Category Archives: Fiktion

Ich habe ein Buch geschrieben

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Liebe paar Leser,

ich habe mit der famosen Illustratorin Nina Kiel ein Bilderbuch für Erwachsene namens “Der Dandy kommt ins Dorf” geschrieben, und Ihr könnt es kaufen. Eigentlich hab ich nur “für Erwachsene” geschrieben, damit Ihr euch angesprochen fühlt, so richtig “adult” ist daran nichts. Aber ich finde, Bilderbücher sind ein zu schönes Medium, um allein in Kinderzimmern ihr Dasein zu fristen. Unser Ziel ist es, das Bilderbuch wieder salonfähig zu machen, und “Der Dandy kommt ins Dorf” ist ein erster Schritt auf diesem weiten Weg.

Ich schweife ab. Wenn ich eins im Internet gelernt habe, dann, dass alle Menschen gerne Listen lesen. Also hier eine Auflistung der tollen Aspekte dieses Buches:

  • Eine spannende* und absurde Geschichte in 56 gereimten Zeilen, und einer ungereimten!
  • 48 Seiten, davon 32 bunt!
  • 8 Seiten Bonusmaterial!
  • Ein Coffee Table Book, das einem nicht den Fuss bricht, wenn es aus der Hand rutscht!
  • Ideal, um wartenden Gästen die Zeit zu vertreiben und gleichzeitig in ihnen Gedanken zu wecken wie “Was ist das denn für ne komische Type, die sowas liest?”
  • Und idealerweise beim Lesen und Angucken mindestens eine emotionale Reaktion (Verwirrung ist auch eine Emotion)!

Ich will euch nicht anlügen: Die Chance, dass ihr “Der Dandy kommt ins Dorf” für das beste Buch auf der ganzen Welt halten werdet, ist recht gering: Es ist ein recht merkwürdiges Büchlein. Aber ich hoffe inständig, dass die großartigen Menschen unter euch, die es kaufen (ja, ihr anderen seid auch toll), wenigstens irgendeinen Aspekt davon schätzen lernen können (bestimmt die Bilder, buhuhu!).

Das Ganze lief über On-Demand-Druck, also ohne einen richtigen Verlag, der mächtig Potential sah und uns eine fette Autorenprämie überwies. Also nein, kein zukünftiges Leben in Saus und Braus, keine Privatjets, keine Interviews oder Lesereisen, und die Chance, dass ihr das Buch demnächst im Buchhandel im Bestsellerregal (oder sonstwo) sehen werdet, ist äh… also drauf wetten würd ich nicht. Aber um reich zu werden haben wir das auch nicht geschrieben.

Sollte ich eurer Interesse irgendwie geweckt haben (ich bin nicht so gut mit sale pitches, zugegeben), könnt ihr “Der Dandy kommt ins Dorf” für 8,99€ bei Thalia, Amazon oder Hugendubel online bestellen oder mit der ISBN 9783739246291 in eurem Lieblingsbuchladen kaufen. Ich hoffe sehr, dass ihr den Kauf, so ihr ihn tätigt, nicht bereut, aber selbst wenn (und natürlich auch, wenn das Gegenteil der Fall ist) wäre es mir eine große Freude, wenn ihr mir eure Reaktionen mitteilen würdet, sei es hier als Kommentar oder per Mail an allerleiblei@googlemail.com oder wie auch immer, ist ja nicht so, dass ihr nicht wisst, wie man kommuniziert. Ihr seid ja schon groß.

Wenn ihr nicht die Katze im Sack kaufen wollt, gibt es auf Ninas Tumblr ein paar exklusive Blicke ins Buch.

Und hey: Danke.

*tatsächliches Spannungsgefühl kann von der Beschreibung abweichen.

Zehn Stufen

Fabian hasste den Keller. Er war dunkel und zugig und selbst jetzt im Sommer kalt. Aber die große Kühltruhe stand dort, und sein großer Bruder hatte ihn geschickt, ihm und seinen Freunden Eis zu holen. Fabian bewunderte seinen Bruder, denn er war groß und schlank und stark und beliebt bei den Mädchen. Alles, was Fabian nicht war.

Fabian drückte den Lichtschalter, aber die einzige und nur schwach leuchtende Glühbirne dort unten hing direkt über der Kühltruhe, im hinteren Teil – das untere Ende der Treppe blieb in Dunkel gehüllt. Er ließ die Tür zum Keller offen, auch wenn seine Mutter schimpfen würde, dass es zieht, aber so waren wenigstens die oberen Treppenstufen beleuchtet. Irgendwann würde hier jemand schlimm stürzen, dachte Fabian, und begann die Treppe hinabzusteigen.

“Eins”, zehn Stufen waren es.
“Zwei”, er zählte immer laut mit.
“Drei”, um nicht zu stürzen.
“Vier”, aber auch, weil ihn der Klang seiner eigenen Stimme beruhigte.
“Fünf”, der Keller hatte ihm schon immer Angst gemacht.
“Sechs”, er spürte jede Furche der alten Holzstufen unter seinen nackten Füßen.
“Sieben”, vielleicht durfte er mit in den Pool, wenn er das Eis brachte.
“Acht”, er hörte seinen Bruder im Garten lachen. Ein lautes, unbeschwertes Lachen.
“Neun”, fast unten.
“Zehen!”, rief etwas erfreut und biss zu.

(Ich schrieb dies, nachdem ich dieses hübsche kleine Büchlein namens Half-Minute Horrors las, eine Sammlung sehr kurzer Schauergeschichten/-bilder/-comics für Kinder und kindische Erwachsene. Viele folgen bekannten Mustern, manche sind von bekannteren Autoren (Lemony Snicket, Neil Gaiman), so ziemlich alle thematisieren Kinder- und Jugendängste, manche sind arg lahm und einige wenige ganz furchtbar großartig (Jon Klassen!). Das da oben ist mein Versuch, den vorherrschenden Stil/Inhalt zu kopieren, inklusive käsigem Buh!-Ende.)

Was man fand, als der Schnee schmolz

Was man fand, als der Schnee schmolz:

Einen mannsgroßen goldenen Käfig. Darin

eine junge Frau mit karmesinrotem Haar. Um den Käfig geschlungen

ein Drache, vierzehn Schritt von Kopf zu Schwanzende. Das Maul weit aufgerissen, war es wohl sein Todesschrei, der die Lawine auslöste. In seinem Herzen

das schartige Blatt einer einfachen Holzfälleraxt. An den abgenutzten Schaft gelehnt

eine ältere Frau, in schlichter, blutbesudelter Kleidung, mit halb ergrautem, halb karmesinrotem Haar. In ihrer linken Hand, noch im Tode fest umklammert,

ein goldener Schlüssel.

Der nächsten Generation gewidmet

Hörst Du sie nahen? Hast Du es vernommen?
Die Stimme des Fanchors verkündet ihr Kommen:
Das Ende vom Alten, der Bringer des Neuen,
die Next Generation soll uns jetzt erfreuen!

Die Early Adopters, sie werden juchheißen,
in Youtubevideos Packungen aufreißen,
und von all den toll’n High-Def-Starttiteln schwärmen
(für die wird sich in drei Jahr’n keiner erwärmen).

und später dann fluchen, per Podcast, per Twitter,
weil noch so viel fehlt, ach, die Tränen sind bitter,
ob schlechtem UI und ja, online, da lagt es,
und weil ‘ne Funktion echt total blöd versteckt ist.

Und so und so weiter, doch trocknen die Tränen,
denken sie daran, dass sie zählen zu denen
ehrlaucht Auserwählten, die jetzt schon erleben,
was sich SpielerDrei erst in zwei Jahr’n wird geben.

Und so lange wird der Autor dieser Zeilen,
noch bei seinen alten Konsolen verweilen,
und langsam und stetig den Backlog wegspielen,
und ab und zu neidisch zu euch rüberschielen.

Das le-etzte Mal, als solch Umschwung geschah,
schrieb ich noch auf weiß und hatte langes Haar,
das Blog ist jetzt grau und das Haar, das ist ab,
und ich bin jetzt acht Jahre näher am Grab.

Doch sonst hat sich leider echt nicht viel getan,
schreib immer noch scheiße, bin immer noch arm.
Doch lassen wir das, der Moment gehört Dir,
genieß 1080p (wenn PS4)!

Ich wünsch Dir viel Spaß mit den neuen Geräten,
und Launchtitel, bunt wie Sylvesterraketen,
dass die Dinger laufen und nichts sie je brickt,
und die NSA nicht zuguckt, wenn Ihr fickt.

Erfreut Dich an Grafik, erfreut Dich an Style.
Denn spielerisch wird das, glaub ich, nicht so geil.
Während Du bestaunst die Textur’n an ‘ner Glock,
schreib ich über Altes in mein graues Blog.

Generationskonflikt

Ich saß jetzt schon eine ganze Weile im Wartezimmer, und ich war mir ziemlich sicher, dass der alte Mann in der Ecke Hitler war. Obwohl? Er hatte diesen komischen Bart direkt unter der Nase, und er trug eine Uniform wie auf den Bildern im Geschichtsbuch, aber so wie er zusammengesunken auf seinem Stuhl hockte, mit herunterhängenden Mundwinkeln und kraftlosem Blick, hatte er kaum etwas mit dem energischen Verrückten zu tun, der den Weltkrieg angefangen hatte. Außerdem war er bunt. Also, in Farbe. Natürlich war er das, ich mein, es würde ja echt doof sonst aussehen. Aber ich kannte ihn halt nur in schwarzweiss. Er roch ein bißchen. Aber das tun ja alle alten Männer.

Ich hatte nicht vor, mit ihm ein Gespräch anzufangen, weil ich eh nie weiß, was ich mit alten Menschen bereden soll, selbst wenn sie nicht Hitler waren. Die wollten immer nur wissen, wie es in der Schule lief, ob man nicht mal was aus seinem Leben machen wolle, wie groß man geworden sei und was meine Großmutter wohl davon gehalten hätte, wenn sie die Tätowierung noch hätte sehen können. Aber er war es, der das Gespräch begann.

“Geht das nicht auch ein bißchen leiser, Frollein?” raunte er. Ich rollte mit den Augen, seufzte laut hörbar und steckte mein Handy aus Protest gleich ganz weg. “Was kann ICH denn dafür, dass meine Kopfhörer weg sind?” fragte ich halblaut, aber er antwortete nicht. Ich versuchte, Jenny anzurufen, aber irgendwie hatte ich hier immer noch keinen Empfang. SMS ging auch nicht.

Ich nahm mir eine der Zeitschriften, aber die waren doof und alt und sowieso für Alte und Doofe. Zumindest konnte ich durch das laute Blättern meine Entrüstung ob Hitlers Einmischung in meinen Musikkonsum ausdrücken. Wenigstens hatte ICH nicht Millionen Menschen umgebracht. Was nahm der sich denn überhaupt raus?

Ich war gerade richtig gut dabei, mich in meinen Zorn hereinzusteigern, als er mich fragte, was das denn überhaupt für ein Gerät wäre, mit dem ich da Krach machte. Ich rege mich vielleicht manchmal ein bißchen zu schnell auf, aber ich bin immerhin auch jederzeit bereit, wieder zu vergeben. Außerdem war das Handy neu und toll und man wird viel zu selten nach seinem neuen tollen Handy befragt.

Wie sich herausstellte, wollte er aber in Wirklichkeit gar nichts über Megapixelanzahl, Speicherplatz und Multitouch wissen, sondern interessierte sich primär für die Musik. Ich spielte ihm einige der besten Lieder vor, aber er mochte weder Rihanna noch Justin. Stattdessen fragte er nach Marschmusik oder Wagner. Wag wer?

Das Gespräch kam danach schnell zum Erliegen, obwohl ich mir echt Mühe gab – klar, er war Hitler und so, aber ich hasse einfach so Warten. Es stellte sich heraus, dass wir beide Japan mochten, aber er kannte nicht einen einzigen Anime. Auch sonst kannte er nichts, was ich toll fand, ich stand auf Katzen, er auf Hunde, und alles, was ich so von ihm wusste, erschien mir nicht sonderlich passend für eine Wartezimmerunterhaltung. Bald schwiegen wir wieder.

Nach einer gefühlten Ewigkeit hörte ich endlich eine gelangweilte Stimme meinen Namen rufen. Als ich zur Tür ging, warf ich einen letzten Blick zurück auf die zusammengesunkene Gestalt in der Ecke. “Ähm, waren Sie nicht vor mir da? Sollten Sie nicht eigentlich dran sein?” fragte ich.

Er blickte auf seine Schuhe. “Ich werde hier wohl noch warten müssen.”, sagte er. Sein Tonfall erinnerte mich an irgendwas, aber na ja, ich war jetzt dran und so. Das Gute an Wartezimmern ist, dass man sich nicht verabschieden muss, wenn man geht.