Ein April

Ich bin nicht gut da drin, mit etwas abzuschließen. In meinem Kopf bin ich noch immer mit Menschen befreundet, von denen ich seit fünfzehn Jahren nichts mehr gehört habe, ich sortiere Texte unter der Kategorie “Angefangen” ein, die ich zum Ende der Schulzeit angedacht habe, und ich lese seit fast fünf Jahren an der Gesamtausgabe von Conan the Barbarian. Bei Spielen ist das nicht anders: Solange ich sie nicht durchgespielt oder anderweitig mit ihnen abgeschlossen habe, pausiere ich nur. Irgendwann spiel ich Metroid Prime weiter. Und Viewtiful Jack. Der Gag ist: Ich tue das manchmal wirklich. Ni No Kuni lag ein Jahr halb durchgespielt auf der Festplatte rum, bis ich die andere Hälfte mit Genuss spielte. Mein gutes Gedächtnis für Stories und Spielmechaniken hilft in diesem Fall enorm.

Darkest Dungeon, einst nach 80 Stunden abgebrochen, fing ich dennoch erneut an, weil ich mich der einzigen noch existierenden Hürde, dem namensgebenden Verlies, nicht ohne tiefes Verständnis meiner Charaktere und Ausrüstung stellen wollte. Weitere 80 Stunden später, nach immerhin zwei erfolgreichen Ausflügen in den dunklen Kerker und nur noch zwei fehlenden zum endgültigen Durch-spielen, glitt das Spiel in der “Most Recent”-Auflistung meiner Steambibliothek klammheimlich immer weiter nach unten. Ob es am Permadeath-Stress lag, oder an zuviel Düsterheit, weil ich parallel Bloodborne spielte, weiß ich nicht. Irgendwann spiel ichs weiter. Genau wie Paradigm, was ich mir aufgrund eines Screenshots, der ein Faultier mit Trumpfrisur zeigte, schenken ließ (Danke, AntediluvianArk!), was aber, wie sich schnell herausstellte, ein “lustiges” Adventure ist (was ja auf meiner hier nachzuschlagenden Antigenreliste steht). Genau wie Baba is You (Danke, Nille!), was supercool, aber mir ab einem gewissen Punkt viel zu schwer ist. Ich werd die alle weiterspielen. Irgendwann. Bestimmt.

Worin ich übrigens auch gut bin, ist Spiele oder Serien (leider funktioniert das nicht bei anderen Medien) binnen kürzester Zeit als “nicht für mich” zu begreifen und für immer zu vergessen. Portal Knights (Danke, PS+!), der Sieger des Deutschen Computerspielpreises 2017? Ich habs nichtmal durchs Tutorial geschafft, bevor ich deinstallierte. Burly Men at Sea ist ein mir zu simples Choose Your Own Adventure, dessen Geschichten aber so abgegriffen wirken, dass die hübsch reduzierte Optik das nicht rausreißen kann. Bis ich das nach anderthalb Stunden ad acta legte, hatte ich es allerdings schon dreimal durchgespielt. Alle anderen Spiele, in die ich im April kurz reinguckte, hab ich schon wieder vergessen. Ich sollte diese monatlichen Texte echt zeitnäher schreiben. Ich bin so ein anderer Mensch als der, der ich noch im April war!

Spiel des Monats: Bloodborne

Soulsborne ist wie ein alter Schulfreund: Ich freu mich immer, ihn zu sehen, und verbringe gern Zeit mit ihm, aber jedesmal, wenn wir uns wieder treffen, merke ich, dass wir uns stetig auseinanderverändern. Und sollte der Punkt erreicht werden, an dem das einzige, was wir gemeinsam haben, die zusammen erlebte Vergangenheit ist, werde selbst ich Beendeunfähiger die Flagge streichen. Soweit ist es gottlob noch nicht, und wenn ich ehrlich bin, bin ich das Problem: Ich bin es, der sich nicht weiterentwickeln mag, ich bin es, der mit den ganzen neuen Interessen von Soulsborne nichts anfangen kann, ich bin es, der nicht mit der Zeit gehen will. Und anstatt mich darüber zu freuen, wie sehr sich das alte Kellerkind entwickelt hat, denk ich nostalgisch verklärt zurück an die tolle Zeit, als ich mit Leuchtsteinen den unsichtbaren Weg über den Abgrund markierte.

Ich hab das Gefühl, ich spiele Bloodborne falsch, weil ich die ganzen coolen Möglichkeiten, die es mir bietet, nicht nutze. Die meisten Tränke verotteten im Inventar, ich spielte 95% des Spiels mit der ersten Waffe, die ich in die Hand gedrückt bekam, und Multiplayer sowie die zufällig erstellten Bonusdungeons ließen mich nur die Stirn runzeln. Klar gibt Bloodborne mir immer noch Teile davon, was ich an Dark Souls und Demon’s Souls liebte, aber der Fokus scheint woanders zu liegen. Und irgendwann, müde, betrunken und schlecht gelaunt, werd ich Soulsborne vielleicht erzählen müssen, dass mich seine Geschichten, so sehr ich auch zu schätzen weiß, wie hinterrücks er sie erzählt, einfach nicht interessieren, weil es Fantasyquark ist von Helden und Monstern und Verrat und Versuchung, und ich hab das alles schon zu oft gehört. Ich will doch nur Monster töten und Level erkunden. Oder wenigstens Teil der Geschichte sein, ohne vorher Wikis zu wälzen. Ich hätte auch gern die zwei Areale gesehen, die ich komplett verpasst habe, aber vor dem Durchspielen les ich halt keine Guides und nach dem Durchspielen bin ich im New Game + und müsste das halbe Spiel noch einmal spielen, bevor ich die mir neuen Gebiete erreiche. So weit geht die Neugier dann doch nicht. Darüber hinaus fand ich Bloodborne, und ich weiß, das klingt kontrovers nach euren Sekirodebatten, irgendwie zu leicht? Ich mein, ich bin dauernd gestorben und hab manche Endgegner ewig nicht geschafft, aber das erwarte ich auch von From Software. Aber Bloodborne ist nicht mehr gemein. Mein Freund Soulsborne ist netter geworden. Das mag ich nicht.

Ich hatte natürlich trotzdem großen Spaß, aber jeder Fan kommt irgendwann an den Punkt, wo er sich eingestehen muss, dass es von dem, was er liebt, inzwischen soviele Teile gibt, dass die, die er wirklich vergöttert, in der Minderheit sind. Star Wars. Simpsons. Silent Hill. Soulsborne.

Orwell: Ignorance is Strength hab ich übrigens auch falsch gespielt, gefühlt. Als braver Regimestalker tat ich den Job, für den ich angestellt wurde, und fühlte mich in keiner Sekunde dazu berufen, die Tatsachen zugunsten der Regierungsgegner zu verdrehen. Ich ekele mich ein bißchen vor mir selbst, offenbar keinen renitenten Knochen im Leib zu haben, aber schiebe das dann doch auf die uninteressanteren Charaktere und die lahmere Story im Vergleich zum Vorgänger.

Ansonsten ist der usprüngliche Auslöser dieser Textreihe zur Normalität verkommen. Ich hab bisher nicht das Gefühl, irgendwas Großes verpasst zu haben, und wenn doch, hab ich das zu meinem eigenen seelischen Schutz verdrängt. Ich nehm immer noch jedes Gratisspiel mit, was aus Steam, Origin, Gog, Humble oder sonstwo rausfällt, aber mehr aus Gewohnheit als aus Interesse. Ich würde diesen Text jetzt gern mit einer Vorschau auf den Mai beenden, aber da ich ihn erst Ende Mai schreibe, wäre das bemühte Augenwischerei, und euch hinters Licht zu führen liegt nicht in meinem Interesse.

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Ein dummer März

Ich zweifel gerad etwas am Sinn und Zweck nicht nur dieser, sondern aller meiner Videospieltexte. Was genau hilft es euch, zu wissen, was ich spiele und wie es mir gefällt? Ich stecke nicht so tief in der Materie, dass ich euch Neues erzählen könnte, ich kenne keine Entwickler persönlich, ich stecke in keinem Genre so tief drin, um Vergleiche mit Hand und Fuß zu ziehen, und bin zu faul, um viel herumzurecherchieren. Was bleibt, sind leidlich unterhaltsame “Ich hab X gespielt und fands gut”-Texte, wie man sie in jedem Laberpodcast finden kann. Und ich find so vieles blöd, was ihr gut findet, dass Empfehlungen meinerseits euer Interesse auch nicht wecken sollten, zumal ich dieses Jahr ja eh kaum Neues spielen werde, und keine Sau interessiert sich noch für rein emotional geprägte Reaktionen auf Spiele von anno dazumal, von 2018 oder so.

Die einzige Antwort war immer, dass die Rezeption eines Texts stets zweitrangig für mich war, aber wenn ich mir gegenüber ehrlich bin, schlägt der Spaß am Schreiben, oder, noch intensiver, dieses Gefühl, etwas schreiben zu müssen, bei weitem nicht mehr so hohe Wellen wie einst. Wie wenn man zu lange in dörfliche Sternenhimmel guckt oder sich die Maße und Entfernung des geknippsten schwarzen Loches vorzustellen versucht, ist mir die eigene Insignifikanz inzwischen zu bewusst, als das ich mir noch vorstelle, irgendwas hiermit erreichen zu können, was auch immer. Vorbei die Zeiten, in denen es mir wichtig war, dass ihr Spiele, die ich toll finde, auch toll findet. Lange bevor ich zu einem aktuellen Thema was schreibe, ist schon alles zu oft gesagt, und manches davon ist schlauer als alles, was ich je produzieren könnte. Und ich muss mich nicht positionieren, weil es mir keine Genugtuung gibt, in vier Jahren zu tweeten, dass ich ja diesen Punkt schon vor vier Jahren gebracht hätte.

Na gut, doch. Leider. Aber hoffentlich in vier Jahren nicht mehr.

Ich kenn mich zu gut, um all das obige in Stein zu meißeln. Vielleicht zieht es mich nur gerad runter, dass das Ende meiner vom letzten Jahr gebunkerten Topspiele naht, und ich zu stur bin, diesen blöden Vorsatz zu brechen. Aber ich bin mir gerade sicher, dass es gut für mich wäre, wenn mein Output Abstand von Videospielen nähme. Es gäbe so viel Blödsinn, den ich ansonsten machen könnte und gerne wollte. Vielleicht reicht es nach 20 Jahren auch mal.

Spiel des Monats: Red Dead Redemption 2

Ich hab einen großen Fehler gemacht. So gut ich darin bin, keinerlei Texte über Spiele zu lesen, solange ich sie noch nicht durch habe, sehe ich mich nun gezwungen, diese Regel zu erweitern: Lese keine Texte über Spiele, über die du schreiben willst, denn vielleicht liest du einen Text, der so viel eloquenter und umfassender ausdrückt, was du fühlst, dass alle deine Versuche danach ähnlich aussagekräftig wirken wie die Din-A4-Seiten voller kleiner Schreibschrift-Ls, die du in der Grundschule fülltest. Ich red von dem hier, und ich unterschreibe alles davon:

Red Dead Redemption 2 and the love song of J. Arthur Morgan

Ich hätte gesagt, dass Red Dead Redemption 2 die für mich schönste Open World hat, und nicht nur ob der Grafikqualität, die beste Geschichte, die ich lange erleben durfte, denn keine Geschichte nahm sich je soviel Zeit, und Langsamkeit ist mein Jam. Außerdem rettet man nicht die Welt. Ich liebe, dass es kein Rollenspiel ist, und dass sich niemand gezwungen fühlen muss, Nebenaufgaben zu machen, weil man schlicht nichts Geiles dafür kriegt. Ich hab trotzdem alles gemacht, weil Charakterentwicklung seit Deadly Premonition den Protagonisten erst von allen Seiten zeigt, und Arthur Morgan ist mit so großem Abstand der für mich interessanteste Videospielcharakter, dass es schon nicht mehr witzig ist. Mag halt auch am Alter liegen, alles. Aber es ist für so einen alten Sack wie mich halt auch mal schön, das Gefühl zu haben, dass ein Spiel für mich gemacht wurde. Ich hatte vor langer Zeit festgestellt, dass meine Lieblingsstellen in Spielen meistens die sind, wo die Gruppe ums Lagerfeuer sitzt, und RDR2 killt alles, was in dem Bereich je irgendwo existierte. Die Van-der-Linde-Gang nach einem gelungenen Überfall feiernd, wenn Javier die Gitarre auspackt und alle gemeinsam singen? Mein Herz geht allein bei der Erinnerung daran über vor Freude. So sehr, dass ich ab einem gewissen Punkt nicht mehr weiterspielen wollte, weil ich wusste, dass es der Spannungsbogen nicht erlauben würde, dass es ewig so weitergeht.

Ging es nicht. Ich litt.

Ich erspare euch in Zukunft die Auflistung der Titel, die ich außerdem gespielt habe, soweit ich dazu nichts Interessantes zu sagen habe, okay? Aber ich würde euch gerne Cragne Manor ans Herz legen, so ihr eins habt, dass für Interactive Fiction oder interessante Experimente schlägt. Über 80 Menschen schrieben jeweils eine Location, ohne zu wissen, was bei den anderen geschieht, alles im weitesten Sinne angesiedelt im Bereich Cosmic Horror, super weird und vermutlich die spielerischste Version eines Quilts, die es je geben wird.

Mein Beitrag zur Schwierigkeitsdebatte

Wer kennt das nicht: Da kauft man sich den heißersehnten Supertitel, auf den man seit Ankündigung sehnlichst gewartet hat, spielt begeistert die ersten paar Minuten und rennt dann prompt und mit Schmackes gegen die Schwierigkeitswand. Okay, aufgerappelt, neuer Versuch, plomp! Vielleicht so? Plomp! Vielleicht mit mehr metaphorischem Anlauf, oder mit Bedacht, oder vielleicht erstmal woanders weitermachen? Plomp, plomp, plomp! Wie demotivierend! Dahin all die Vorfreude, in Frust all der Spaß versenkt. Da hilft auch die schicke Grafik und der knorke Sound nicht weiter. Und schon gar nicht die Social-Media-Fressen, die ihr Voranschreiten Allen lauthals kundtun müssen. Fragen werden aufgeworfen: Liegt es an mir? Bin ich einfach zu schlecht? Würde sich der Entwickler wirklich ein Bein rausreißen, wenn er einen leichteren Schwierigkeitsgrad als Option erlauben würde? Ich mein, ich bin superfrustresistent, ich werf mich auch das dreizehnte Mal noch lachend gegen die Wand, aber sollte man das von jedem Spieler erwarten? Manche haben einfach nicht die Zeit oder die Muße dazu. Ich mein, guckt Euch das an:

SHIT’S IMPOSSIBLE, YO!

Ein vermutlich sehr dummer Februar

Der soziale Abstieg kam wie so oft erstaunlich schnell. War ich Ende 2018 noch ein normaler Genießer von Videospielen wie ihr, bettele ich nur zwei Monate später nach Almosensteamcodes aus Humble- und 1$-Bundles, was mir nicht nur ein bißchen peinlich ist, sondern auch der ursprünglichen Idee hinter diesem Märtyrium komplett widerspricht (wir berichteten). Darüber hinaus spielte ich diesen Monat vier (4!) Demos/Betas/Free Weekends, was mehr ist als im ganzen letzten Jahr. Dabei mag ich die Spiele, die ich schon hab, doch eigentlich, aber irgendwie scheint dieser inhärente Wunsch nach NEUEM schwerer zu beschwichtigen als geahnt.

[editor’s note: Eigentlich war dieser Text anders strukturiert, aber ich kann von niemandem erwarten, den ganzen langweiligen Krams zu lesen, bevor ich zu den Toptiteln komme. Dies ist eh alles zu viel Text für zu wenig Inhalt, aber ich glaub, mir tut das gut, irgendwie? Na toll, jetzt sind sogar schon die Lektoreneinschübe langwierig.]

Im Februar spielte ich drei Indiespiele, in denen es (zweimal mehr, einmal weniger) um eins ging:

Unavowed ist das beste Rollenspiel,was ich seit langem gespielt habe, was schon dadurch beeindruckend ist, dass Unavowed eigentlich ein Point&Click-Adventure ist (kurzer Einschub – ich meine, ich kann mir herleiten, wieso das Genre so heißt, aber wieso nennen wir Windows nicht Point&Click-Betriebssystem oder Starcraft Poin&Click-Strategie?). Aber ein Adventure mit Charaktererschaffung (inklusiver verschiedener Spielanfänge, je nach Berufswahl), Partysystem, verschiedenen Lösungsmöglichkeiten, gemerkten moralischen Entscheidungen und saucooler Story. Also quasi das Beste des Rollenspiels, ohne Zahlenwüsten, Inventargrind und ständigen bedeutungslosen Kämpfen, und das alles im heutigen New York mit Übernatürlichem, einem Setting, in dem sich Dave Gilbert, Schöpfer von Unavowed und den (super) Blackwellspielen, bestens auskennt. Als Mitglied der Unavowed, sowas wie eine erwachsene Scooby Gang, wird man mit einem Potpourri von Kreaturen der Weltmythologien konfrontiert, ohne generisch zu wirken, was bei so einer ausgelutschten Thematik schon bemerkenswert ist. Ob man wie bei Blackwell mit einem Medium die ruhelosen Geister Verstorbener zur ewigen Ruhe geleitet oder als wehrhafte Halbdjinn Ärsche tritt, vermeidet es Unavowed, cheesy zu wirken, anders als dieser Text. Ein wirklich großartiges Spiel, das nur nicht mein Spiel des Monats geworden ist, weil ich etwas spielte, was ich so noch nicht kannte.

Und das ist Return of the Obra Dinn, oder, wie ich es gerne nenne, “Das Spiel, das Lucas Pope nur für mich gemacht hat”. In glorreicher 1-Bit-Optik, die man gesehen haben muss, um sie zu glauben, hat man nur eine Aufgabe: Das Schicksal der 60 Mann starken Besatzung des mannschaftslos umhertreibenden Segelschiffs Obra Dinn aufzudecken. Mithilfe einer magischen Taschenuhr reist man zum Zeitpunkt des Todes jedes Leichnams zurück, den man an Bord oder in anderen Rückblicken findet, um in einem morbidem Standbild Todesart und eventuell Mörder festzustellen. Dies geschieht via Textbausteinsystem a la Cluedo (“Der Kapitän mit der Axt im grünen Salon!”), und da nur nach jeweils drei korrekt herausgefundenen Toden die Resultate eingeloggt werden, bringt tumbes Rumprobieren fast gar nichts. Das ganze Spiel ist ein großes Puzzle, mit ineinander verstrickten Geschichten und Hinweisen, die einen plötzlich an einer ganz anderen Stelle voranbringen, ohne dass das alles irgendwie an den Haaren herbeigezogen wirkt. Dass Lucas Pope Mut zur Leerstelle zeigt, dass er dir nicht alles erklärt, bewundere ich besonders: Man erlebt stets nur Momente des Todes, da ergibt es Sinn, dass keiner währenddessen Mengen an Exposition absondert. Schlussendlich hängt es vom Spieler ab, wie er die Handlungen der Mannschaftsmitglieder und Passagiere bewertet, und das Kennenlernen derselben faszinierte mich wie lange kein Spiel. Falls euch Obra Dinn genauso gut gefiel wie mir gibt es hier einen informativen Podcast über das Spiel mit dem Entwickler:

Wesentlich strukturierter und gradliniger kommt What Remains of Edith Finch daher, wenngleich auch dieses Spiel aus Zeitsprüngen zu Toden besteht. Als letzter Spross der Finchfamilie kehrt die namensgebende Protagonistin in das Haus ihrer Kindheit zurück, um herauszufinden, wieso eigentlich so viele ihrer Verwandten so früh das Zeitliche segneten. Das Haus ist voller Bücher und Erinnerungen, versiegelter Räume und Tod in allerlei Form. Doch statt wie bei Obra Dinn dem Tod nur als Betrachter beizuwohnen, nimmt man in Edith Finch teil: Man selbst schlüpft für den Zeitraum der Vignette in die Haut des bald Versterbenden, auf sehr unterschiedliche Art präsentiert und mechanisch umgesetzt, mit mal mehr, mal weniger Handlungsfreiheit. Das bringt uns als Spieler wesentlich näher an die Figuren, von denen wir vorher nicht viel mehr als Eckdaten und die Einrichtung ihrer Zimmer kannten, aber die Konstante des baldigen Todes machte das Spiel für mich tatsächlich oft unangenehm zu spielen. Es ist nicht die Angst zu sterben: Ich mein, wenn jemand tausend Tode gestorben ist, dann wohl ein Videospieler. Aber dass ich aktiv den Weg gen Thanatos beschreiten muss, dass ich nicht nur bloßer Beobachter, sondern Akteur im Ableben dieser kreativen, unschuldigen und oftmals sehr jungen Menschen sein muss, widerstrebte mir zutiefst. Denn hier zerstreue ich nicht wie in Unavowed die Sorgen verirrter Seelen, damit sie von dieser Ebene Abschied nehmen können, und hier bin ich nicht einmal nur neutraler Beobachter wie auf der Obra Dinn, wo man zumindest den Familienangehörigen noch Gutes tut, indem man die Umstände des Todes aufklärt. Bei Edith Finch töte ich aus purer Lust an der erzählten Geschichte Erwachsene, Kinder und Babies – dass es stets Unfälle oder Selbstmorde sind,macht es für mich nicht akzeptabler. Zumal es eben kein großes verbindendes Etwas gibt, nichts, das mein Tun rechtfertigen könnte: Ich breche keinen Fluch, ich rette keine Seelen, ich erfahre kein Geheimnis. Dass ich mich in manchen von ihnen wiederfand, macht das Ganze nicht besser, sondern nur zu einer Zunahtoderfahrung.

Äh, wisst ihr noch, wie ich im ersten Absatz von Demos und so schrieb? Diese bewahrten mich vor allzugroßer Kauflust auf die fertigen Produkte, was ja gut ist, mindestens wie diese tolle neue Einleitung. Evolution ist eine Brettspielversoftung (sagt man das noch? Sagte man das je außerhalb der Powerplay?), in der man gegen bis zu drei andere Spieler versucht, die dominante Spezies am Wasserloch zu stellen, indem man clever Karten spielt. Es ist mechanisch durchdacht und spaßig, weil man stets auf das Handeln der anderen reagieren muss, damit die eigenen Viecher nicht verhungern oder gar selbst verspeist werden, aber ich hab schon in der Beta mehr Partien gespielt, als ich in echt von den meisten Brettspielen je gespielt hab (weils halt einfach so fix geht, wenn man auf Terminplanung mit Mitspielern und mechanische Aktionen wie Mischen etc. verzichten kann), und dadurch nutzen sich für mich persönlich die meisten Brettspielumsetzungen schnell ab. Außerdem macht Gewinnen gegen KI nicht mal halb so viel Spaß.

Battletech hat mich jetzt auch nicht so überwältigt, wie ich erhoffte. Die Nostalgieflamme brannte heiß, hatte ich doch seit meiner Kindheit kein Battletech mehr gespielt, aber irgendwie hinterließ das Free Weekend nur Enttäuschung auf mittlerem Niveau. Mal davon abgesehen, dass es das erste Spiel auf diesem Rechner war, bei dem ich echt alle Grafikeinstellungen auf Niedrig setzen musste, damit es adäquat lief, was ich mir ob der Mapgröße und Optik nicht ganz erklären kann, hatte ich auch das Gefühl, dass das Spiel mir viel zu wenig erklärt. Kann man sich irgendwie aussuchen, mit welchen Waffen man schießt? Battletech verriet es mir nicht. Es war schön, mal wieder Haus Marik zu representen, aber irgendwie hatte ich mir mehr, oder zumindest was anderes erhofft. Heißt aber nicht, dass ich das nicht doch irgendwann als bestes Spiel 2018 abfeiern werde, nur bisher sprang kein Funke über.

Die Demos von Trials Rising und One Finger Death Punch 2 zeigten mir wiederum auf, dass sich entweder mein Spielgeschmack geändert hat oder ich einfach die Vorgänger beider Teile genug gespielt hab, dass ich die Fortsetzungen guten Gewissens in den digitalen Regalen liegen lassen kann. Ich mein, sie machen Spaß, aber hüben wie drüben sind es halt die gleichen Inhalte in etwas anderer Verpackung. Außerdem nervt mich bei Trials das ständige Bewerfen mit Lootboxen (es gibt nicht viel, was mich weniger interessieren könnte, als was für Overalls mein Trialsfahrer trägt) sowie die Tatsache, dass Fehler nicht mehr gezählt werden, sondern einfach als fünf Extrasekunden verbucht werden. NO BUENO.

Aber ich hab auch außerhalb der drei Titel über DEN TOD vollständige Spiele gespielt, ich schwör. Unter anderem Sokobond, A Good Snowman is Hard to Build und Cosmic Epress. Die ersten beiden sind Schieberätsel, in denen man Atome oder Schneekugeln schubst, um chemische Stoffe bzw. Schneemenschen zu erstellen (ihr müsst selbst rauskriegen, was zu was führt!), im dritten baut man eine Raumstationseisenbahnstrecke, die alle Aliens zu ihren entsprechenden Häusern bringt. Ich spiel sowas immer ganz gern, weil das ist einfach und entspannend, jedenfalls bis es schwer und frustrierend wird, was ob meiner Intelligenz recht fix passiert. Bei AGSIHTB hatte ich mich sogar bis zum vermeintlichen Ende durchgebissen und war mächtig stolz auf mich, nur um dann mit meiner Nemesis konfrontiert zu werden, dem verspäteten Fragezeichen hinter dem Wort ENDE. Plötzlich gabs noch ‘ne Traumwelt, die ich, wie ich zu meiner Schande gestehen muss, so wenig kapiert habe, dass ich im Internet nachgucken musste, und dann stellte sich raus, dass ich für das WIRKLICHE Ende nochmal alle meine Schneemänner neu rollen muss und außerdem hab ich vorher eh vieles falsch gemacht, weil das Spiel das, was ich als cleveren Trick ansah, als Schummeln ansieht. FUCK THAT.

Was ich mir für den März vorgenommen habe: Red Dead Redemption 2 jetzt aber wirklich mal beenden (auch wenn ich deutlich weiter bin als noch im letzten Monat), es vielleicht durch den Darkest Dungeon schaffen, der mich nach Jahren wieder in seinen Bann gezogen hat, und dann vielleicht noch endlich Ratchet & Clank spielen. Ich bin ein bißchen stolz darauf, dass ich fast alles, was ich mir im Januar vorgenommen habe, tatsächlich gespielt habe, habe dafür aber nun die Befürchtung, dass ich die ganzen geilen Spiele jetzt schon in der ersten Jahreshälfte wegballer und dann ab Juli dahinvegetiere mit, keine Ahnung, Sword of the Samurai oder Dancing Stage Mario Mix. Und es spricht nicht unbedingt für die zukünftige Lesbarkeit dieser Texte, wenn ich schon im zweiten Monat nicht mehr die anfänglich festgelegte Struktur befolge.

Oh, und ich muss dringend die gemeinen “An item on your Steam wishlist is on sale!”-Benachrichtigungen ausschalten.

Ein vermutlich sehr dummer Januar

Nun, ich denke, keiner von uns sollte überrascht sein, dass dieser Monatsrückblick nicht bereits am Ende des Monats erschien. Nichtsdestotrotz: Ein Monat keine Spiele gekauft, woohoo! Es würfe ein besseres Bild auf mich, verschwiege ich, dass ich nicht nur die verschiedensten Dezembersales nutzte, um torschlusspanisch noch diverse Titel zu erwerben, sondern auch bereits eine Einkaufsliste von Spielen erstellte, die ich 2020 so früh wie möglich kaufen will. Der Termin für diese ziemlich dumme Idee war recht schlecht gewählt, wie ich zu spät feststellte, hatte ich mir vor Kurzem doch erst eine PS4 gekauft und muss nun ein Jahr warten, bis ich die ganzen Highlights (God of War, Uncharted 4, Spider-Man, Dragon Quest XI) des letzten Jahres spielen kann, aber nun, wie man sich bettet, so liegt man. Dass ich Wargroove so gar nicht auf dem Zettel hatte (was vermutlich am dümmlichen Namen liegt, registrieren Titel mit War-Vorsilbe doch mal so gar nicht in meiner Kopf (vergleiche Warface, Warframe, Warhawk)) und das mal total nach was aussieht, was ich ewig spielen würde, stimmt mich auch unglücklich. Wird aber wohl auch nicht das letzte Mal sein, dass ich diese Entscheidung bereue.

Spiel des Monats
Der Januar stand ganz im Zeichen von Earth Defense Force 5,und die angezeigten 180 Stunden im Saveslot bezeugen dies. Ich finds sehr schwer, die Faszination dieses tumben Titels zu vermitteln, zumal ja Shooter sonst so überhaupt nicht mein Genre sind. Ist ein bißchen wie Bud-Spencer-Filme, da meckert auch keiner, dass die Dialoge blöd und die Action nicht realistisch ist. Hab ich EDF2017 und EDF2025 schon geliebt, ist dieser Teil aber tatsächlich eine sinnvolle Steigerung in allen Belangen: Dass man den Gegnern ansieht, wie verletzt sie schon sind, macht die Gegnerwahl einfacher und das Schlachtfeld optisch abwechslungsreicher, die Möglichkeit, einzelne Waffenattribute zu verbessern ist ein Segen, was die Langzeitmotivation angeht, und nicht nur kann man nun per Quickchat singen und tanzen, nein, dein Squad stimmt sogar mit ein bzw. tanzt mit. Großartiger Quatsch, der auch prima im Coop funktioniert und mit vier Klassen, 112 Leveln, fünf Schwierigkeitsgraden (die sich nicht nur auf Schaden/HP-Werte begrenzen), einem Haufen beknackter Gegnerarten und etwa 1000? Waffen mehr als genug Umfang bietet, was man auch daran erkennt, dass ich nach obengenannten 180 Stunden gerade mal das 50%-Achievement erlangt habe. Wen all das nicht begeistert, sollte sich mal den Trailer zu Earth Defense Force: Iron Rain anschauen, denn das Spiel scheint exakt auf Leute abzuzielen, die bisheriges EDF blöd finden. Will sagen: Ich bin absolut nicht die Zielgruppe.

Bei dem gaanzen Geballer blieb natürlich nicht gar so viel Zeit für andere Titel, zumal ich ja dann auch noch andere Interessen habe, wie Essen und Schlafen und Arbeiten. Red Dead Redemption 2 hat mein Interesse nicht verloren, aber konnte diesen Monat den Kampf um meine Aufmerksamkeit nicht einmal gegen obigen Blödsinn gewinnen. Kürzerer Kram hatte da bessere Chancen, präsentiert in der folgenden tollen Kategorie.

Durchgespielt
Celeste: Aufgrund der Begeisterung eines einzelnen Herrns nutzte ich das Games-with-Gold-für-1-Euro-Angebot, um Celeste auch mal außerhalb der Pico-8-Version und dem einem Mal, wo ich für Marcus eine Stelle schaffte, obwohl ich es noch nie und er es schon durchgespielt hatte zu spielen. Und ich mochte es gern und werde auch weiterhin in Erinnerung behalten, was man bei Panikattacken tun muss. Aber ich merkte auch, dass mich beinharte Jump’n’Runs nicht mehr so abholen, wie es Super Meat Boy einst tat, so viel sympathischer der Cast in Celeste auch ist, und ich eine regelrechte Abneigung gegenüber Stacheln als Gameplayelement entwickelt habe. Der innere Konflikt der Protagonistin fand bei mir nicht den Widerhall, den ich erwartete: Vielleicht, weil ich Herausforderungen stets aus dem Weg ging. Aber genug Erdbeeren, um den ganzen Kuchen zu bedecken, hatte ich zumindest. Die Stelle, die ich für Marcus machen musste, hab ich übrigens kein zweites Mal geschafft.
Night in the Woods: Davon hab ich ja im kürzlichen 2017-Rückblick schon geschwärmt, aber auf welche Art und Weise mich das noch packte, überraschte mich. Ein Genretwist, den ich vielleicht von der ersten Staffel True Detective erwartet hätte, in diesem Tier-coming-of-age-Adventure? Ein supersubtiles Brechen der vierten Wand, dass mich mehr schockte als das im vorherigen Satz beschriebene? Die Darstellung von psychischer Krankheit, die mich mehr traf als die in Celeste oder Hellblade, weil sie mir und meiner näher war? Hätte ich nicht gedacht. Und das meiste davon wird auch euch vermutlich nicht so beeindrucken, wie es mich tat. Aber was wir alle schätzen können: Die Protagonisten haben so uncoole Namen (außer Gregg. Gregg rules, ok), und ich liebe es dafür. Für mehr Mae Borowskis und Beatrice Santellos in Spielen.
Bomb Squad Academy: Ich hab keine Ahnung, wie das einst auf meiner Steamwunschliste landete, aber für knapp 90 Minuten stimmte es mich vergnügt. Ich hab sowenig Ahnung von Elektrik/Elektronik, dass ich nicht einmal den Unterschied zwischen beiden kenne, aber bunte Kabel durchzuschneiden haben Menschen meines Alters schon mit der Vorabendfernsehmuttermilch aufgesogen. Unter Zeitdruck müssen in BSA Verbindungen unterbrochen, hergestellt und Strom per Schalter umgeleitet werden, um levelbeendende Explosionen zu vermeiden. Was im Ende eine leichtbekömmliche Mischung aus Logikpuzzle und Irrgarten ergibt, die vom Zeitlimit weitaus weniger negativ beeinflusst wird als ich befürchtete. Wenn man alle Tutorials durch hat, ist das Spiel dummerweise vorbei.
Battleship Solitaire: Das ist so ein furchtbares Spiel, was man um 2:00 nachts noch einmal kurz vorm Schlafengehen anmacht und dann nicht aufhören kann, bis es kurz nach halb vier ist. YMMV. Wichtig ist, dass man per Zahnrad den Hard Mode aktiviert, sobald man das Prinzip verstanden hat. Ich kann mir selber nicht erklären, was denn nun genau an einer Mischung aus Schiffeversenken und Picross so faszinierend ist (zumal ich meist nur die 15×15-Felder spiele, die nicht am schwersten sind), aber die Felder blau zu füllen, indem man die Zahlen anklickt, ist so ein wohlig befriedigendes Gefühl!
Ich weiß doch auch nicht.

So, für Februar hoffe ich, zu Red Dead Redemption zurückzufinden und mindestens einen der folgenden Titel zu spielen: Return of the Obra Dinn, Unavowed, What happened to Edith Finch. Oder endlich mal Cultist Simulator kapieren. Ich hoffe, der nächste Text wird unterhaltsamer!