Category Archives: Fiktion

Die Geschichte einer Familie

Albert Munney wurde 1908 in Corpus Christi, Texas geboren. Seine Eltern, Aaron und Marjorie Munney, arbeiteten im drei Jahre zuvor eröffneten Spohn-Sanitarium als Schwester und Pfleger, wo sie sich kennen und lieben gelernt hatten. Als Albert zehn Jahre alt war, wurde sein Vater als Sanitäter eingezogen und nach Europa verschifft. Aaron Munney sah nie die Front, ließ sich nach seiner Rückkehr aber nichtsdestotrotz als Kriegsheld feiern und wuchs in den Augen des kleinen Alberts zu einer noch gleißenderen Heldengestalt an.

Als Albert achtzehn Jahre alt war, heiratete er seine Jugendliebe Natalie Chadwick, und bezog mit ihr gemeinsam ein kleines Haus in Clarkwood, Corpus Christi. Albert arbeitete nach einer Ausbildung zum Schiffsmaschinist als Bauarbeiter beim Aufbau des neuen Hafens, Natalie im selben Krankenhaus, in der auch Alberts Eltern arbeiteten. Schon bald bekamen sie zwei Söhne, 1927 Aaron Albert Munney und 1929 Albert Maxwell Munney, benannt nach Natalies Vater. Doch die Weltwirtschaftskrise setzte dem jungen Familienglück ein jähes Ende – Albert fand keine Arbeit mehr, und Natalies Einkommen konnte die Familie kaum ernähren. Es zerriss Albert innerlich, auf das Ersparte seiner Eltern angewiesen zu sein, so bereitwillig sie auch waren, es ihm und seiner Familie zu überlassen, war es doch stets sein Traum, seinen Vater stolz zu machen. Er ließ seine Frustration an Natalie und seinen Söhnen aus, wurde grausam und gewalttätig. Natalie verbrachte immer mehr Zeit im Sanatorium, um seinen Angriffen zu entkommen, doch entfernte sie sich dadurch auch von ihren Söhnen.

Erst als der zweite Weltkrieg ausbrach, verbesserte sich die die Laune des herrischen Hausherren: Albert sah endlich eine Möglichkeit, in den Augen seines Vaters und seinen eigenen ein echter Mann zu sein. Er engagierte sich politisch, besuchte und veranstaltete Demonstrationen und Kundgebungen, schrieb Briefe an den Governeur und den Präsidenten, um für einen Kriegsbeitritt der Vereinigten Staaten zu werben. Dass sein tatsächliches Ziel der eigene Ruhm war, nicht das Ende des Leidens der europäischen Bevölkerung, verdrängte er vielleicht selbst mit der Zeit.

Als die Bomben auf Pearl Harbor fielen, gellte ein Jubel durch das Haus der Munneys. Aaron Albert und Albert Maxwell, inzwischen 14 und 12 Jahre alt, waren mit dem kriegstreiberischen Gedankengut ihres Vaters großgeworden und stimmten mit ein; Natalie sah in ihnen nurmehr kleine Exemplare des Mannes, den sie zu hassen gelernt hatte, und die ausgelassene Freude über den Tod tausender amerikanischer Soldaten trieb einen nur noch größeren Keil zwischen sie und den Rest ihrer Familie.

Albert Munney heuerte auf der Lexington an, einem Flugzeugträger der Essex-Klasse, und stach mit ihr im Februar 1943 in See. Er war mit seinen 34 Jahren deutlich älter als seine Kameraden, aber seine politischen Beziehungen und seine Berufserfahrung als Maschinist, so lange sie auch zur Ernährung seiner Familie ungenutzt geblieben war, ermöglichten ihm die Erfüllung seines Kindheitstraums, in den Krieg zu ziehen und es seinem Vater gleichzutun.

In der zweiten Hälfte des Jahres nahm die Lexington an Seeschlachten um Tarawa und Wake Island teil und am 4. Dezember griff sie Kwajalein an, ein Atoll der Marshallinseln im südlichen Pazifik. Ihre Bomber, Jäger und Geschütze zerstörten den japanischen Frachter SS Kembu Maru, beschädigten zwei Kreuzer und schossen 30 gegnerische Flieger ab. Als die Nacht einbrach, befahl ihr Admiral nicht länger zu feuern, um ihre Position nicht zu verraten. Um 23:20 Uhr waren Albert und sechs weitere Matrosen mit Reparaturmaßnahmen beschäftigt, während vier weitere sich auf dem Sofa in der umfunktionierten Offiziersmesse lümmelten. Zwei Minuten später erleuchteten an Fallschirmen abgeworfene Leuchtraketen den Flugzeugträger, und zehn Minuten später wurde die Lexington von einem Torpedo steuerbord getroffen. Die vier Seemänner auf dem Sofa überlebten, da es offenbar die Wucht der Explosion abschwächte. Albert Munney und die anderen sechs starben.

Als die Nachricht schließlich Natalie Munney erreichte, blieb sie gefasst: Die Hoffnung, die Erfüllung seines Kindheitstraums könnte alles Geschehene wieder gut machen, hatte sie schon lange nicht mehr. Ihre Söhne waren fast erwachsen, und sie konnte nicht in ihre Gesichter blicken, ohne den Mann zu sehen, der ihr so viel Schmerz zugefügt hatte. Sie erfüllte die Rolle der Mutter, aber im Haus der Munneys herrschte eine stete emotionale Kälte.

Aaron Albert und Albert Maxwell waren einander mehr Familie, als es ihre Eltern je sein wollten oder konnten, und verbrachten die meisten Stunden ihrer Kindheit, Jugend und dem jungen Erwachsenensein miteinander. Aaron begann bald nach dem Tod seines Vaters in der Tandy-Lederfabrik zu arbeiten, und Albert tat es ihm bald gleich. Es war schlechtbezahlte, eintönige Arbeit, aber ihre Mutter hielt ihnen ihren Vater als Beispiel dafür vor, was es hieße, seinen Träumen nachzujagen. Und so fanden sie sich mit ihrer Situation ab und ließen Ambitionen und Hoffnungen fahren.

1952, als Albert jr. 23 Jahre alt war, freundete er sich mit einem jungen Mann an, der in ihre Nachbarschaft gezogen war. Aaron war zu diesem Zeitunkt bereits ausgezogen und kam nur noch selten zu Besuch; Albert sah ihn nur noch in der Fabrik, und da blieb nicht viel Zeit. Er fühlte sich einsam, und da kam Frank Piscopo gerade recht. Frank war leidenschaftlich, voller Ideen, und schien vor nichts Angst zu haben: Eigenschaften, die Albert nur zu gern auch besäße. Die nächsten sechs Monate waren die besten und aufregendsten in Alberts Leben. Doch dies war die McCarthy-Ära, und manche Ideen waren gefährlich. Frank Piscopo wurde der Verbreitung kommunistischen Gedankenguts angeklagt, und Albert dessen zumindest verdächtigt, was der Tandy-Lederfabrik ausreichte, ihm fristlos zu kündigen. Frank verbüsste eine halbjährige Haftstrafe im Nueces-County-Gefängnis; Albert schrieb ihm zweimal, aber sah ihn nie wieder.

1955 wurde bei Natalie Munney Lungenkrebs diagnostiziert. Sie hatte ihr ganzes Leben lang stark geraucht und diese Eigenschaft ihren Söhnen vererbt, aber es würde noch Jahre dauern, bis ein Zusammenhang zwischen Nikotin und Karzinomen festgestellt werden sollte. Sie begann Blut zu husten und nahm massiv ab. Bald war sie bettlägerig und auf die Hilfe ihrer Söhne angewiesen. Aaron hatte zu diesem Zeitpunkt schon selbst eine Familie und eine einjährige Tochter namens Sharon; Albert hatte in den Jahren seit der Verdächtigung keinen festen Job mehr und lebte immer noch bei seiner Mutter. Die Brüder, die sich einst so nahe standen, waren auseinandergewachsen: Aaron warf Albert seine Unreife vor, Albert spürte eine tiefe Abneigung gegenüber dem Gedanken, dass sein Bruder nun eine eigene Familie hatte und fühlte sich im Stich gelassen. Zur Aussprache kam es jedoch nie: Sie hatten nie gelernt, über Gefühle zu sprechen. Da ihre Mutter nun auf sie angewiesen war und Aaron klar war, dass Albert nicht die ganze Verantwortung tragen könne, beschlossen sie, abwechselnd auf ihre Mutter aufzupassen: Morgens Aaron Al, abends Al Max.

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Was wirklich in Offline geschah, wenn ich mich recht erinnere

Die deutsche Nerdkomödie Offline (und allein in den bisherigen vier Wörtern sollten schon drei Alarmglocken bei euch geklingelt haben) gibt es jetzt bei Netflix oder Amazon Prime zu gucken. Als eine weitaus angenehmere Nutzung dieser 88 Minuten Lebenszeit schlage ich vor, meine Zusammenfassung des Films zu lesen und dann 83 Minuten Nickerchen zu machen. Gut, beim Schreiben dieser Sätze fällt auf, dass die allerbeste Idee wäre, 88 Minuten Nickerchen zu machen und keinen Gedanken an furchtbare Filme zu verschwenden, aber ey, ich hab mir voll Mühe gegeben.

Der Film beginnt mit unserem Helden Fenris, wie er einen Hund erschlägt. Doch das ist okay, ist das hier doch nur ein Videospiel namens “Schlacht um Utgard”, gespielt von Risen 3. Puh, und ich dachte, der Rest des Films bleibt so scheiße animiert. Während ich noch drüber nachdenke, wie miserabel die Steuerung eines Spiels designt sein muss, wenn man zweimal mit dem Mousewheel nach oben scrollen und nach links und rechts wischen muss, nur um ein Schwert zu ziehen, bricht Jan, der echte Protagonist des Films, panisch das Spiel ab, weil er seine Mutter per Überwachungskameras nahen sieht, und springt ins Bett, weil er eigentlich hätte schlafen sollen, der kleine Schlingel! Seine Mutter weckt ihn liebevoll mit Kommentaren über seinen Penis und körperlichen Übergriffen.

Am Frühstückstisch erfahren wir, dass er, so er noch einmal beim Spielen erwischt wird, aufs Internat muss, aber dabei ist doch gerade Ragnarök, das wichtigste MMO-Turnier ever! Endlich mal ein Film, der die Nöte der Jugend nachvollziehbar abbildet. Auf den Weg zur Schule treffen wir Deniz, Jans besten Kumpel, und werden Zeuge des vielleicht peinlichsten Handshakes der Filmgeschichte.

In der Schule angekommen, wird Jan gleich von der heißen Mitschülerin gegen die Wand gedrückt und nach “Computerhilfe” gefragt, und Deniz läuft vor Erregung Nutella aus der Nase. Aber Jan weiß, was wichtig ist, nämlich Computerspiele, und die Schülerin geht mit den ganzen anderen coolen Kids traurig weg, weil sie jetzt ohne Jan Sex machen müssen.

Deniz reicht ihm einen Urinbeutel, damit er die drei Tage bis zum großen Turnier durchhält und anschließend bessere Chancen beim Bewerbungsgespräch zum Gamestopverkäufer hat. Aber Jan will statt mit seinem besten Freund lieber mit seinem Ingame-Trollkumpel spielen, weil der einen höheren Level hat. Das ist Freundschaft!

Jan schleicht sich nach Hause und bricht per Leiter in sein Zimmer ein, obwohl man seine Mutter wegfahren sah und ein Vater nie erwähnt wird. Kaum wieder am Rechner bereitet er sich mit Kumpel Troll auf eine packende Schlacht mit dem bösen Zauberer Loki vor, die wir Zuschauer aber nie zu sehen kriegen.

Nach dem Sieg(?) stürzt urplötzlich Jans Rechner ab, und er stellt fest, dass ihm jemand die Zugangsdaten für seinen Charakter gestohlen hat. Und seinen Internetzugang gesperrt hat. Und sein Handy lahmgelegt hat. Boah, ich wusste nicht, dass das hier ein Horrorfilm ist!

Panisch rennt Jan zu Deniz, in dessen Zimmer man die typischen Interessen eines 17-jährigen Nerds finden kann: He-Man und Tim & Struppi. Schnell stellt sich heraus, dass Denis dem bösen Loki die Antwort auf Jans Sicherheitsfrage verraten hat, was offenkundig ausreicht, um all obiges auszulösen. Da der Polizei die Dringlichkeit der Situation offenbar nicht bewusst ist, beschließt Jan, eine Supportanfrage an den Spielehersteller zu stellen, und fährt damit natürlich, wie es jeder von uns machen würde, mit der Bahn zur Niederlassung.

Dort angekommen trifft er auf den Pförtner Gottlieb Wendehals, der mit seinem Hund Mensch ärgere dich nicht spielt, und das Manic Pixie Dream Girl Karo, die, wie sich herausstellt, sein Trollkumpel ist! Plottwist! Jan findet Mädchen aber eklig und will lieber seinen Supportantrag ausfüllen, aber Karo legt ihn rein, indem sie Gottlieb Wendehals sagt, dass Jan ein Terrorist ist. Der Pförtner wirft vor Panik sein Mühlebrett um, so dass die Kniffelwürfel durch den Raum fliegen, und ruft die am schlechtesten gecastete Security, die ich je sehen durfte. Zum Glück sind alle Spielerdaten auf dem Rechner des Pförtners frei verfügbar, so dass Karo die Aufregung ausnutzt, um die IP-Adresse von Loki zu erfahren.

Im Zug Richtung IP finden unsere Protagonisten dann die Zeit für etwas Exposition und erzählen sich und uns ihre Motivation, damit man wenigstens etwas Mitgefühl entwickeln kann: Für Jan heißts Internat statt Internet (hey Moment, das ist ja gar keine Motivation, sondern das Gegenteil), Karo hatte als Kind einen Monat Durchfall, aber das ging mit der richtigen Salbe ganz schnell wieder weg. Das ist nicht ihre Motivation, die kommt gleich. Aber ‘ne Salbe gegen Durchfall? Egal, jedenfalls ihre Motivation ist, dass sie das Preisgeld des Turniers braucht, weil sie, und eventuell hab ich sie nicht ganz richtig verstanden, einen sowjetischen Komponisten, Pianisten und Pädagogen angezündet hat. Bevor das weiter eruiert werden kann, naht eine Fahrkartenkontrolleurin. Karo versucht sie reinzulegen, indem sie so tut, als ob sie Jan einen bläst, aber der wird panisch ob soviel Nähe und deshalb nehmen sie Plan B, die Notbremse, und fliehen, begleitet von fetziger Musik, über die Felder.

Da Loki auch Jans Konto eingefroren hat und sich köstlich amüsiert, während er dessen Frustration über die Geldautomatenkamera verfolgt (offenkundig bietet einem die Antwort auf eine Sicherheitsfrage Möglichkeiten, auf die die Widersacher Sandra Bullocks in “Das Netz” neidisch wären, und hey, wenn die Drehbuchautoren popkulturelle Zitate aus den Neunzigern benutzen dürfen, mach ich das auch), bleibt unseren beiden Helden nur eins: Sie verdienen sich Geld mit ehrlicher Arbeit. Haha, Quatsch, sie stehlen natürlich Lebensmittel aus einem winzigen bayrischen Lebensmittelladen-Schrägstrich-Internetcafe, indem Karo den Händler dadurch ablenkt, dass sie eine Kapuze aufsetzt.

Als sie anschließend durch den Wald marschieren, müssen sie per Baumstamm über einen reißenden Bach balancieren, Karo stürzt ab und ich denk so “Was ist das hier, die Brücke nach Terabyte-ia?”. Aber Jan ist glücklicherweise ein Wercomputerspieleprotagonist und springt in dessen Form über den Bach, zieht sie hoch und trägt sie von dannen. Oder so. Das war alles so merkwürdig geschnitten, dass ich nur erahnen kann, was passiert ist. Die Filmmacher habens nicht so mit Actionszenen.

Sie übernachten in einer Höhle, wo Jan sein liebstes Gut verfeuert, damit sie es warm haben: Strategy Guides vom besten Schlacht-um-Utgard-Spieler Tristan (doch, das hat Relevanz, ich schwör!).Karo so “Hey, weil du der Protagonist bist, hab ich mich voll in dich verliebt, lass uns rangeln und knutschen!” Und Jan so “Aaaah!” und Karo so “Alle hassen mich!”. Um sie zu trösten, klettert Jan am nächsten Morgen auf einen Berg und baut aus ein paar Stöcken und Lianen eine Krücke für Karo. In einer absurden Szene kommt sie hinter ihm den Berg hochgestiefelt, er gibt ihr die Krücke und sie frohlockt “Oh, ich kann wieder gehen!” In den nächsten zwei Szenen sehen wir, wie Jan sie mit der Krücke beim Klettern hochschiebt und wie sie einen erneuten Baumstamm überquert und dabei die Krücke als Balancestab nutzt, und entweder wissen die Filmemacher nicht, wie eine Gehhilfe funktioniert, oder das sind die einzigen wirklich witzigen Szenen im Film.

Aus Angst, dass Ziel ihrer Reise nicht rechtzeitig zu erreichen, flüstert Karo einen Wunsch in den Kristallanhänger, der die einzige Erinnerung an ihre Mutter ist, und schon hält ein Auto an und lässt sie einsteigen. Doch kaum sind sie eingestiegen, verriegelt der Fahrer alle Türen und dreht sich um, und Karo so “Hm, vielleicht hätte ich mir nicht wünschen sollen, dass der Sohn des Krämerladenbesitzers mit einem Auto vorbeikommt, um uns zu fangen, weil Loki eine Belohnung auf uns ausgesetzt hat, weil MMOs ja so funktionieren”, aber Jan befreit sie, indem er die Mentos aus Karos Mund schnappt und in die Colaflasche in seinem Schoß stopft und die daraus resultierende Fontäne den Krämerssohn von oben bis unten durchnässt, und irgendwie wurde dieser Satz sexier als geplant. Wie jeder weiß, öffnet Colasauerei jede Zentralverriegelung, und Karo und Jan können entkommen.

Auf der Flucht vor Liverollenspielern kommen sie beim sexy Holzfäller Ben unter, und kaum kommt ein anderer Mann ins Spiel, merkt Jan plötzlich doch, dass er auf Karo steht. Obwohl: In seinen Fantasien, in denen sich Ben und Karo anlüstern, ist es Ben, der oben ohne dasitzt, und für einen kurzen Moment hoffte ich, dass Jans Ablehnung von Frauennähe halt nicht dem Klischee des verklemmten Gamers entsprünge, sondern schlicht der Homosexualität. Doch leider mitnichten.

Weil Karo mit Jan nackt baden will, stiehlt er ihr einziges Erinnerungsstück an ihre Mutter, zersticht die Reifen Bens Autos, klaut dessen Fahrrad und lässt Karo zurück, um sich Loki anzuschließen. Der stellt sich als neuer Account von Tristan raus, dem obig erwähnten Strategy-Guide-Autor, und das Unglaubwürdigste daran ist, dass so lange nach Launch in einem MMO, das sich komplett an nordischer Mythologie orientiert, der Name Loki noch frei war. Wie sich herausstellt, geschah Lokistans großer Plan der kompletten Entonlineung Jans lediglich zu dem Zwecke, weil er mit ihm gemeinsam bei Ragnarök kämpfen wollte, und wenn das mal nicht der verschwurbelste Plan der deutschen Filmgeschichte war. Um seinen Charakter wiederzukriegen und bei Ragnarök zu gewinnen, willigt Jan ein.

Was den ganzen Film über so spektakulär gehypt wurde, entpuppt sich als simples 2v2-PvP-Ausscheidungsturnier, moderiert von Gronkh junior und David Hain, mit dem Haken, dass die Verlierercharaktere Permadeath erleiden. Ich bin kein MMO-Spieler, aber ich glaub nicht, dass irgendeine Ingamebelohnung das Risiko wert wäre. Als die beiden Spieler mit den höchststufigen Charakteren auf dem Server erreichen sie mühelos das Finale, und das Aufregendste daran ist, wie die Filmemacher verzweifelt versuchen, MMO-Kämpfe spannend und dynamisch wirken zu lassen.

Im emotionalen Höhepunkt des Films glaubt Jan im Antlitz des soeben von ihm niedergestreckten Trollkontrahenten Karos Charakter wiederzuerkennen,die währenddessen alleine und auf einmal wieder humpelnd durch den Wald läuft. Ach, es ist schon ein Kreuz, doch Jan spürt ein Pieken im Herz, wenn er an Karo denkt. Entschuldigung, aber auf den Satz hatte ich mich schon die ganze Zeit gefreut. Auf einmal reumütig und plötzlich von Liebe entflammt hackt Jan in einem unbeachteten Moment Tristans Rechner, um an die Zugangsdaten von Karos Account zu kommen, und kontaktiert Deniz, weil Bro ist dicker als Wasser. Denn zu ihrem Glück hat Ragnarök das beschissenste Turnierreglement ever, dass es jeglichen Spielern erlaubt, gegen die Finalisten anzutreten. Wozu man dann vorher hätte mitmachen sollen, weiß ich auch nicht genau.

Jedenfalls lässt Jan seinen Charakter heldenhaft von Deniz töten, derweilen Loki dumm herumsteht, und während Deniz mit seinem Level-22-Charakter mindestens eine halbe Stunde den Angriffen vom Level-70-Loki ausweicht, klaut Jan Lokis Quadbike, entkommt damit der herannahenden Polizei, deren Involviertheit ich bisher verschwieg, weil sie irrelevant und der Text schon eh viel zu lang ist, und trifft wie durch mieses Screenwriting genau auf Karo, als diese an der richtigen Stelle aus dem Wald marschiert.

Natürlich vergibt sie ihm all sein Arschlochtum, auch weil er ihr ihre Accountdaten gibt, und sie fahren zurück zu Ben, der offensichtlich das Spiel auch installiert hat, obwohl er die ganze Zeit mit Unverständnis reagierte, und Karo und Deniz besiegen Loki gemeinsam, während Jan sich der Polizei stellt und sie überzeugt, dass er nicht nur seine Straftaten, sondern auch die von Karo begangen hat.

Für den Diebstahl von Lebensmitteln, Karos Identität, einem Fahrrad und einem vierrädigem Leichtkraftfahrzeug, Führen eines Fahrzeugs ohne Führerschein, Beförderungserschleichung, Vortäuschung eines terroristischen Anschlags, Cyberkriminalität, Sachbeschädigung und unerlaubtes Feuermachen in einem Waldgebiet muss Jan jetzt aber wirklich ins Internat. Karo kommt rein und fragt “Hey, willst du vielleicht meine Local Area networken?” Und weil er jetzt ja nicht mehr spielen kann, muss er sich wohl mit Sex begnügen. Happy End!

(Ich schrieb diesen Text in offener Verehrung für Kelly Wand, der sowas wöchentlich für den Quarter To Three Movie Podcast vorträgt und dem ich in keinster Weise das Wasser reichen kann. Spaß gemacht hats trotzdem. Weit mehr als der Film.)

Ich habe ein Buch geschrieben

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Liebe paar Leser,

ich habe mit der famosen Illustratorin Nina Kiel ein Bilderbuch für Erwachsene namens “Der Dandy kommt ins Dorf” geschrieben, und Ihr könnt es kaufen. Eigentlich hab ich nur “für Erwachsene” geschrieben, damit Ihr euch angesprochen fühlt, so richtig “adult” ist daran nichts. Aber ich finde, Bilderbücher sind ein zu schönes Medium, um allein in Kinderzimmern ihr Dasein zu fristen. Unser Ziel ist es, das Bilderbuch wieder salonfähig zu machen, und “Der Dandy kommt ins Dorf” ist ein erster Schritt auf diesem weiten Weg.

Ich schweife ab. Wenn ich eins im Internet gelernt habe, dann, dass alle Menschen gerne Listen lesen. Also hier eine Auflistung der tollen Aspekte dieses Buches:

  • Eine spannende* und absurde Geschichte in 56 gereimten Zeilen, und einer ungereimten!
  • 48 Seiten, davon 32 bunt!
  • 8 Seiten Bonusmaterial!
  • Ein Coffee Table Book, das einem nicht den Fuss bricht, wenn es aus der Hand rutscht!
  • Ideal, um wartenden Gästen die Zeit zu vertreiben und gleichzeitig in ihnen Gedanken zu wecken wie “Was ist das denn für ne komische Type, die sowas liest?”
  • Und idealerweise beim Lesen und Angucken mindestens eine emotionale Reaktion (Verwirrung ist auch eine Emotion)!

Ich will euch nicht anlügen: Die Chance, dass ihr “Der Dandy kommt ins Dorf” für das beste Buch auf der ganzen Welt halten werdet, ist recht gering: Es ist ein recht merkwürdiges Büchlein. Aber ich hoffe inständig, dass die großartigen Menschen unter euch, die es kaufen (ja, ihr anderen seid auch toll), wenigstens irgendeinen Aspekt davon schätzen lernen können (bestimmt die Bilder, buhuhu!).

Das Ganze lief über On-Demand-Druck, also ohne einen richtigen Verlag, der mächtig Potential sah und uns eine fette Autorenprämie überwies. Also nein, kein zukünftiges Leben in Saus und Braus, keine Privatjets, keine Interviews oder Lesereisen, und die Chance, dass ihr das Buch demnächst im Buchhandel im Bestsellerregal (oder sonstwo) sehen werdet, ist äh… also drauf wetten würd ich nicht. Aber um reich zu werden haben wir das auch nicht geschrieben.

Sollte ich eurer Interesse irgendwie geweckt haben (ich bin nicht so gut mit sale pitches, zugegeben), könnt ihr “Der Dandy kommt ins Dorf” für 8,99€ bei Thalia, Amazon oder Hugendubel online bestellen oder mit der ISBN 9783739246291 in eurem Lieblingsbuchladen kaufen. Ich hoffe sehr, dass ihr den Kauf, so ihr ihn tätigt, nicht bereut, aber selbst wenn (und natürlich auch, wenn das Gegenteil der Fall ist) wäre es mir eine große Freude, wenn ihr mir eure Reaktionen mitteilen würdet, sei es hier als Kommentar oder per Mail an allerleiblei@googlemail.com oder wie auch immer, ist ja nicht so, dass ihr nicht wisst, wie man kommuniziert. Ihr seid ja schon groß.

Wenn ihr nicht die Katze im Sack kaufen wollt, gibt es auf Ninas Tumblr ein paar exklusive Blicke ins Buch.

Und hey: Danke.

*tatsächliches Spannungsgefühl kann von der Beschreibung abweichen.

Zehn Stufen

Fabian hasste den Keller. Er war dunkel und zugig und selbst jetzt im Sommer kalt. Aber die große Kühltruhe stand dort, und sein großer Bruder hatte ihn geschickt, ihm und seinen Freunden Eis zu holen. Fabian bewunderte seinen Bruder, denn er war groß und schlank und stark und beliebt bei den Mädchen. Alles, was Fabian nicht war.

Fabian drückte den Lichtschalter, aber die einzige und nur schwach leuchtende Glühbirne dort unten hing direkt über der Kühltruhe, im hinteren Teil – das untere Ende der Treppe blieb in Dunkel gehüllt. Er ließ die Tür zum Keller offen, auch wenn seine Mutter schimpfen würde, dass es zieht, aber so waren wenigstens die oberen Treppenstufen beleuchtet. Irgendwann würde hier jemand schlimm stürzen, dachte Fabian, und begann die Treppe hinabzusteigen.

“Eins”, zehn Stufen waren es.
“Zwei”, er zählte immer laut mit.
“Drei”, um nicht zu stürzen.
“Vier”, aber auch, weil ihn der Klang seiner eigenen Stimme beruhigte.
“Fünf”, der Keller hatte ihm schon immer Angst gemacht.
“Sechs”, er spürte jede Furche der alten Holzstufen unter seinen nackten Füßen.
“Sieben”, vielleicht durfte er mit in den Pool, wenn er das Eis brachte.
“Acht”, er hörte seinen Bruder im Garten lachen. Ein lautes, unbeschwertes Lachen.
“Neun”, fast unten.
“Zehen!”, rief etwas erfreut und biss zu.

(Ich schrieb dies, nachdem ich dieses hübsche kleine Büchlein namens Half-Minute Horrors las, eine Sammlung sehr kurzer Schauergeschichten/-bilder/-comics für Kinder und kindische Erwachsene. Viele folgen bekannten Mustern, manche sind von bekannteren Autoren (Lemony Snicket, Neil Gaiman), so ziemlich alle thematisieren Kinder- und Jugendängste, manche sind arg lahm und einige wenige ganz furchtbar großartig (Jon Klassen!). Das da oben ist mein Versuch, den vorherrschenden Stil/Inhalt zu kopieren, inklusive käsigem Buh!-Ende.)

Was man fand, als der Schnee schmolz

Was man fand, als der Schnee schmolz:

Einen mannsgroßen goldenen Käfig. Darin

eine junge Frau mit karmesinrotem Haar. Um den Käfig geschlungen

ein Drache, vierzehn Schritt von Kopf zu Schwanzende. Das Maul weit aufgerissen, war es wohl sein Todesschrei, der die Lawine auslöste. In seinem Herzen

das schartige Blatt einer einfachen Holzfälleraxt. An den abgenutzten Schaft gelehnt

eine ältere Frau, in schlichter, blutbesudelter Kleidung, mit halb ergrautem, halb karmesinrotem Haar. In ihrer linken Hand, noch im Tode fest umklammert,

ein goldener Schlüssel.