Limbo

Limbo wäre als “Fluffi im Regenbogenland” und entsprechender Gestaltung niemals der Erfolg geworden, der es schlussendlich war: Optik und Stimmung, nicht Level- und Rätseldesign sind die herausragenden Elemente. Es ist kurz genug, dass die punktgenauen Sprungeinlagen und Trial’n’Error-Passagen en masse erträglich bleiben, und der Verzicht auf Interface und Story gefiel.

Aber es ist solch ein grausames Spiel. Gewalt ist mein Gemüse, selten strahlte ich freudiger als mit der Kettensäge in GTA: Vice City, in Limbo ist Gewalt nicht überspitzt und schlocky, wie in den meisten Videospielen, sondern bedrückend und traurig, weil so sinnlos erscheinend; gleichzeitig wirkt die Brutalität in Limbo durch die Farbgebung und Stilisierung erschütternder als bei Spielen mit realistischeren Designs.

Nirgends wird der vorherrschende Zynismus deutlicher als gleich zu Beginn des Spiels in der Szene mit den Glühwürmchen. Zur Erinnerung: Man erwacht in einem dunklen Wald, folgt dem Weg über Baumstämme und Gefälle, und plötzlich bringen Glühwürmchen Licht ins Dunkel, umschwirren sich, die Spielfigur läuft auf sie zu, ihre sowie des Spielers Augen auf sie fixiert; und tritt in eine Bärenfalle, der nun kopflose Körper sinkt zu Boden, während sich die Falle surrend neu spannt. Diese “Haha, du bist tot!”-Momente gibt es noch öfters im Spiel, und die Freude und Kreativität, die die Entwickler an den Tag legen, wenn es um den Tod der eigenen Spielfigur geht, ist gleichermaßen erstaunlich und befremdlich, irgendwo zwischen Torture Porn und Happy Tree Friends.

Sicherlich spielt es auch eine Rolle, dass die Hauptfigur eben kein Fleischklumpen, kein Cartoonigel und kein Actionman, sondern allem Anschein nach ein Kind ist. Ich bin selber kein Vater und habe daher nicht mit der Wertverschiebung zu kämpfen, dass ich tote Kinder in gleichwelchen Medien einfach nicht mehr ertrage, nichtsdestotrotz erzeugt das wiederholte Zersägen einer kindlichen Figur in mir andere Gefühle, als dies beispielsweise beim Super Meat Boy der Fall wäre. Doch während bei Ico dies beispielsweise dazu führte, dass ich eine engere Beziehung zu meinem Protagonisten aufbaute, führt dies bei Limbo nur dazu, dass ich mich ein wenig ekel.

Ich will gar nicht bestreiten, dass dies ein sehr subjektiver Eindruck ist, und ich kann auch nicht verhehlen, dass viele bleibende Momente des Spiels eben die waren, die meine Freundin veranlassten zu fragen, wer sich denn so kranken Scheiß ausdenken würde. Die alptraumhafte Atmosphäre des Spiels ist natürlich gewollt, aber Alpträume sind nun mal kein Vergnügen, und ich bin noch nicht abgehärtet genug, dass mir die “Ist doch nur ein Spiel”-Prämisse jegliche emotionale Reaktion auf ein Spiel im Keim erstickt. Ich hasste es, dass ich die erste mir augenscheinlich nicht feindlich gesinnte Person durch mein Handeln tötete, ich wollte weder die drei anderen Kinder in den Tod locken (die augenscheinlich Angst vor mir hatten) noch das Fluginsekt entgliedern, und so furchtbar die Spinne auch war (die Hilflosigkeit im Netz ist mit Sicherheit einer der größten Momente 2010s gewesen), das Ausreißen des Beins, gepaart mit diesem furchtbaren Geräusch… bah. Aber man hat keine Wahl. Wie im Alptraum. So sehr ich die Grundstimmung und das Spiel an sich mochte, so frontloaded es auch sein mag, die allgegenwärtige Lebensverachtung (man zertritt Eier, um Achievements zu kriegen, herrgottnocheins) hinterließ einen äußerst faden Beigeschmack.

Und jetzt könnt ihr mich alle Pussy nennen.

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11 responses to “Limbo

  1. Kann ich so unterschreiben. Fast noch schlimmer als Zersägen und Zerreißen finde ich übrigens das Ertrinken. ;-)

  2. Jingleball

    Ich kann nicht bestreiten, das es mir zeitweise ähnlich ging. Dennoch hat es mich im Groben doch relativ kalt gelassen, da nichts und niemand in dem Spiel ein wirkliches Gesicht für mich hatte. Ich möchte fast sagen, dass die Spielfigur die ganze Zeit über eher ein Instrument oder ein Avatar für mich war. Was ich damit sagen will ist, dass mich Limbo einfach kaum berühren konnte, um echte Gefühlsregungen in mir auszulösen. Seltsamerweise kann ich dennoch sagen, das ich das Spiel in weiten Teilen sehr mag, aber nicht in allen.

  3. Ich hab’ Limbo bisher nicht gespielt und kann daher nur sehr vage etwas beisteuern:

    Wenn das Spiel tatsächlich solche Gefühle hervorruft [und von den Beschreibungen her denke ich, würde es das auch bei mir] und nicht nur “Boah, Töten ist geil” schreit wie viele Shooter es derzeit tun, hat es allein deshalb seine Daseinsberechtigung.
    Ich würd’ jetzt nicht so weit gehen, es ein “serious game” zu nennen, aber es scheint doch etwas in diese Richtung zu gehen. Es hilft durchaus der Emanzipation des Mediums Videospiel, dass eben nicht nur auf [seichte] Unterhaltung und Highscorejagd gesetzt wird, sondern auch auf Schockmomente, die zum Denken anregen und nicht Schock um des Schocks Willen hervorrufen.
    So etwas ist in anderen Medien [Film, Roman…] mgl., warum also sollte es in Spielen nicht auch mgl. sein? Gerne mehr solche Spiele.

  4. Wenn der Junge gestorben ist, fand ich es auch nicht soo furchtbar. Das war ja nur die Art des Spiels mir zu sagen, dass ich einen Fehler gemacht habe. Der Tod ist ja nicht Teil der Story, sondern man steht 2 Sekunden später wieder ein paar Meter weiter vorn und ganz heil da.

    Ein bisschen gruselig oder unangenehm fand ich dagegen die Begegnungen mit anderen Figuren. Die scheinen ja menschlich zu sein, und wenn sie den Jungen das erste mal sehn laufen sie glaube ich auch weg vor ihm. Später sind dann da Fallen und sie haben solche Blasrohre, etc., aber irgendwie hatte ich doch immer das Gefühl, der ganze Konflikt ist ein Missverständnis und diese Leute da sind von der Feindseligen Welt so verängstigt, dass sie in dem Jungen auch nur eine Bedrohung sehn. Ist vielleicht auch ein wenig zuviel hineininterpretiert, aber hier greift eben schön die Tatsache, dass das Spiel selbst so vage in Bezug auf das alles ist.

  5. Mich hatte Limbo “damals” ziemlich beeindruckt. Es hängt bestimmt auch viel damit zusammen: Wenn man es nicht allein im stillen und dunklen Kämmerlein spielt, kann es sicher einiges an Wirkung einbüßen. Ansonsten sehe ich’s ähnlich wie Miew, besonders die (rudimentäre) Interaktion mit den anderen Bewohnern der Welt war teils ziemlich erschütternd.

    Habt ihr euch Gedanken über die Geschichte des Spiels gemacht? Ich hatte darüber seinerzeit recht viel spekuliert.

  6. Für mich war die Gewalt vergleichbar mit Fressen oder Gefressen werden. Die Welt von Limbo hat keinen Platz für Moral, da geht es um das nackte Überleben und auch die anderen Kinder scheinen davon geprägt und dementsprechend feindlich allem anderen gegenüber. Die mit teuflischer Genialität platzierten Fallen sind nichts weiter als eine effiziente Umsetzung dieser Tatsache. Bei der Jagd auf Tiere oder in kriegerischen Handlungen machen Menschen doch nichts anderes. Seien es nun Bärenfallen, Stolperdrähte, Minenfelder oder explodierende Plüschtiere.

    Die Methoden wirken brutal, aber der kleine Junge [ersguterjunge ;)] ist mehr oder weniger hilflos und kann nur das nutzen was ihm zur Verfügung steht, oder eben sterben.
    Die Vielzahl der Tode verdeutlicht dabei dass die romantisch verklärte Vorstellung von Abenteuer in der Wirklichkeit schon beim Stolpern in einen Tümpel zuende sein kann.

    Wirklich erschreckend ist aber eher dass diese Grausamkeit tatsächlich von der Realität in manchen Regionen so weit nicht entfernt ist (Kindersoldaten, Jugendbanden, etc.).

  7. Missingno.

    Für mich hört sich Limbo im Augenblick eher wie Kindergarten an. Ich habe gestern den halben Tag damit verbracht als kleines blondes Mädchen mit Zöpfen und rosa Schlaufen im Haar eine ganze Klosterschule zu morden.

  8. Mich hat schon die Demo fertig gemacht. Ich feue mich ja normalerweise über jedes Hüpfspiel das jenseits von Flash erscheint, aber ich habe keine Lust mich in meinen spärlichen Freizeit unangenehm zu fühlen, wenn ich zocke. Leider gehen an mir natürlich auch gute Spiele vorbei. Aber den Fehler Spiele zu kaufen nur weil sie gut/anders sind, habe ich früher schon oft genug gemacht.

  9. spielereins

    offtopic @missingno. ist lollipop chainsaw etwa schon erschienen? wo?!

  10. Missingno.

    Nein, nicht “Lol(l)ipop Chainsaw”, “Harveys neue Augen”. Ein lustiges Point’n’Click. Oder auch: wo “Edna bricht aus” aufhört, fängt “Harveys neue Augen” erst an.

  11. Dem Typ der über Limbo lachen kann möchte ich nicht begegnen.

    Wo (erwachsene) Kiddies die über gelungene Headshots in irgendwelchen “Brutalo-Shootern” jubeln in ihrer Berechenbarkeit peinlich harmlos sind weil ihr Empfinden Ausdruck einer, in ihrer Anzeige übertriebenen und damit plakativen Bewältigung einer an sie gestellten mechanischen Anforderung ist, negiert Limbo diesen moralischen Rückzugspunkt und lässt dich die Folgen deiner Taten bitterböse, ungeschönt und manchmal gar bestialisch erleben.

    Für mich ein wunderbares Fallbeispiel dass der Schrecken erlebbarer Gewalt folge einer kognitiven Verknüpfung gespeicherter Schlüsselreize (In diesem Fall: Wehrlosigkeit, Einsamkeit, Dunkelheit, Spinnen etc.) und nicht Resultat möglichst realitätsnah dargestellter Verwundungen und Verstümmelungen ist.

    Ich finde es beispielsweise viel brutaler als es ein Bulletstorm je sein könnte. Und wenn es die Möglichkeit gäbe jeden Augapfel einzeln in den nächstbesten Kaktus zu drücken…

    Achso: Schöner Artikel übrigens. Auch weil er so spät kommt. Zu Releasezeiten zu analysieren ist was für Rezensionexemplarabstauber ;-) Und verhindert die Szenen als Schwerpunkt zu nehmen die wirklich im Gedächtnis hängen bleiben.

Gratiskaramell?

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