Die Geschichte einer Familie

Albert Munney wurde 1908 in Corpus Christi, Texas geboren. Seine Eltern, Aaron und Marjorie Munney, arbeiteten im drei Jahre zuvor eröffneten Spohn-Sanitarium als Schwester und Pfleger, wo sie sich kennen und lieben gelernt hatten. Als Albert zehn Jahre alt war, wurde sein Vater als Sanitäter eingezogen und nach Europa verschifft. Aaron Munney sah nie die Front, ließ sich nach seiner Rückkehr aber nichtsdestotrotz als Kriegsheld feiern und wuchs in den Augen des kleinen Alberts zu einer noch gleißenderen Heldengestalt an.

Als Albert achtzehn Jahre alt war, heiratete er seine Jugendliebe Natalie Chadwick, und bezog mit ihr gemeinsam ein kleines Haus in Clarkwood, Corpus Christi. Albert arbeitete nach einer Ausbildung zum Schiffsmaschinist als Bauarbeiter beim Aufbau des neuen Hafens, Natalie im selben Krankenhaus, in der auch Alberts Eltern arbeiteten. Schon bald bekamen sie zwei Söhne, 1927 Aaron Albert Munney und 1929 Albert Maxwell Munney, benannt nach Natalies Vater. Doch die Weltwirtschaftskrise setzte dem jungen Familienglück ein jähes Ende – Albert fand keine Arbeit mehr, und Natalies Einkommen konnte die Familie kaum ernähren. Es zerriss Albert innerlich, auf das Ersparte seiner Eltern angewiesen zu sein, so bereitwillig sie auch waren, es ihm und seiner Familie zu überlassen, war es doch stets sein Traum, seinen Vater stolz zu machen. Er ließ seine Frustration an Natalie und seinen Söhnen aus, wurde grausam und gewalttätig. Natalie verbrachte immer mehr Zeit im Sanatorium, um seinen Angriffen zu entkommen, doch entfernte sie sich dadurch auch von ihren Söhnen.

Erst als der zweite Weltkrieg ausbrach, verbesserte sich die die Laune des herrischen Hausherren: Albert sah endlich eine Möglichkeit, in den Augen seines Vaters und seinen eigenen ein echter Mann zu sein. Er engagierte sich politisch, besuchte und veranstaltete Demonstrationen und Kundgebungen, schrieb Briefe an den Governeur und den Präsidenten, um für einen Kriegsbeitritt der Vereinigten Staaten zu werben. Dass sein tatsächliches Ziel der eigene Ruhm war, nicht das Ende des Leidens der europäischen Bevölkerung, verdrängte er vielleicht selbst mit der Zeit.

Als die Bomben auf Pearl Harbor fielen, gellte ein Jubel durch das Haus der Munneys. Aaron Albert und Albert Maxwell, inzwischen 14 und 12 Jahre alt, waren mit dem kriegstreiberischen Gedankengut ihres Vaters großgeworden und stimmten mit ein; Natalie sah in ihnen nurmehr kleine Exemplare des Mannes, den sie zu hassen gelernt hatte, und die ausgelassene Freude über den Tod tausender amerikanischer Soldaten trieb einen nur noch größeren Keil zwischen sie und den Rest ihrer Familie.

Albert Munney heuerte auf der Lexington an, einem Flugzeugträger der Essex-Klasse, und stach mit ihr im Februar 1943 in See. Er war mit seinen 34 Jahren deutlich älter als seine Kameraden, aber seine politischen Beziehungen und seine Berufserfahrung als Maschinist, so lange sie auch zur Ernährung seiner Familie ungenutzt geblieben war, ermöglichten ihm die Erfüllung seines Kindheitstraums, in den Krieg zu ziehen und es seinem Vater gleichzutun.

In der zweiten Hälfte des Jahres nahm die Lexington an Seeschlachten um Tarawa und Wake Island teil und am 4. Dezember griff sie Kwajalein an, ein Atoll der Marshallinseln im südlichen Pazifik. Ihre Bomber, Jäger und Geschütze zerstörten den japanischen Frachter SS Kembu Maru, beschädigten zwei Kreuzer und schossen 30 gegnerische Flieger ab. Als die Nacht einbrach, befahl ihr Admiral nicht länger zu feuern, um ihre Position nicht zu verraten. Um 23:20 Uhr waren Albert und sechs weitere Matrosen mit Reparaturmaßnahmen beschäftigt, während vier weitere sich auf dem Sofa in der umfunktionierten Offiziersmesse lümmelten. Zwei Minuten später erleuchteten an Fallschirmen abgeworfene Leuchtraketen den Flugzeugträger, und zehn Minuten später wurde die Lexington von einem Torpedo steuerbord getroffen. Die vier Seemänner auf dem Sofa überlebten, da es offenbar die Wucht der Explosion abschwächte. Albert Munney und die anderen sechs starben.

Als die Nachricht schließlich Natalie Munney erreichte, blieb sie gefasst: Die Hoffnung, die Erfüllung seines Kindheitstraums könnte alles Geschehene wieder gut machen, hatte sie schon lange nicht mehr. Ihre Söhne waren fast erwachsen, und sie konnte nicht in ihre Gesichter blicken, ohne den Mann zu sehen, der ihr so viel Schmerz zugefügt hatte. Sie erfüllte die Rolle der Mutter, aber im Haus der Munneys herrschte eine stete emotionale Kälte.

Aaron Albert und Albert Maxwell waren einander mehr Familie, als es ihre Eltern je sein wollten oder konnten, und verbrachten die meisten Stunden ihrer Kindheit, Jugend und dem jungen Erwachsenensein miteinander. Aaron begann bald nach dem Tod seines Vaters in der Tandy-Lederfabrik zu arbeiten, und Albert tat es ihm bald gleich. Es war schlechtbezahlte, eintönige Arbeit, aber ihre Mutter hielt ihnen ihren Vater als Beispiel dafür vor, was es hieße, seinen Träumen nachzujagen. Und so fanden sie sich mit ihrer Situation ab und ließen Ambitionen und Hoffnungen fahren.

1952, als Albert jr. 23 Jahre alt war, freundete er sich mit einem jungen Mann an, der in ihre Nachbarschaft gezogen war. Aaron war zu diesem Zeitunkt bereits ausgezogen und kam nur noch selten zu Besuch; Albert sah ihn nur noch in der Fabrik, und da blieb nicht viel Zeit. Er fühlte sich einsam, und da kam Frank Piscopo gerade recht. Frank war leidenschaftlich, voller Ideen, und schien vor nichts Angst zu haben: Eigenschaften, die Albert nur zu gern auch besäße. Die nächsten sechs Monate waren die besten und aufregendsten in Alberts Leben. Doch dies war die McCarthy-Ära, und manche Ideen waren gefährlich. Frank Piscopo wurde der Verbreitung kommunistischen Gedankenguts angeklagt, und Albert dessen zumindest verdächtigt, was der Tandy-Lederfabrik ausreichte, ihm fristlos zu kündigen. Frank verbüsste eine halbjährige Haftstrafe im Nueces-County-Gefängnis; Albert schrieb ihm zweimal, aber sah ihn nie wieder.

1955 wurde bei Natalie Munney Lungenkrebs diagnostiziert. Sie hatte ihr ganzes Leben lang stark geraucht und diese Eigenschaft ihren Söhnen vererbt, aber es würde noch Jahre dauern, bis ein Zusammenhang zwischen Nikotin und Karzinomen festgestellt werden sollte. Sie begann Blut zu husten und nahm massiv ab. Bald war sie bettlägerig und auf die Hilfe ihrer Söhne angewiesen. Aaron hatte zu diesem Zeitpunkt schon selbst eine Familie und eine einjährige Tochter namens Sharon; Albert hatte in den Jahren seit der Verdächtigung keinen festen Job mehr und lebte immer noch bei seiner Mutter. Die Brüder, die sich einst so nahe standen, waren auseinandergewachsen: Aaron warf Albert seine Unreife vor, Albert spürte eine tiefe Abneigung gegenüber dem Gedanken, dass sein Bruder nun eine eigene Familie hatte und fühlte sich im Stich gelassen. Zur Aussprache kam es jedoch nie: Sie hatten nie gelernt, über Gefühle zu sprechen. Da ihre Mutter nun auf sie angewiesen war und Aaron klar war, dass Albert nicht die ganze Verantwortung tragen könne, beschlossen sie, abwechselnd auf ihre Mutter aufzupassen: Morgens Aaron Al, abends Al Max.

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