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Der schlimmste Mai, den es je gab

Es wäre ziemlich cool, wenn ich eine Überleitung zu einem der weiter unten beschriebenen Spiele mit “Augenwischerei” oder “hinters Licht führen” machen könnte, weil dann sähe das so aus, als ob ich einen eleganten Übergang vom Apriltext zu diesem hier von vornherein geplant hätte. Andererseits ist jetzt ja schon Mitte September und niemand erinnert sich mehr an irgendwas.

Ich hab Anfang Mai Gamepass für drei Monate geholt, weil es da ein Superangebot gab, mir die Festplatte mit Spielen vollgehauen und dann fast bis zum Ende des Monats rein gar nichts davon gespielt, weil ich tieftief

Spiel des Monats: Yakuza 0

(danke, PS+!) verfallen war. Ich kannte die Serie bis dato nur vom Hörensagen und was ich sagen hörte klang jetzt nicht so verführerisch, halt irgendwas von Shenmue plus Bekloppt plus Minispiele. Ich hätte nie geahnt, dass es von diesen Zutaten schlussendlich nicht die Beknacktheit sein wird, die mich an die Konsole fesseln würde, sondern eine der besterzählten Geschichten, die ich seit langem erleben durfte.

Ich mein, die Beklopptheit Yakuza Zeros ist weithin dokumentiert und ich will eure wertvolle Lesezeit nicht mit Beispielen verschwenden (jedoch gerate ich immer noch in Verzückung, wenn ich daran denke, wie die -gonisten sich ihrer Oberkörperbekleidung entledigen), aber niemand warnte mich, dass nebenher ein japanisches Rachedrama/Thriller/Gangsterfilm läuft, mit einem Haufen interessanter Charakteren, die alle energisches Japanisch sprechen (ich weiß nicht, ob man das umstellen kann, das fühlte sich so richtig an), fantastischer Gesichtsgrafik (NASENPOREN), und echten Emotionen, die mich eiskalt erwischten, zumal das hier ja ein Prequel ist, dass daher natürlich noch besser funktioniert, wenn man die Charaktere und ihr zukünftiges Schicksal schon kennt. Dass Sega es schafft, zwischen all dem und dem Irrwitz drumherum die Balance zu halten, ist wundersam. Das ist doch ein schönes Schlusswort, breiten wir also den Mantel des Schweigens über dieses Thema, bevor ich zugeben muss, wieviele Stunden ich spielte, um der beste Carrerafahrer der Stadt zu werden.
40 werden ist ungleich härter als 40 sein. Einerseits war ich mir bewusst, dass ich jeden Tag älter werde und einem 365,25-Turnus, geschweige denn dem zehnfachen davon, keine Bedeutung zukommt. Andererseits litt ich wie ein Hund und verbrachte große Teile des Mais damit, mich in Videospiele zu flüchten.

Graveyard Keeper (danke, Xbox Gamepass!) war wie gemacht dafür, und ich bingete das hart. Ich erwartete ein Harvest Moon mit Friedhof und bekam die spielerische Version von “Ein Loch ist im Eimer”.

Wenn du beispielsweise ein richtig gutes Gebet craften möchtest, damit die Besucher deiner Kirche möglichst viel spenden und dir viel Glauben schenken, brauchst du ein richtig gutes Buch, etwas Glauben und einen Schreibtisch. Für das gute Buch brauchst du einen guten Festeinband und ein gutes Kapitel Geschichten. Für den guten Festeinband brauchst du einen mittelguten Festeinband und Goldverzierungen. Für die Goldverzierungen brauchst du einen Goldbarren, Stahlteile und etwas Glauben (ja, das ist sowas wie ne Universalwährung für “Mühe” oder so). Für Stahlteile braucht man einen Barren Stahl, zwei Keramikschüsseln und Brennstoff, um die Schmelze anzuheizen. Für die Keramikschüsseln braucht man Ton, Wasser und eine Töpferscheibe. Für die Töpferscheibe braucht man Holzbretter, Steine und Nägel. Für die Nägel braucht man einen Eisenbarren und einen Amboss. Den Eisenbarren kann man sich ganz einfach aus einem Stück Eisenerz herstellen, wenn man eine Schmelze hat. Und das Eisenerz kann man in der Mine abbauen, mit der Spitzhacke, die man sich am Holzamboss aus einem Stock, einfachen Eisenteilen und einem Eisenbarren selber schmieden kann. Also alles ganz einfach!

Eigentlich gibt mir Craften nicht viel, aber Graveyard Keeper setzt dich nie unter Druck. Zwar hat man eine Ausdauerleiste, die man mit Speisen, Tränken oder Schlaf wieder auffüllen muss, um weiterzuarbeiten, aber es gibt keinerlei Malus, wenn man Arbeiten unbeendet zurücklässt, keine regelmäßige Miete, die man entrichten muss, keine Spielzeitbegrenzung auf ein Jahr oder dergleichen. Zwar gibt es ein Spielziel und eine Story, aber wieviel Zeit man sich damit lässt, bleibt einem selbst überlassen. Und weil es so verdammt viel zu tun gibt, ist es furchtbar einfach, sich konstant ablenken zu lassen von dem, was man eigentlich tun wollte, weil man im Vorbeigehen irgendwas sieht, was grad spannender ist. Graveyard Keeper ist das einzige Spiel, das ich je spielte, bei dem ich nach dem Laden des Spielstands ins Inventar gucke, um herauszufinden, was ich eigentlich gerade machen wollte. Ach so, ich hab die Steine und das Marmor und den Meißel, ich wollt Grabsteine bauen! Wer ob des Titels dachte, es drehe sich alles um den Friedhof, irrt enorm: Weiterhin kümmert man sich um die bereits genannte Kirche, weidet die gelieferten Leichen aus und balsamiert sie ein, versucht sich an Alchemie, schreibt Geschichten, kloppt sich durch einen Dungeon, wird Großhändler, bewirtschaftet ein Feld, pflanzt Bäume, repariert Brücken und Straßen, angelt, dekoriert und baut Gerätschaften, an denen ihr Dinge herstellt, mit denen ihr all das genannte machen könnt.

Andererseits hat das Spiel einen etwas merkwürdigen Humor und war für ein paar Tage um meinen Geburtstag rum komplett unspielbar, weil durch ein Update ein paar üble Bugs ins Spiel krochen, wovon die Schlimmsten inzwischen aber wieder behoben wurden und der eine, der mir noch auffiel, umgehbar war. Und nachdem ich durch war, hatte ich auch keinerlei Verlangen, das je wieder anzufassen. Aber für die schlimme Phase direkt vor dem 40. war das echt ein Geschenk.

Der Geburtstag selber war durchaus erinnerungswürdig. Ich musste arbeiten, war die Tage vorher ob der großen 4 sehr bedrückt und wollte nur, dass der Tag irgendwie kommt und geht. Am Morgen war ich dann zum Glück entspannter, bekam Geschenke und Anrufe, aß Kuchen unter einer cheesy Kindergirlande, freute mich und ging zur Arbeit. Was ich nicht wusste: Meine Frau hatte meine Mutter und ihren Mann (also den von meiner Mutter) eingeladen, um mich abends zu überraschen, und als ich dann abends in die Wohnung kam, saßen sie stillschweigend in der Ecke des Wohnzimmers. Da ich spät nach Hause komme, steig ich gemeinhin nach dem Nachhausekommen erstmal aus der Arbeitskleidung und schlüpfe in die Schlafsachen. Just in dem Moment fiel ein Ende der Girlande von der Wand, und unser Kater ging hin, um interessiert daran zu schnüffeln. Auf meinem Weg ins Schlafzimmer sah ich, wie er an etwas roch, was ich nicht erkannte, und während meine Frau versuchte, mich ohne alles zu verraten zu überzeugen, dass ich mich vielleicht umziehen sollte, BEVOR ich ins Wohnzimmer gehe, nahm ich Jogginghose und T-Shirt lediglich in die Hand und ging direkt zum Kater – Beschützerinstinkt, ich kann nichts dafür. Als ich – nun nur noch in Unterbuchsen – erkannte, dass das nur die Girlande war, versuchte ich, die Jogginghose anzuziehen, blieb mit dem Fuss im Hosenbein stecken, wackelte halb umfallend hin und her, Plautze durch den Raum wabbelnd, während meine Frau hinter mir panische Blicke abwechselnd auf mich und meine Mutter und deren Mann warf, und in dem Moment sah ich die dann auch, sie, die bei der ganzen Show nicht einen Laut von sich gegeben hatten und dann erst ob meines panischen Gesichtsausdruckes in Lachen ausbrachen, während mein innerer Monolog ausdikutierte, ob ich wegrennen soll oder irgendwie versuchen, die Situation zu retten. Hab im Endeffekt beides nicht gemacht und dann auch (irgendwann) mitgelacht, aber meine Herren, sowas wünsch ich niemandem.

Naja, jedenfalls bekam ich eine Switch mit Mario Odyssey und Yoshi’s Crafted World und Octopath Traveller sowie Spider-Man für die PS4 und son Teil hier, was summa summarum mein Vorhaben, keine Spiele zu kaufen, dadurch erschwert, dass ich jetzt tatsächlich das bald erscheinende Fire Emblem spielen könnte und natürlich der Berg an Ungespieltem um 204 erhöht wurde. Was willste machen.

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