Category Archives: Fiktion

Der nächsten Generation gewidmet

Hörst Du sie nahen? Hast Du es vernommen?
Die Stimme des Fanchors verkündet ihr Kommen:
Das Ende vom Alten, der Bringer des Neuen,
die Next Generation soll uns jetzt erfreuen!

Die Early Adopters, sie werden juchheißen,
in Youtubevideos Packungen aufreißen,
und von all den toll’n High-Def-Starttiteln schwärmen
(für die wird sich in drei Jahr’n keiner erwärmen).

und später dann fluchen, per Podcast, per Twitter,
weil noch so viel fehlt, ach, die Tränen sind bitter,
ob schlechtem UI und ja, online, da lagt es,
und weil ‘ne Funktion echt total blöd versteckt ist.

Und so und so weiter, doch trocknen die Tränen,
denken sie daran, dass sie zählen zu denen
ehrlaucht Auserwählten, die jetzt schon erleben,
was sich SpielerDrei erst in zwei Jahr’n wird geben.

Und so lange wird der Autor dieser Zeilen,
noch bei seinen alten Konsolen verweilen,
und langsam und stetig den Backlog wegspielen,
und ab und zu neidisch zu euch rüberschielen.

Das le-etzte Mal, als solch Umschwung geschah,
schrieb ich noch auf weiß und hatte langes Haar,
das Blog ist jetzt grau und das Haar, das ist ab,
und ich bin jetzt acht Jahre näher am Grab.

Doch sonst hat sich leider echt nicht viel getan,
schreib immer noch scheiße, bin immer noch arm.
Doch lassen wir das, der Moment gehört Dir,
genieß 1080p (wenn PS4)!

Ich wünsch Dir viel Spaß mit den neuen Geräten,
und Launchtitel, bunt wie Sylvesterraketen,
dass die Dinger laufen und nichts sie je brickt,
und die NSA nicht zuguckt, wenn Ihr fickt.

Erfreut Dich an Grafik, erfreut Dich an Style.
Denn spielerisch wird das, glaub ich, nicht so geil.
Während Du bestaunst die Textur’n an ‘ner Glock,
schreib ich über Altes in mein graues Blog.

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Generationskonflikt

Ich saß jetzt schon eine ganze Weile im Wartezimmer, und ich war mir ziemlich sicher, dass der alte Mann in der Ecke Hitler war. Obwohl? Er hatte diesen komischen Bart direkt unter der Nase, und er trug eine Uniform wie auf den Bildern im Geschichtsbuch, aber so wie er zusammengesunken auf seinem Stuhl hockte, mit herunterhängenden Mundwinkeln und kraftlosem Blick, hatte er kaum etwas mit dem energischen Verrückten zu tun, der den Weltkrieg angefangen hatte. Außerdem war er bunt. Also, in Farbe. Natürlich war er das, ich mein, es würde ja echt doof sonst aussehen. Aber ich kannte ihn halt nur in schwarzweiss. Er roch ein bißchen. Aber das tun ja alle alten Männer.

Ich hatte nicht vor, mit ihm ein Gespräch anzufangen, weil ich eh nie weiß, was ich mit alten Menschen bereden soll, selbst wenn sie nicht Hitler waren. Die wollten immer nur wissen, wie es in der Schule lief, ob man nicht mal was aus seinem Leben machen wolle, wie groß man geworden sei und was meine Großmutter wohl davon gehalten hätte, wenn sie die Tätowierung noch hätte sehen können. Aber er war es, der das Gespräch begann.

“Geht das nicht auch ein bißchen leiser, Frollein?” raunte er. Ich rollte mit den Augen, seufzte laut hörbar und steckte mein Handy aus Protest gleich ganz weg. “Was kann ICH denn dafür, dass meine Kopfhörer weg sind?” fragte ich halblaut, aber er antwortete nicht. Ich versuchte, Jenny anzurufen, aber irgendwie hatte ich hier immer noch keinen Empfang. SMS ging auch nicht.

Ich nahm mir eine der Zeitschriften, aber die waren doof und alt und sowieso für Alte und Doofe. Zumindest konnte ich durch das laute Blättern meine Entrüstung ob Hitlers Einmischung in meinen Musikkonsum ausdrücken. Wenigstens hatte ICH nicht Millionen Menschen umgebracht. Was nahm der sich denn überhaupt raus?

Ich war gerade richtig gut dabei, mich in meinen Zorn hereinzusteigern, als er mich fragte, was das denn überhaupt für ein Gerät wäre, mit dem ich da Krach machte. Ich rege mich vielleicht manchmal ein bißchen zu schnell auf, aber ich bin immerhin auch jederzeit bereit, wieder zu vergeben. Außerdem war das Handy neu und toll und man wird viel zu selten nach seinem neuen tollen Handy befragt.

Wie sich herausstellte, wollte er aber in Wirklichkeit gar nichts über Megapixelanzahl, Speicherplatz und Multitouch wissen, sondern interessierte sich primär für die Musik. Ich spielte ihm einige der besten Lieder vor, aber er mochte weder Rihanna noch Justin. Stattdessen fragte er nach Marschmusik oder Wagner. Wag wer?

Das Gespräch kam danach schnell zum Erliegen, obwohl ich mir echt Mühe gab – klar, er war Hitler und so, aber ich hasse einfach so Warten. Es stellte sich heraus, dass wir beide Japan mochten, aber er kannte nicht einen einzigen Anime. Auch sonst kannte er nichts, was ich toll fand, ich stand auf Katzen, er auf Hunde, und alles, was ich so von ihm wusste, erschien mir nicht sonderlich passend für eine Wartezimmerunterhaltung. Bald schwiegen wir wieder.

Nach einer gefühlten Ewigkeit hörte ich endlich eine gelangweilte Stimme meinen Namen rufen. Als ich zur Tür ging, warf ich einen letzten Blick zurück auf die zusammengesunkene Gestalt in der Ecke. “Ähm, waren Sie nicht vor mir da? Sollten Sie nicht eigentlich dran sein?” fragte ich.

Er blickte auf seine Schuhe. “Ich werde hier wohl noch warten müssen.”, sagte er. Sein Tonfall erinnerte mich an irgendwas, aber na ja, ich war jetzt dran und so. Das Gute an Wartezimmern ist, dass man sich nicht verabschieden muss, wenn man geht.

The Nurse’s Dream

When head nurse Mary Perrineau went to sleep in the small, grey room dedicated for nurses on emergency service, she had a most peculiar dream. She was slowly walking through an art museum, which was filled with almost all of the paintings and sculptures she could remember. She went to the local museum twice in the past, but it was a small, badly-lit place, and she did not care much for the art on exhibit there – too modern, too obscene. But here, in these long hallways, filled with a warm light coming seemingly from nowhere, were the masterpieces, the great pieces of art she had often thought about in the past, when she was younger, sillier.

She noticed that she actually seemed and felt younger than her fifty-two-year old self; her hands lacked the dark lines, and her hair showed not even a hint of grey. To her surprise it fell over her shoulders, as she had worn it as a small child, and was not pulled back into a tight bun as she wore it now. Her dress was also far more colourful than anything she owned in reality, and she felt indecent in it, not fitting for such an occasion. But not one of the people around her seemed to mind, and in fact most of them weren’t wearing clothes you’d expect in an art museum, either. And many of them were talking, she heard singing from another hallway, and children ran across the halls, with no velvet rope to reign them in, no conservator to stop them. Mary was appalled by all this. This wasn’t how you should behave in a museum – this was a place of quiet contemplation, not a playground. But again, no one seemed to mind.

The people around her seemed to come from all walks of life – young and old, rich and poor, men and women. The only thing they all had in common was a certain cheerfulness. Mary shook her head, her thin-lipped mouth tightening – this wasn’t right. There was neither rhyme nor reason behind those people’s behaviour, and she was adamant in not joining them in their folly. She walked through the halls, looking for an exit, when suddenly, she felt an itch in her nose. Hastily she searched for a handkerchief, but her dress seemed to have no pockets. She put her hand up to stifle the sneeze, but it was to late.

In the real world, Mary Perinneau’s sneeze consisted of nothing more than a short moment of silence, followed by a sigh. But here it came to pass with a force unprecedented, throwing her head backward and escaping with a loud noise not unlike those you hear around elephant houses in the zoo. Her hand in front of her nose was pushed away with amazing force, and with horror she realized that a mass of what could only be phlegm left her nostrils. Ugh! Phlegm was one of the few things she couldn’t handle with professional ease, and although she often scolded the other nurses if they let their disgust show, she felt it too. Before she could open her eyes again, she realised that all the commotion around her had stopped. Looking hastily around, she saw with wide-open eyes that everyone around her seemed to be staring at her, and at what was laying on the floor in front of her. Mary Perinneau was filled with shame and helpless rage, and lowered her head. That’s when she saw what was lying in front of her, in an amount which surely couldn’t have come out of her nose. It was glitter.

Before she could raise her head again to look in disbelief into the surrounding faces, someone began to clap. Soon others joined, and in a moment all the people around her were applauding, cheering, rejoicing. Mary was nonplussed, and turned to leave, to leave this madness behind, but her nose itched again, and before she could react another sneeze, even louder than the first, rocked her whole body, and a cone of shimmering glitter shot out of her in a wide arch, covering people, statues and some of the paintings. This was met with another roaring applause from her audience, and to Mary’s utter astonishment the Venus de Milo, covered now with her projected glitter started to laugh and stepped off her plinth, as did the Thinker and David, who stole a stole of a nearby visitor to hide his lower area.

Another sneeze, and this time the paintings came alive too, and the water lilies swam out of their frame on a stream of water, a scream of joy was heard when a suddenly quite happy looking man with a peculiar head stepped out into the open, miniature stilt-legged elephants waltzed across the floor, and some of the kids nibbled on Arcimboldo’s Summer, who didn’t seem to mind. And through all this, Mary couldn’t stop sneezing, and every one of them was greeted with jubilations and fanfare, as the men and women around her danced, sang and cajoled with the living pieces of art, and after a while she enjoyed this attention, and tried to spread the mysterious glitter over as many works as possible; and the men and women thus borne into reality thanked and applauded her, and the creatures bowed their heads. Music played, and the portrait of Picasso grabbed her hand, and they danced, round and round through the halls of the museum, and Mary sneezed over his shoulder, producing wonder upon wonder.

When Mary woke up, she spent a few seconds looking at the grey ceiling of the room, feeling a most unfamiliar muscular contraction around her mouth. She got up, washed her face and stared into the mirror, her steely gaze banishing any tears which had hoped to well up back into their canals. Then she tidied up, pulled her hair back into a tight bun and left the grey room to find some apprentice nurses to scold.

Warum deine Autositze voller Kotze sind, von SpielerDrei

Ich muss dir leider sagen, dass
der halbe Liter Häagen-Dazs
den eine deiner Blagen aß
als Schwall aus seinem Magen barst
als er in deinem Wagen saß.

Pointillismus

Victor wusste nicht, was Kunst ihm bedeutete, bis er dieses Bild sah. Georges Seurat. Pointillismus. “Un dimanche après-midi à l’Île de la Grande Jatte”, “Ein Sonntagnachmittag auf der Insel La Grande Jatte”.  Diese Strahlkraft. Diese Komposition. Seit er es bei einem Schulausflug das erste Mal erblickte, verbrachte er jeden ersten und zweiten Mittwoch des Monats, wenn der Eintritt frei war, im Museum, berauscht und bezaubert. Victor konnte sich seine Faszination nicht recht erklären – keines der anderen ausgestellten Kunstwerke erzeugte das gleiche Gefühl in ihm, auch der Druck, den er an der Kasse stahl, löste nicht mehr aus als den Wunsch, das Original wiederzusehen. Ausstellungssaal 242.

Er gab den Menschen auf dem Bild Namen. Das kleine Mädchen in Weiß: Madeleine. Die strenge Gouvernante daneben: Doris. Der Gentleman mit Zylinder links: Dorian. Doch so oft er auch suchte – für einen Victor war hier kein Platz.

Vierzig Menschen, drei Hunde, ein Äffchen.

Er versuchte, das Bild nachzuzeichnen, erfolglos. Seine Versuche widerten ihn an. Er suchte Menschen, die seine Faszination teilten, aber die wenigen, die er fand, wanden sich von ihm ab, wenn sie erfuhren, wie begrenzt sein Interesse war. Niemand wollte mit ihm über die Lebensgeschichten der Ruderer sprechen. Der dritte vom Heck aus betrug seine Frau. Mit der des Zweiten.

Victor alterte, und er wusste nicht warum. Es müsse einen Grund für seine Obsession geben, fand er. Kein Zufall könnte je solch eine einschneidende Wirkung haben. Er war nicht ohne Grund diesem Gemälde verfallen, daran glaubte er fest. Aber dennoch alterte er, ohne seine Bestimmung zu erkennen.

Victor war nicht wie andere Menschen, aber wie andere Menschen erlernte er einen Beruf, und auch wenn alle Leidenschaft seines Lebens nur einem Objekt galt, waren seine Fähigkeiten doch auch ohne Passion erstaunlich, und er erwarb sich bald einen guten Ruf unter seinen Berufsgenossen. Victor kümmerte es nicht.

Es war ein kleiner brauner Hund mit einem weißen Schleifchen um den Hals, der ihm schließlich die Augen öffnete. Victor lächelte, das erstemal seit Jahren außerhalb des Museums, als er die Leine von dem Fahrradständer löste. Gelassen und bestimmt schritt er weiter, das etwas verwirrte, aber gutmütige Tier hinter sich herführend. Nicht eine Sekunde kam Victor der Gedanke, jemand könne ihn aufhalten. Jetzt betrachtete er nicht mehr die einzelnen Farbpunkte – nun sah er das Ganze.

Victor stand auf, wusch sich die Hände und wandte sich erneut seinem Werk zu. Es war gute Arbeit. Doch war dies nur ein kleiner Schritt auf seinem Weg, ein einzelner Farbpunkt, der erst durch die ihn Umgebenden Form und Funktion erfahren würde. Es mochte dauern, eine geeignete Uferstelle zu finden, und die logistischen Anforderungen könnten weniger klardenkende Menschen von vornherein abschrecken.  Nicht so Victor. Auch “Un dimanche…” wurde Punkt für Punkt gemalt. Die falsche Perspektive des Gemäldes stellte sicherlich das größte Problem der Reproduktion dar, aber Victor hatte schon einige Ideen. Das war nichts, was einen ausgezeichneten Präparator wie ihn aufhalten sollte.

Noch vierzig Menschen, zwei Hunde und ein Äffchen.