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Nantucket: Moby Dünn

In Nantucket besegelst du als Ishmael, dem Protagonisten und einzigem Überlebenden (“ey, Spoiler!”) von Herman Melvilles Meisterwerk Moby Dick die sieben Weltmeere, um dem weißen Wal (und nem Haufen anderen Meerestieren) endgültig den Garaus zu machen, heuerst fähige Crewmitglieder an, baust dein Schiff aus und kämpfst gegen Eingeborene, Piraten oder die Strömung.

Was auch stimmt: In Nantucket klickst du dich durch die ewiggleichen Bildschirme, arbeitest die gleiche Handvoll Standardmissionen wieder und wieder ab, um dir irgendwann ein größeres Schiff leisten zu können, schlachtest Meeressäugetiere en masse auf die denkbar unspektakulärste Weise ab und folgst dabei einer Story, welche die Nähe zu Weltliteratur WIRKLICH nicht suchen sollte und zudem in eine merkwürdig esoterische Ecke abdriftet. Wenn Moby Dick Der weiße Hai wäre, wär Nantuckets Geschichte Jaws: The Revenge.

So auch die meisten von euch nie von Nantucket gehört haben werden, freute ich mich schon geraume Zeit drauf, trifft das Setting doch genau meinen Geschmack. Ich hab Horatio Hornblower und Moby Dick gelesen, den Phantom Atlas verschlungen, ich hab sogar als Vorbereitung In The Heart of the Sea gesehen, und der war nicht gut. Die ganzen Segelfachbegriffe rauschen zwar immer noch an mir vorbei wie medizinische Fachbegriffe in einer typischen Folge Dr. House, und ich kann eine Rah nicht von einem Klüverbaum unterscheiden, aber mich reizt halt diese Idee vom Ozean als unbarmherzige Kraft, die Idee, dass sich ein Haufen Männer für viele Monate in ein Holzschiff setzten und nur ihre Fähigkeiten und das Glück entschied, ob sie je lebendig nach Hause kommen würden, geschweige denn als reiche Männer. Mit Seemannsgarn statt Satellitenbildern waren die Meere so fremd und wundersam, wie es für Science-Fiction-Autoren später der Weltraum sein würde, und jede unerforschte Insel bot das Potential für wundersame Tiere, gigantische Goldschätze und unbekannte Kulturen. Das, mit Fokus auf Walfang, erwartete ich mir von Nantucket. Selber schuld.

{Eventuell kürzen. Interessiert doch keine Sau.}

Das größte Problem an Nantucket ist, dass das Auffinden, Jagen, und Zerteilen der Wale, eine Thematik, der Melville gut die Hälfte der Moby-Dick-Kapitel widmete, ebenso episch und majestätisch präsentiert wird wie das Erschlagen von drei Orks in jedem x-beliebigen Fantasyrollenspiel, nämlich gar nicht so sehr. Der einzige Unterschied ist, dass am Ende Blubber statt Gold herausfällt. Ich mein, mir ist klar, dass ein kleines Dreipersonenteam Walfang grafisch nicht so abfeiern kann wie Assassin’s Creed: Black Flag, aber mal ehrlich:

Das vermittelt so viel Dramatik wie Canasta. Darüber hinaus bin ich auch mit dem Kampfsystem recht unzufrieden, sogar abgesehen davon, dass es sehr träge ist und nach einem Fast-Forward-Knopf schreit: Wie oben ersichtlich (für die Leser, die früher gerne mit Pappe gebastelt haben), hat jedes Crewmitglied einen Würfel, der pro Runde geworfen wird. So ein Symbol oben liegt, kann man pro Ruderboot eins nutzen, um anzugreifen/heilen/etc. ; dazu gibts ein zufälliges Ereignis pro Runde, die wetterabhängig schwerwiegende Auswirkungen auf den Kampf haben. Dies kombiniert mit Gegnern, die dich lähmen, verbluten oder vom Boot fallen lassen (und selber stets erfolgreich angreifen), kann mit etwas Pech schnell frustrierend werden, wenn man hilflos dabei zuschauen muss, wie die liebevoll hochgezüchteten Schiffsjungen Davy Jones’ Permadeath erliegen. Und wenn der Endkampf nur gewonnen werden kann, wenn ein bestimmter Matrose innerhalb von etwa 12 Runden quasi zweimal eine 6 werfen muss (aber nicht hintereinander, sondern mit einigen Runden Abstand), ist das zwar statistisch realistisch, aber schlechtes Design. Zumal die Attacken der Gegner auch keinem ersichtlichen Muster folgen und demnach besagter Matrose schon in den ersten Runden sterben könnte. Oder hey, wie wärs mit der ersten Hauptquest, deren Kampf komplett anders abläuft als jeder andere im Spiel und demnach eine gänzlich andere Crew erfordert?

Das wäre alles nicht so wild, wenn das Spiel nicht offenkundig voraussetzen würde, dass man es im Iron-Man-Modus spielt, da man nur in diesem Achievements freischalten kann. Ich weiß, scheiß auf die, aber ich wüsste nicht, wie man das anders lesen sollte. Darüber hinaus: Von jedem Risiko befreit, ist das Spiel in wenigen spannungsfreien Stunden durchgespielt, weil jeder Sturm, jeder Piratenüberfall, jede abgeguckte schlechte Angewohnheit weggeladen werden kann. Was bleibt, ist Wale campen, aufpassen, dass die Ressourcen nicht ausgehen und das gemächliche Aufleveln von Schiff und Mannschaft. Spannend ist anders.

Paradoxerweise ist das Spiel aber für Iron Man meines Erachtens nach eher ungeeignet, nicht nur wegen des oben geschilderten Kampfsystems. Alle Fanggründe, Haupt- und Nebenmissionen und sind stets an den gleichen Stellen auf der Weltkarte zu finden, was schnell jedwede Entdeckungslust verfliegen lässt. Wie bei Opa, der die Ostereier immer exakt unter den gleichen Büschen versteckte. Zudem kann man aus den Questkämpfen nicht fliehen und hat keine Möglichkeit, vorher herauszufinden, ob man der Herausforderung gewachsen ist – ich bin ein geduldiger Spieler, aber wiederholt eine zweistündige Partie an die Wand zu fahren, weil ich schlecht würfel oder unzureichende Informationen hatte? Dann lieber Brettspiel, da freut sich wenigstens mein Gegner. Zumal auch nichts für zukünftige Partien freigeschaltet werden kann: Ich hoffte 10 Stunden , dass ich irgendwann das Bild meines Captains ändern oder mein Anfangsschiff neu benennen könnte. Vergeblich.

Klingt jetzt alles nicht so, aber ich hatte trotzdem gut 15 Stunden Spaß mit Nantucket (und drei Stunden keinen), eben weil ich die Thematik mochte, die Begrenzungen noch nicht erkannte und generell beim Spielen selbst recht unkritisch bin. Außerdem setzen unregelmäßig Shanties ein, und die passen – wie auch die restliche musikalische Untermalung – wie die Faust aufs Bullauge. Jetzt noch kurz was meckern: Es ist toll, wenn man sieben Städte besuchen kann, von Schottland nach Hawaii: Aber wenn jede Stadt aus exakt demselben Screen besteht, kann man auch gleich zu Hause bleiben. Oder, besser: Sunless Sea spielen. Das hat interessantere Crewmitglieder, verblüffend unterschiedliche Häfen, eine in jedem Durchlauf andere Weltkarte, ein flotteres Kampfsystem und ist um Klassen besser geschrieben.

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