Interactive Fiction reicht in eine Zeit zurück, in der das Genre noch Textadventure hieß. Meine Englischkenntnisse und die Parser ließen damals derart zu wünschen übrig, dass die Tatsache, dass “Take Key” nicht, “Get Key” aber sehr wohl verstanden wurde, lange eine unüberwindliche Barriere darstellte. Nicht, dass das meinen Enthusiasmus bremste: Das war lange, bevor ich in Genres dachte, und alle Spiele waren aufregende Herausforderungen. Rückblickend erscheint es mir lachhaft, mit welch strahlendem Gesicht ich mich damals in die Stachelgruben damaligen Spieldesigns warf, aber das war halt zu einer Zeit, wo die Erwartungshaltung, ein Spiel durchspielen zu müssen, noch kein quälender Aspekt meines Wesens war. Wir nennen es die gute alte Zeit, weil wir seelisch gesünder waren.

Im Bann der zugänglicheren Lucasfilm-Games-Titel fand ich erst spät zu Textadventures zurück, zu einem Zeitpunkt, wo selbst diese Grafik und Maussteuerung anboten. The Lost Treasures of Legend wurde 1996 veröffentlicht, ich war 17 und felsenfest von meinen hervorragenden Englischfähigkeiten überzeugt. Infocom kannte ich nur aus Spielezeitschriften, und so waren Eric the Unready, die Spellcasting-Reihe und Timequest meine erste Begegnung mit Bob Bates, einem der großen Namen des Genres.

Nun, wie sich bald herausstellte, reichten vielleicht meine Englischkenntnisse, aber mitnichten meine kognitiven Fähigkeiten. That shit was hard, yo! Nichtsdestotrotz lernte ich schon damals die originellen und cleveren Rätsel und Lösungen zu schätzen, die so bei der Point-and-Click-Konkurrenz nicht möglich waren, erfreute mich am käsigen Humor und traf meinen Meister, was Wortspiele anging.

Spulen wir 20 Jahre vor, und Bob Bates schlägt auf Kickstarter auf, mit Thaumistry: In Charm’s Way. Nicht der erste alte Mann, der es nochmal per Crowdfunding wissen will, aber die Beschreibung las sich angenehm wenig nach “HEUTZUTAGE WEISS DOCH KEINER MEHR, WAS ECHTE SPIELE SIND”, und außerdem war mein Jugendheld Michael Hengst, dem ich meine Liebe zum Computerrollenspiel zu verdanken habe, irgendwie involviert. Und schon nach für Kickstarterverhältnisse sehr kurzer Zeit war das Spiel fertig, und dann hab ichs gespielt, und jetzt schreib ich drüber. Das war jetzt ein bißchen abrupt, aber die Einleitung ist schon viel zu lang.

Thaumistry selber startet nämlich viel in media reser, mit dir als Eric Knight, ehemaliges Wissenschaftlerwunderkind, den heute keiner mehr Wissenschaftswundermann nennt. Plötzlich stürmt jemand aus deinem Schrank und erklärt dir, dass du ein Zauberer, Harry Bodger bist. Du dachtest, dass die Tatsachen, dass deine Schlange an der Supermarktkasse immer die langsamste ist, dir der Toast immer mit der Butterseite auf den Boden fällt und alle elektronischen Geräte exakt eine Woche nach Ablauf der Garantie kaputt gehen schlicht bedeuten, dass du ein Pechvogel bist, aber in Wirklichkeit sind das nur Zeichen, dass du das Zeug zum Bodger hast, ihrerseits magiebegabte Altruisten, die seit Jahrhunderten unerkannt die Geschicke der Menschheit steuern, indem sie durch kleine Missgeschicke große Katastrophen verhindern.

Wenn diese Beschreibung jetzt nach der Pilotfolge einer humoristischen Mysteryserie klingt, dann hab ich einen guten Job gemacht, denn genau das Gefühl hatte ich während des Spielens. Plötzlich Zauberer sein war vermutlich schon bei Spellcasting, das auch Bates’ Tastatur entsprang, keine neue Prämisse, aber anstatt von Bier und Brüsten handelt Thaumistry von Kreativität, Menschlichkeit und Optimismus, und wenn auch irgendwie das Schicksal der Welt in der Waagschale liegt, tut es das auf eine sehr unaufgeregte Art und Weise. Bob Bates ist 63 Jahre, demgemäß lädt sein Humor eher zum Schmunzeln als zum Schenkelklopfen ein; die vierte Wand bleibt ungebrochen und popkulturelle Zitate entstammen allesamt dem letzten Jahrtausend. Ich fands angenehm altmodisch und genoss die von geübter Hand geschriebene leichte Unterhaltung. Du findsts vielleicht öde.

Vielleicht bin ich in den vielen Jahren fuchtbar schlau geworden, aber wahrer ist wohl, dass Thaumistry deutlich leichter ist als die Klassiker. Die Welt ist überschaubar, die meisten Rätsel haben klar erkennbare Lösungswege, und der fantastische Parser steht einem nicht nur nicht im Weg, sondern hilft dank Aktionen wie RECAP oder THINK auch, den Überblick nicht zu verlieren (Falls das für dich relevant ist: Das Spiel ist ausschließlich auf Englisch). Standardabkürzungen für Himmelsrichtungen, Inventar und LOOK würd ich gar nicht erwähnen, wenn nicht Untold Stories mir vor kurzem gezeigt hätte, wie fürchterlich Interactive Fiction ohne ist.

(Kurzer Einschieber, aber ich find IF als Genrebezeichnung beknackt, sind doch alle Videospiele sowohl interaktiv als auch fiktiv. Aber vielleicht sollte ich mich freuen, dass die Benenner nicht so selbstüberschätzend waren, es Interactive Literature zu nennen.)

Da es erklärtes Ziel der Bodger ist, nicht aufzufallen, sind ihre Zauber auch weitestgehend unspektakulär – hier werden, wenn überhaupt, Alpacas statt Drachen beschworen. Viele Rätsel werden durch Zauber gelöst und geben ihrerseits neue Zauberwörter bekannt, deren Beschreibung dich schon oft erahnen lässt, bei welchem Rätsel sie helfen könnten. Sterben kann man nur, wenn man es wirklich drauf anlegt, und selbst dann ist das Überleben nur ein UNDO entfernt. Eine stets verfügbare Übersichtskarte vermeidet Karopapierverbrauch, und Fussnoten mit Links zu Wikipediaeinträgen zu tatsächlichen Geschehnissen bieten optionale Hintergrundinformationen. Mit diversen Hintergrundfarben, Fonts, der Möglichkeit, Savegames per Dropbox auf verschiedenen Geräten zu nutzen und einem mehrstufigen Tippsystem tut Thaumistry sein Möglichstes, um den Erwartungen moderner Spieler zu genügen. Ich hab letzteres natürlich nicht angerührt, denn das H in Hendrik steht für Hardcore (Das L in SpielerDrei steht für leidensfähig).

Nach einem Ende, das Raum für weitere Folgen lässt (damit beziehe ich mich auf meinen vorherigen Punkt von wegen Pilotfilm, das nennen wir cleveren Autoren HIER EINFÜGEN, WIE DAS CLEVERE AUTOREN NENNEN), folgte der Abspann, und das Schöne an Special-Interest-Kickstarter-Abspännen ist, dass man da neben dem eigenen (ja, so eitel bin ich) manche Namen liest, an die man lange nicht mehr gedacht hatte. In diesem Fall Mitglieder lange verlassener Foren, Redakteure lange eingestellter Spielemagazine und sogar mein alter Lego-Spiel-Kumpel Erik Range. Was der wohl heut macht?

Wenn du all das hier gelesen hast und jetzt irgendwie Lust auf das Spiel hast, schreib einen Kommentar hierunter, in einer Woche verlose ich unter allen einen Steamcode für Thaumistry: In Charm’s Way. Kein Schmu. Wer soviel Text über Text liest, sollte auch belohnt werden.

EDIT: Na toll, jetzt hat sich eine Woche keiner gemeldet, der das Spiel geschenkt haben wollte. Jetzt ist Bob Bates böse. Guckt, wie böse Bob Bates ist!

QA4d2Iun

Um ihn wieder lieb zu machen und den Steamkey zu gewinnen, schreibt einfach euer Lieblingstextadventurerätsel in die Kommentare.

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