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Marvel-Gazing

Es muss so 1990 gewesen sein, als ich mit 11 Jahren beim Raststättenbushalt auf der Klassenfahrt etwas erwarb, dass mein Leben bis heute, aber richtig richtig doll für die nächsten zehn, zwölf Jahre prägen sollte: Mein erstes Marvelcomic. Genauer gesagt so ein Condor-MARVEL-MAXI-Pocket, für das einfach zwei normale Taschenbücher zusammengeleimt wurden (gerne auch verschiedene, die dann mit dem gleichen Cover verkauft wurden), und es ging um die Fantastischen Vier. Natürlich kannte ich Superhelden von den Auslagen des Bahnhofskiosks und der Batmankinofilmplakatwerbung, dessen Logo ich lange nicht recht entziffern konnte weil ich dachte, das Goldene wäre relevant (ein M und zwei Zähne?), aber gelesen hatte ich bisher nur Phantomias, wo ich demnach die ganzen Anspielungen auch null verstand.

Nichts verstehen tat ich auch hier: Anstatt der versprochenen Vier waren es sechs Helden, aber zwei waren im Ruhestand, doch nicht so richtig, und wer waren die grüne Frau und die Steinfrau? Und jetzt ist der orangene Klotz plötzlich ein Mensch, aber auf einem anderen Planeten, häh? Nicht nur wurde ich in eine mir komplett fremde Welt geworfen, direkt in medias res einer Geschichte, die seit über 30 Jahren lief, sondern auch an verschiedene Punkte auf dem Zeitstrahl, dank der Veröffentlichungspolitk des Condorverlags, ihre Taschenbücher mit Stories aus verschiedenen amerikanischen Comicreihen zu füllen, die nicht zwingend parallel liefen.

Aber das, was mich heute abschrecken würde, weckte in dem kleinen Hendrik eine bisher ungekannte Faszination: Das Entdecken einer Welt, die so viel interessanter war als die echte, bestückt mit Anspielungen und Bezügen auf Ereignisse und Personen, von denen ich noch keinen Schimmer hatte, aber deren Kennenlernen für die nächsten Jahre meine Lebensaufgabe werden sollte. Heute könnte ich einfach die Marvelwikis durchforsten oder dank Digitalisierung chronologisch alte Serien Heft für Heft lesen, aber damals und mit den geringen Mitteln von 1,50 DM Taschengeld in der Woche (supermerkwürdig, das heute zu schreiben, wo ich locker das Zehnfache davon zur Verfügung habe!) hieß das, die diversen Second-Hand-Comicläden meiner Heimatstadt abzuklappern und so viel Material zu sammeln, bis zumindest manches darin Sinn ergab. Weil ich noch ein Kind war, brauchte ich keine Pinnwände, um Zusammenhänge, Bezüge und Folgen zu katalogisieren, das passierte alles in meinem noch flexiblen Gehirn (ich mache Marvelcomics und Magickarten dafür verantwortlich, dass ich in der 11. Klasse plötzlich außerstande zu sein schien, eine neue Fremdsprache zu lernen): Marvelcomics waren meine Dinosaurier, meine Pokemon.

Ich kaufte so viel ich konnte, und im Laufe der Zeit wuchs das alles zu einer nie kompletten, aber umfangreichen Menge an bedrucktem bunten Papier an. Doch als ich auf einem Rollenspielcon (jetzt schon ein paar Jahre später) die deutsche Ausgabe (Schmidt-Spiele!) des Marvel-Superhelden-Rollenspiels ersteigerte, schaltete die Begeisterung noch einen Gang hoch:

Nicht nur konnte ich endlich meine Freunde auch für meinen Superheldenkrams begeistern, nicht nur bekam ich wieder einen ganzen Haufen Helden und Schurken geliefert, von denen ich nie gelesen hatte, sondern ich hatte endlich konkrete Zahlen, wer jetzt wirklich wie stark, schnell und schlau war! Spider-Man kann, wenn er sich anstrengt, 10 Tonnen heben, der oben genannte orangene Klotz sogar 75 und Thor gar 100! Reed Richards ist schlauer als Bruce Banner! Und die Tatsache, dass ich nichts davon nachschlagen musste, obwohl ich mich seit 20 Jahren nicht mehr wirklich mit der Materie beschäftigt habe, bekräftigt meinen Spanischvorwurf, finde ich.

Bei einem Familienurlaub in Großbritannien entdeckte ich, dass es als Quellenbücher für das Rollenspiel alphabetisch sortierte Superhelden/schurkenkompendien gab, und obwohl mein Englisch damals noch recht brüchig war, konnte ich diesem Katzenminzeäquivalent für junge Nerds nicht widerstehen und las das alles so oft, bis ich es irgendwann verstand. An dieser Stelle sollte ich vielleicht einfügen, dass ich Zeit meines Lebens stets Nachschlagewerke diverser Coleur von vorne bis hinten durchgelesen habe, so dass der Mangel an Kontext, an tatsächlichem Comicinhalten wie Handlung oder mehr als ein Bild pro Seite mich in keinster Weise störte. Es ging hier auch nicht um Unterhaltung, es ging um Wissen!

Die Tragik der meisten ungestümen Begeisterungen ist ja, dass sie irgendwann nachlassen, und das war auch hier der Fall. Als ich älter wurde, hatte ich mehr Geld für Comics, aber es stellte sich leider heraus, dass ich die Sachen der späten 90er und frühen 2000er gar nicht so dolle fand. Und irgendwann im Studium zwang das Portemonnaie mich dann, einen harten Schnitt zu ziehen, was aufgrund der Einsicht, dass ich den ganzen Kram hauptsächlich nur aus Gewohnheit kaufe, nicht so schwer fiel. Umso schöner war es, in den letzten 10 Jahren oder so zu entdecken, dass meine Begeisterung durch das Marvel Cinematic Universe wieder ein bißchen hochkochte, teils sicherlich, weil ich viele der Comicvorlagen der Figuren und Prämissen kenne, und diese kurzen Freudenmomente von “Ach, das soll der sein!” und “Haha, das ist witzig weil…” genieße ich sehr.

Egal, eigentlich schreib ich das alles hier nur, weil ich vor Kurzem seit langer Zeit mal wieder durch eines der eingangs erwähnten MAXI-MARVEL-Taschenbücher blätterte, diesmal eins der New Mutants, einem Ableger der X-Men mit sehr jungen Helden, die ich stets sehr mochte, und was mir auffiel war Folgendes: Alter WTF, was geht denn mit der Übersetzung? Ich meine, ich war mir damals schon sicher, dass die häufigen Anspielungen auf den Film Bad Taste und das Bier Hacker-Pschorr auf dem Mist der Übersetzer gewachsen war, aber worüber ich nie nachdachte, war, dass die Originale im normalen Comicformat und handgelettert waren, die Taschenbuchvarianten aber nur knapp halb so groß und mit klobigen Druckbuchstaben geschrieben (sorry, lieber Schriftsetzer, mir fehlt hier das richtige Vokabular), demzufolge der Text halt massiv gekürzt werden musste, und der wenige Resttext, der blieb, wurde dermaßen über alle Sprech- und Gedankenblasen und Tetboxen gestreckt, dass auf der einen zufällig ausgewählten Doppelseite, die gerade neben mir liegt, 14 Ellipsen zu finden sind. Hier mal zwei Beispiele, direkter Vergleich Original und Übersetzung:

Da fehlen popkulturelle Anspielungen, die Eloquenz des Alienqueenripoffs geht weitestgehend verloren und inhaltlich stimmt da auch einiges nicht im ersten Bild. Ich will den armen Übersetzern gar keine Vorwürfe machen, aufgrund der Rahmenbedingungen hatten sie ja nun wirklich nicht die Möglichkeiten. Im Gegenteil: Ich finde es ungemein beeindruckend, dass sie mit so geringen Mitteln dafür sorgen konnten, dass ich als kleiner Kerl nicht nur der Handlung einigermaßen folgen konnte, sondern auch Sympathien für diese Figuren entwickeln konnte, obwohl so viel auf dem Weg verloren ging. Ich hab die gesamte Geschichte, aus der die Beispiele sind, in beiden Versionen gelesen, und natürlich ist die Vollversion besser, natürlich kriegt man viel tiefere Einblicke in das, was die Figuren fühlen und denken, aber im Großen und Ganzen geht auf Verständnis- und emotionaler Ebene weit weniger verloren, als ich anfangs dachte. Klar, einen großen Einfluss darauf haben natürlich auch die Zeichnungen, aber trotzdem.

Jedenfalls hab ich beim Versuch die Seiten einzuscannen aus Versehen eine Schwarzweißkopie hiervon gemacht

und das Monster hier unten links gesehen und gedacht: “Huh, wenn man das ausschneidet und links neben einen schlimmen Hot Take platziert…” und jetzt will ich ein Fanzine machen.

JuniJuliAugustSeptemberOktoberNovemberDezember

Nun.

Nachdem ich mir eben die ursprünglichen Idee noch einmal durchgelesen habe, muss ich berichten, dass von meinen Hoffnungen nicht wirklich viel in Erfüllung ging, von den ersten Monaten vielleicht einmal abgesehen, in denen ich das Ganze ja auch noch protokollierte. Im Juni kaufte ich dann, von einer Cerealienpackung angefixt, ein Jahr Gamepass, und das, kombiniert mit der geschenkten Switch, machte das Vorhaben dann irgendwie zunichte.

Ich mein, ich habs trotzdem durchgezogen, weil ich gut im Durchziehen bin, und weil die zwei Spiele, die ich am Allerallerliebsten haben wollte, mir von guten Freunden geschenkt wurden. Aber was ich mir von der ganzen Chose erhoffte, ist nicht wirklich passiert. Ich hab nicht ein Gratis-itch.io-Spiel installiert, nicht eins der inzwischen – oh fuck, 78?! Epicstoregeschenke gespielt, obwohl ich einige davon schon ganz schön gut fand, so von fern, von Twitch Prime und PS+ ganz zu schweigen. Nicht ein PS2-Spiel nochmal rausgeholt, kein neues Genre für mich entdeckt, die Motivation zum monatlichen Schreiben hielt auch nicht recht lang und trotz recht hohem Spielkonsum ist der Backlog nurmehr größer geworden.

Natürlich ist all das vollkommen okay, nach dem doch arg depressiven letzten Text im Mai gings mir recht schnell dann doch wieder gut (40 sein ist bei weitem nicht so schlimm wie 40 werden), und die Welt hat gerade eh größere Probleme. Aber irgendwie abschließen wollte ich die Artikelserie dann doch (Next Up: Teil 3 und 4 hiervon) , so sehr mich ihre Erstellung auch quälte. Der “DU MUSST DEN JUNITEXT FERTIGMACHEN”-Gedanke verhinderte über weite Strecken jedwedes Erstellen anderer, potentiell interessanterer Texte (seht ihr, wie positiv ich inzwischen wieder denken kann?), und verleidete mir gar so sehr das Schreiben, dass ich nicht einmal den “Best of 2017”-Artikel pünktlich zu Silvester fertigstellen konnte Schrägstrich wollte. Dass der Befreiungsschlag dann ausgerechnet in der Form von Mensch-ärgere-dich-nicht kommen würde, hat mich auch überrascht, aber das Leben schreibt halt die beklopptesten Geschichten.

Fazit: Ein Jahr auf Spielekaufen verzichten kann man machen, bringt aber nix.

Der schlimmste Mai, den es je gab

Es wäre ziemlich cool, wenn ich eine Überleitung zu einem der weiter unten beschriebenen Spiele mit “Augenwischerei” oder “hinters Licht führen” machen könnte, weil dann sähe das so aus, als ob ich einen eleganten Übergang vom Apriltext zu diesem hier von vornherein geplant hätte. Andererseits ist jetzt ja schon Mitte September und niemand erinnert sich mehr an irgendwas.

Ich hab Anfang Mai Gamepass für drei Monate geholt, weil es da ein Superangebot gab, mir die Festplatte mit Spielen vollgehauen und dann fast bis zum Ende des Monats rein gar nichts davon gespielt, weil ich tieftief

Spiel des Monats: Yakuza 0

(danke, PS+!) verfallen war. Ich kannte die Serie bis dato nur vom Hörensagen und was ich sagen hörte klang jetzt nicht so verführerisch, halt irgendwas von Shenmue plus Bekloppt plus Minispiele. Ich hätte nie geahnt, dass es von diesen Zutaten schlussendlich nicht die Beknacktheit sein wird, die mich an die Konsole fesseln würde, sondern eine der besterzählten Geschichten, die ich seit langem erleben durfte.

Ich mein, die Beklopptheit Yakuza Zeros ist weithin dokumentiert und ich will eure wertvolle Lesezeit nicht mit Beispielen verschwenden (jedoch gerate ich immer noch in Verzückung, wenn ich daran denke, wie die -gonisten sich ihrer Oberkörperbekleidung entledigen), aber niemand warnte mich, dass nebenher ein japanisches Rachedrama/Thriller/Gangsterfilm läuft, mit einem Haufen interessanter Charakteren, die alle energisches Japanisch sprechen (ich weiß nicht, ob man das umstellen kann, das fühlte sich so richtig an), fantastischer Gesichtsgrafik (NASENPOREN), und echten Emotionen, die mich eiskalt erwischten, zumal das hier ja ein Prequel ist, dass daher natürlich noch besser funktioniert, wenn man die Charaktere und ihr zukünftiges Schicksal schon kennt. Dass Sega es schafft, zwischen all dem und dem Irrwitz drumherum die Balance zu halten, ist wundersam. Das ist doch ein schönes Schlusswort, breiten wir also den Mantel des Schweigens über dieses Thema, bevor ich zugeben muss, wieviele Stunden ich spielte, um der beste Carrerafahrer der Stadt zu werden.
40 werden ist ungleich härter als 40 sein. Einerseits war ich mir bewusst, dass ich jeden Tag älter werde und einem 365,25-Turnus, geschweige denn dem zehnfachen davon, keine Bedeutung zukommt. Andererseits litt ich wie ein Hund und verbrachte große Teile des Mais damit, mich in Videospiele zu flüchten.

Graveyard Keeper (danke, Xbox Gamepass!) war wie gemacht dafür, und ich bingete das hart. Ich erwartete ein Harvest Moon mit Friedhof und bekam die spielerische Version von “Ein Loch ist im Eimer”.

Wenn du beispielsweise ein richtig gutes Gebet craften möchtest, damit die Besucher deiner Kirche möglichst viel spenden und dir viel Glauben schenken, brauchst du ein richtig gutes Buch, etwas Glauben und einen Schreibtisch. Für das gute Buch brauchst du einen guten Festeinband und ein gutes Kapitel Geschichten. Für den guten Festeinband brauchst du einen mittelguten Festeinband und Goldverzierungen. Für die Goldverzierungen brauchst du einen Goldbarren, Stahlteile und etwas Glauben (ja, das ist sowas wie ne Universalwährung für “Mühe” oder so). Für Stahlteile braucht man einen Barren Stahl, zwei Keramikschüsseln und Brennstoff, um die Schmelze anzuheizen. Für die Keramikschüsseln braucht man Ton, Wasser und eine Töpferscheibe. Für die Töpferscheibe braucht man Holzbretter, Steine und Nägel. Für die Nägel braucht man einen Eisenbarren und einen Amboss. Den Eisenbarren kann man sich ganz einfach aus einem Stück Eisenerz herstellen, wenn man eine Schmelze hat. Und das Eisenerz kann man in der Mine abbauen, mit der Spitzhacke, die man sich am Holzamboss aus einem Stock, einfachen Eisenteilen und einem Eisenbarren selber schmieden kann. Also alles ganz einfach!

Eigentlich gibt mir Craften nicht viel, aber Graveyard Keeper setzt dich nie unter Druck. Zwar hat man eine Ausdauerleiste, die man mit Speisen, Tränken oder Schlaf wieder auffüllen muss, um weiterzuarbeiten, aber es gibt keinerlei Malus, wenn man Arbeiten unbeendet zurücklässt, keine regelmäßige Miete, die man entrichten muss, keine Spielzeitbegrenzung auf ein Jahr oder dergleichen. Zwar gibt es ein Spielziel und eine Story, aber wieviel Zeit man sich damit lässt, bleibt einem selbst überlassen. Und weil es so verdammt viel zu tun gibt, ist es furchtbar einfach, sich konstant ablenken zu lassen von dem, was man eigentlich tun wollte, weil man im Vorbeigehen irgendwas sieht, was grad spannender ist. Graveyard Keeper ist das einzige Spiel, das ich je spielte, bei dem ich nach dem Laden des Spielstands ins Inventar gucke, um herauszufinden, was ich eigentlich gerade machen wollte. Ach so, ich hab die Steine und das Marmor und den Meißel, ich wollt Grabsteine bauen! Wer ob des Titels dachte, es drehe sich alles um den Friedhof, irrt enorm: Weiterhin kümmert man sich um die bereits genannte Kirche, weidet die gelieferten Leichen aus und balsamiert sie ein, versucht sich an Alchemie, schreibt Geschichten, kloppt sich durch einen Dungeon, wird Großhändler, bewirtschaftet ein Feld, pflanzt Bäume, repariert Brücken und Straßen, angelt, dekoriert und baut Gerätschaften, an denen ihr Dinge herstellt, mit denen ihr all das genannte machen könnt.

Andererseits hat das Spiel einen etwas merkwürdigen Humor und war für ein paar Tage um meinen Geburtstag rum komplett unspielbar, weil durch ein Update ein paar üble Bugs ins Spiel krochen, wovon die Schlimmsten inzwischen aber wieder behoben wurden und der eine, der mir noch auffiel, umgehbar war. Und nachdem ich durch war, hatte ich auch keinerlei Verlangen, das je wieder anzufassen. Aber für die schlimme Phase direkt vor dem 40. war das echt ein Geschenk.

Der Geburtstag selber war durchaus erinnerungswürdig. Ich musste arbeiten, war die Tage vorher ob der großen 4 sehr bedrückt und wollte nur, dass der Tag irgendwie kommt und geht. Am Morgen war ich dann zum Glück entspannter, bekam Geschenke und Anrufe, aß Kuchen unter einer cheesy Kindergirlande, freute mich und ging zur Arbeit. Was ich nicht wusste: Meine Frau hatte meine Mutter und ihren Mann (also den von meiner Mutter) eingeladen, um mich abends zu überraschen, und als ich dann abends in die Wohnung kam, saßen sie stillschweigend in der Ecke des Wohnzimmers. Da ich spät nach Hause komme, steig ich gemeinhin nach dem Nachhausekommen erstmal aus der Arbeitskleidung und schlüpfe in die Schlafsachen. Just in dem Moment fiel ein Ende der Girlande von der Wand, und unser Kater ging hin, um interessiert daran zu schnüffeln. Auf meinem Weg ins Schlafzimmer sah ich, wie er an etwas roch, was ich nicht erkannte, und während meine Frau versuchte, mich ohne alles zu verraten zu überzeugen, dass ich mich vielleicht umziehen sollte, BEVOR ich ins Wohnzimmer gehe, nahm ich Jogginghose und T-Shirt lediglich in die Hand und ging direkt zum Kater – Beschützerinstinkt, ich kann nichts dafür. Als ich – nun nur noch in Unterbuchsen – erkannte, dass das nur die Girlande war, versuchte ich, die Jogginghose anzuziehen, blieb mit dem Fuss im Hosenbein stecken, wackelte halb umfallend hin und her, Plautze durch den Raum wabbelnd, während meine Frau hinter mir panische Blicke abwechselnd auf mich und meine Mutter und deren Mann warf, und in dem Moment sah ich die dann auch, sie, die bei der ganzen Show nicht einen Laut von sich gegeben hatten und dann erst ob meines panischen Gesichtsausdruckes in Lachen ausbrachen, während mein innerer Monolog ausdikutierte, ob ich wegrennen soll oder irgendwie versuchen, die Situation zu retten. Hab im Endeffekt beides nicht gemacht und dann auch (irgendwann) mitgelacht, aber meine Herren, sowas wünsch ich niemandem.

Naja, jedenfalls bekam ich eine Switch mit Mario Odyssey und Yoshi’s Crafted World und Octopath Traveller sowie Spider-Man für die PS4 und son Teil hier, was summa summarum mein Vorhaben, keine Spiele zu kaufen, dadurch erschwert, dass ich jetzt tatsächlich das bald erscheinende Fire Emblem spielen könnte und natürlich der Berg an Ungespieltem um 204 erhöht wurde. Was willste machen.

Ein April

Ich bin nicht gut da drin, mit etwas abzuschließen. In meinem Kopf bin ich noch immer mit Menschen befreundet, von denen ich seit fünfzehn Jahren nichts mehr gehört habe, ich sortiere Texte unter der Kategorie “Angefangen” ein, die ich zum Ende der Schulzeit angedacht habe, und ich lese seit fast fünf Jahren an der Gesamtausgabe von Conan the Barbarian. Bei Spielen ist das nicht anders: Solange ich sie nicht durchgespielt oder anderweitig mit ihnen abgeschlossen habe, pausiere ich nur. Irgendwann spiel ich Metroid Prime weiter. Und Viewtiful Jack. Der Gag ist: Ich tue das manchmal wirklich. Ni No Kuni lag ein Jahr halb durchgespielt auf der Festplatte rum, bis ich die andere Hälfte mit Genuss spielte. Mein gutes Gedächtnis für Stories und Spielmechaniken hilft in diesem Fall enorm.

Darkest Dungeon, einst nach 80 Stunden abgebrochen, fing ich dennoch erneut an, weil ich mich der einzigen noch existierenden Hürde, dem namensgebenden Verlies, nicht ohne tiefes Verständnis meiner Charaktere und Ausrüstung stellen wollte. Weitere 80 Stunden später, nach immerhin zwei erfolgreichen Ausflügen in den dunklen Kerker und nur noch zwei fehlenden zum endgültigen Durch-spielen, glitt das Spiel in der “Most Recent”-Auflistung meiner Steambibliothek klammheimlich immer weiter nach unten. Ob es am Permadeath-Stress lag, oder an zuviel Düsterheit, weil ich parallel Bloodborne spielte, weiß ich nicht. Irgendwann spiel ichs weiter. Genau wie Paradigm, was ich mir aufgrund eines Screenshots, der ein Faultier mit Trumpfrisur zeigte, schenken ließ (Danke, AntediluvianArk!), was aber, wie sich schnell herausstellte, ein “lustiges” Adventure ist (was ja auf meiner hier nachzuschlagenden Antigenreliste steht). Genau wie Baba is You (Danke, Nille!), was supercool, aber mir ab einem gewissen Punkt viel zu schwer ist. Ich werd die alle weiterspielen. Irgendwann. Bestimmt.

Worin ich übrigens auch gut bin, ist Spiele oder Serien (leider funktioniert das nicht bei anderen Medien) binnen kürzester Zeit als “nicht für mich” zu begreifen und für immer zu vergessen. Portal Knights (Danke, PS+!), der Sieger des Deutschen Computerspielpreises 2017? Ich habs nichtmal durchs Tutorial geschafft, bevor ich deinstallierte. Burly Men at Sea ist ein mir zu simples Choose Your Own Adventure, dessen Geschichten aber so abgegriffen wirken, dass die hübsch reduzierte Optik das nicht rausreißen kann. Bis ich das nach anderthalb Stunden ad acta legte, hatte ich es allerdings schon dreimal durchgespielt. Alle anderen Spiele, in die ich im April kurz reinguckte, hab ich schon wieder vergessen. Ich sollte diese monatlichen Texte echt zeitnäher schreiben. Ich bin so ein anderer Mensch als der, der ich noch im April war!

Spiel des Monats: Bloodborne

Soulsborne ist wie ein alter Schulfreund: Ich freu mich immer, ihn zu sehen, und verbringe gern Zeit mit ihm, aber jedesmal, wenn wir uns wieder treffen, merke ich, dass wir uns stetig auseinanderverändern. Und sollte der Punkt erreicht werden, an dem das einzige, was wir gemeinsam haben, die zusammen erlebte Vergangenheit ist, werde selbst ich Beendeunfähiger die Flagge streichen. Soweit ist es gottlob noch nicht, und wenn ich ehrlich bin, bin ich das Problem: Ich bin es, der sich nicht weiterentwickeln mag, ich bin es, der mit den ganzen neuen Interessen von Soulsborne nichts anfangen kann, ich bin es, der nicht mit der Zeit gehen will. Und anstatt mich darüber zu freuen, wie sehr sich das alte Kellerkind entwickelt hat, denk ich nostalgisch verklärt zurück an die tolle Zeit, als ich mit Leuchtsteinen den unsichtbaren Weg über den Abgrund markierte.

Ich hab das Gefühl, ich spiele Bloodborne falsch, weil ich die ganzen coolen Möglichkeiten, die es mir bietet, nicht nutze. Die meisten Tränke verotteten im Inventar, ich spielte 95% des Spiels mit der ersten Waffe, die ich in die Hand gedrückt bekam, und Multiplayer sowie die zufällig erstellten Bonusdungeons ließen mich nur die Stirn runzeln. Klar gibt Bloodborne mir immer noch Teile davon, was ich an Dark Souls und Demon’s Souls liebte, aber der Fokus scheint woanders zu liegen. Und irgendwann, müde, betrunken und schlecht gelaunt, werd ich Soulsborne vielleicht erzählen müssen, dass mich seine Geschichten, so sehr ich auch zu schätzen weiß, wie hinterrücks er sie erzählt, einfach nicht interessieren, weil es Fantasyquark ist von Helden und Monstern und Verrat und Versuchung, und ich hab das alles schon zu oft gehört. Ich will doch nur Monster töten und Level erkunden. Oder wenigstens Teil der Geschichte sein, ohne vorher Wikis zu wälzen. Ich hätte auch gern die zwei Areale gesehen, die ich komplett verpasst habe, aber vor dem Durchspielen les ich halt keine Guides und nach dem Durchspielen bin ich im New Game + und müsste das halbe Spiel noch einmal spielen, bevor ich die mir neuen Gebiete erreiche. So weit geht die Neugier dann doch nicht. Darüber hinaus fand ich Bloodborne, und ich weiß, das klingt kontrovers nach euren Sekirodebatten, irgendwie zu leicht? Ich mein, ich bin dauernd gestorben und hab manche Endgegner ewig nicht geschafft, aber das erwarte ich auch von From Software. Aber Bloodborne ist nicht mehr gemein. Mein Freund Soulsborne ist netter geworden. Das mag ich nicht.

Ich hatte natürlich trotzdem großen Spaß, aber jeder Fan kommt irgendwann an den Punkt, wo er sich eingestehen muss, dass es von dem, was er liebt, inzwischen soviele Teile gibt, dass die, die er wirklich vergöttert, in der Minderheit sind. Star Wars. Simpsons. Silent Hill. Soulsborne.

Orwell: Ignorance is Strength hab ich übrigens auch falsch gespielt, gefühlt. Als braver Regimestalker tat ich den Job, für den ich angestellt wurde, und fühlte mich in keiner Sekunde dazu berufen, die Tatsachen zugunsten der Regierungsgegner zu verdrehen. Ich ekele mich ein bißchen vor mir selbst, offenbar keinen renitenten Knochen im Leib zu haben, aber schiebe das dann doch auf die uninteressanteren Charaktere und die lahmere Story im Vergleich zum Vorgänger.

Ansonsten ist der usprüngliche Auslöser dieser Textreihe zur Normalität verkommen. Ich hab bisher nicht das Gefühl, irgendwas Großes verpasst zu haben, und wenn doch, hab ich das zu meinem eigenen seelischen Schutz verdrängt. Ich nehm immer noch jedes Gratisspiel mit, was aus Steam, Origin, Gog, Humble oder sonstwo rausfällt, aber mehr aus Gewohnheit als aus Interesse. Ich würde diesen Text jetzt gern mit einer Vorschau auf den Mai beenden, aber da ich ihn erst Ende Mai schreibe, wäre das bemühte Augenwischerei, und euch hinters Licht zu führen liegt nicht in meinem Interesse.

Ein dummer März

Ich zweifel gerad etwas am Sinn und Zweck nicht nur dieser, sondern aller meiner Videospieltexte. Was genau hilft es euch, zu wissen, was ich spiele und wie es mir gefällt? Ich stecke nicht so tief in der Materie, dass ich euch Neues erzählen könnte, ich kenne keine Entwickler persönlich, ich stecke in keinem Genre so tief drin, um Vergleiche mit Hand und Fuß zu ziehen, und bin zu faul, um viel herumzurecherchieren. Was bleibt, sind leidlich unterhaltsame “Ich hab X gespielt und fands gut”-Texte, wie man sie in jedem Laberpodcast finden kann. Und ich find so vieles blöd, was ihr gut findet, dass Empfehlungen meinerseits euer Interesse auch nicht wecken sollten, zumal ich dieses Jahr ja eh kaum Neues spielen werde, und keine Sau interessiert sich noch für rein emotional geprägte Reaktionen auf Spiele von anno dazumal, von 2018 oder so.

Die einzige Antwort war immer, dass die Rezeption eines Texts stets zweitrangig für mich war, aber wenn ich mir gegenüber ehrlich bin, schlägt der Spaß am Schreiben, oder, noch intensiver, dieses Gefühl, etwas schreiben zu müssen, bei weitem nicht mehr so hohe Wellen wie einst. Wie wenn man zu lange in dörfliche Sternenhimmel guckt oder sich die Maße und Entfernung des geknippsten schwarzen Loches vorzustellen versucht, ist mir die eigene Insignifikanz inzwischen zu bewusst, als das ich mir noch vorstelle, irgendwas hiermit erreichen zu können, was auch immer. Vorbei die Zeiten, in denen es mir wichtig war, dass ihr Spiele, die ich toll finde, auch toll findet. Lange bevor ich zu einem aktuellen Thema was schreibe, ist schon alles zu oft gesagt, und manches davon ist schlauer als alles, was ich je produzieren könnte. Und ich muss mich nicht positionieren, weil es mir keine Genugtuung gibt, in vier Jahren zu tweeten, dass ich ja diesen Punkt schon vor vier Jahren gebracht hätte.

Na gut, doch. Leider. Aber hoffentlich in vier Jahren nicht mehr.

Ich kenn mich zu gut, um all das obige in Stein zu meißeln. Vielleicht zieht es mich nur gerad runter, dass das Ende meiner vom letzten Jahr gebunkerten Topspiele naht, und ich zu stur bin, diesen blöden Vorsatz zu brechen. Aber ich bin mir gerade sicher, dass es gut für mich wäre, wenn mein Output Abstand von Videospielen nähme. Es gäbe so viel Blödsinn, den ich ansonsten machen könnte und gerne wollte. Vielleicht reicht es nach 20 Jahren auch mal.

Spiel des Monats: Red Dead Redemption 2

Ich hab einen großen Fehler gemacht. So gut ich darin bin, keinerlei Texte über Spiele zu lesen, solange ich sie noch nicht durch habe, sehe ich mich nun gezwungen, diese Regel zu erweitern: Lese keine Texte über Spiele, über die du schreiben willst, denn vielleicht liest du einen Text, der so viel eloquenter und umfassender ausdrückt, was du fühlst, dass alle deine Versuche danach ähnlich aussagekräftig wirken wie die Din-A4-Seiten voller kleiner Schreibschrift-Ls, die du in der Grundschule fülltest. Ich red von dem hier, und ich unterschreibe alles davon:

Red Dead Redemption 2 and the love song of J. Arthur Morgan

Ich hätte gesagt, dass Red Dead Redemption 2 die für mich schönste Open World hat, und nicht nur ob der Grafikqualität, die beste Geschichte, die ich lange erleben durfte, denn keine Geschichte nahm sich je soviel Zeit, und Langsamkeit ist mein Jam. Außerdem rettet man nicht die Welt. Ich liebe, dass es kein Rollenspiel ist, und dass sich niemand gezwungen fühlen muss, Nebenaufgaben zu machen, weil man schlicht nichts Geiles dafür kriegt. Ich hab trotzdem alles gemacht, weil Charakterentwicklung seit Deadly Premonition den Protagonisten erst von allen Seiten zeigt, und Arthur Morgan ist mit so großem Abstand der für mich interessanteste Videospielcharakter, dass es schon nicht mehr witzig ist. Mag halt auch am Alter liegen, alles. Aber es ist für so einen alten Sack wie mich halt auch mal schön, das Gefühl zu haben, dass ein Spiel für mich gemacht wurde. Ich hatte vor langer Zeit festgestellt, dass meine Lieblingsstellen in Spielen meistens die sind, wo die Gruppe ums Lagerfeuer sitzt, und RDR2 killt alles, was in dem Bereich je irgendwo existierte. Die Van-der-Linde-Gang nach einem gelungenen Überfall feiernd, wenn Javier die Gitarre auspackt und alle gemeinsam singen? Mein Herz geht allein bei der Erinnerung daran über vor Freude. So sehr, dass ich ab einem gewissen Punkt nicht mehr weiterspielen wollte, weil ich wusste, dass es der Spannungsbogen nicht erlauben würde, dass es ewig so weitergeht.

Ging es nicht. Ich litt.

Ich erspare euch in Zukunft die Auflistung der Titel, die ich außerdem gespielt habe, soweit ich dazu nichts Interessantes zu sagen habe, okay? Aber ich würde euch gerne Cragne Manor ans Herz legen, so ihr eins habt, dass für Interactive Fiction oder interessante Experimente schlägt. Über 80 Menschen schrieben jeweils eine Location, ohne zu wissen, was bei den anderen geschieht, alles im weitesten Sinne angesiedelt im Bereich Cosmic Horror, super weird und vermutlich die spielerischste Version eines Quilts, die es je geben wird.