Was wirklich in Offline geschah, wenn ich mich recht erinnere

Die deutsche Nerdkomödie Offline (und allein in den bisherigen vier Wörtern sollten schon drei Alarmglocken bei euch geklingelt haben) gibt es jetzt bei Netflix zu gucken. Als eine weitaus angenehmere Nutzung dieser 88 Minuten Lebenszeit schlage ich vor, meine Zusammenfassung des Films zu lesen und dann 83 Minuten Nickerchen zu machen. Gut, beim Schreiben dieser Sätze fällt auf, dass die allerbeste Idee wäre, 88 Minuten Nickerchen zu machen und keinen Gedanken an furchtbare Filme zu verschwenden, aber ey, ich hab mir voll Mühe gegeben.

Der Film beginnt mit unserem Helden Fenris, wie er einen Hund erschlägt. Doch das ist okay, ist das hier doch nur ein Videospiel namens “Schlacht um Utgard”, gespielt von Risen 3. Puh, und ich dachte, der Rest des Films bleibt so scheiße animiert. Während ich noch drüber nachdenke, wie miserabel die Steuerung eines Spiels designt sein muss, wenn man zweimal mit dem Mousewheel nach oben scrollen und nach links und rechts wischen muss, nur um ein Schwert zu ziehen, bricht Jan, der echte Protagonist des Films, panisch das Spiel ab, weil er seine Mutter per Überwachungskameras nahen sieht, und springt ins Bett, weil er eigentlich hätte schlafen sollen, der kleine Schlingel! Seine Mutter weckt ihn liebevoll mit Kommentaren über seinen Penis und körperlichen Übergriffen.

Am Frühstückstisch erfahren wir, dass er, so er noch einmal beim Spielen erwischt wird, aufs Internat muss, aber dabei ist doch gerade Ragnarök, das wichtigste MMO-Turnier ever! Endlich mal ein Film, der die Nöte der Jugend nachvollziehbar abbildet. Auf den Weg zur Schule treffen wir Deniz, Jans besten Kumpel, und werden Zeuge des vielleicht peinlichsten Handshakes der Filmgeschichte.

In der Schule angekommen, wird Jan gleich von der heißen Mitschülerin gegen die Wand gedrückt und nach “Computerhilfe” gefragt, und Deniz läuft vor Erregung Nutella aus der Nase. Aber Jan weiß, was wichtig ist, nämlich Computerspiele, und die Schülerin geht mit den ganzen anderen coolen Kids traurig weg, weil sie jetzt ohne Jan Sex machen müssen.

Deniz reicht ihm einen Urinbeutel, damit er die drei Tage bis zum großen Turnier durchhält und anschließend bessere Chancen beim Bewerbungsgespräch zum Gamestopverkäufer hat. Aber Jan will statt mit seinem besten Freund lieber mit seinem Ingame-Trollkumpel spielen, weil der einen höheren Level hat. Das ist Freundschaft!

Jan schleicht sich nach Hause und bricht per Leiter in sein Zimmer ein, obwohl man seine Mutter wegfahren sah und ein Vater nie erwähnt wird. Kaum wieder am Rechner bereitet er sich mit Kumpel Troll auf eine packende Schlacht mit dem bösen Zauberer Loki vor, die wir Zuschauer aber nie zu sehen kriegen.

Nach dem Sieg(?) stürzt urplötzlich Jans Rechner ab, und er stellt fest, dass ihm jemand die Zugangsdaten für seinen Charakter gestohlen hat. Und seinen Internetzugang gesperrt hat. Und sein Handy lahmgelegt hat. Boah, ich wusste nicht, dass das hier ein Horrorfilm ist!

Panisch rennt Jan zu Deniz, in dessen Zimmer man die typischen Interessen eines 17-jährigen Nerds finden kann: He-Man und Tim & Struppi. Schnell stellt sich heraus, dass Denis dem bösen Loki die Antwort auf Jans Sicherheitsfrage verraten hat, was offenkundig ausreicht, um all obiges auszulösen. Da der Polizei die Dringlichkeit der Situation offenbar nicht bewusst ist, beschließt Jan, eine Supportanfrage an den Spielehersteller zu stellen, und fährt damit natürlich, wie es jeder von uns machen würde, mit der Bahn zur Niederlassung.

Dort angekommen trifft er auf den Pförtner Gottlieb Wendehals, der mit seinem Hund Mensch ärgere dich nicht spielt, und das Manic Pixie Dream Girl Karo, die, wie sich herausstellt, sein Trollkumpel ist! Plottwist! Jan findet Mädchen aber eklig und will lieber seinen Supportantrag ausfüllen, aber Karo legt ihn rein, indem sie Gottlieb Wendehals sagt, dass Jan ein Terrorist ist. Der Pförtner wirft vor Panik sein Mühlebrett um, so dass die Kniffelwürfel durch den Raum fliegen, und ruft die am schlechtesten gecastete Security, die ich je sehen durfte. Zum Glück sind alle Spielerdaten auf dem Rechner des Pförtners frei verfügbar, so dass Karo die Aufregung ausnutzt, um die IP-Adresse von Loki zu erfahren.

Im Zug Richtung IP finden unsere Protagonisten dann die Zeit für etwas Exposition und erzählen sich und uns ihre Motivation, damit man wenigstens etwas Mitgefühl entwickeln kann: Für Jan heißts Internat statt Internet (hey Moment, das ist ja gar keine Motivation, sondern das Gegenteil), Karo hatte als Kind einen Monat Durchfall, aber das ging mit der richtigen Salbe ganz schnell wieder weg. Das ist nicht ihre Motivation, die kommt gleich. Aber ‘ne Salbe gegen Durchfall? Egal, jedenfalls ihre Motivation ist, dass sie das Preisgeld des Turniers braucht, weil sie, und eventuell hab ich sie nicht ganz richtig verstanden, einen sowjetischen Komponisten, Pianisten und Pädagogen angezündet hat. Bevor das weiter eruiert werden kann, naht eine Fahrkartenkontrolleurin. Karo versucht sie reinzulegen, indem sie so tut, als ob sie Jan einen bläst, aber der wird panisch ob soviel Nähe und deshalb nehmen sie Plan B, die Notbremse, und fliehen, begleitet von fetziger Musik, über die Felder.

Da Loki auch Jans Konto eingefroren hat und sich köstlich amüsiert, während er dessen Frustration über die Geldautomatenkamera verfolgt (offenkundig bietet einem die Antwort auf eine Sicherheitsfrage Möglichkeiten, auf die die Widersacher Sandra Bullocks in “Das Netz” neidisch wären, und hey, wenn die Drehbuchautoren popkulturelle Zitate aus den Neunzigern benutzen dürfen, mach ich das auch), bleibt unseren beiden Helden nur eins: Sie verdienen sich Geld mit ehrlicher Arbeit. Haha, Quatsch, sie stehlen natürlich Lebensmittel aus einem winzigen bayrischen Lebensmittelladen-Schrägstrich-Internetcafe, indem Karo den Händler dadurch ablenkt, dass sie eine Kapuze aufsetzt.

Als sie anschließend durch den Wald marschieren, müssen sie per Baumstamm über einen reißenden Bach balancieren, Karo stürzt ab und ich denk so “Was ist das hier, die Brücke nach Terabyte-ia?”. Aber Jan ist glücklicherweise ein Wercomputerspieleprotagonist und springt in dessen Form über den Bach, zieht sie hoch und trägt sie von dannen. Oder so. Das war alles so merkwürdig geschnitten, dass ich nur erahnen kann, was passiert ist. Die Filmmacher habens nicht so mit Actionszenen.

Sie übernachten in einer Höhle, wo Jan sein liebstes Gut verfeuert, damit sie es warm haben: Strategy Guides vom besten Schlacht-um-Utgard-Spieler Tristan (doch, das hat Relevanz, ich schwör!).Karo so “Hey, weil du der Protagonist bist, hab ich mich voll in dich verliebt, lass uns rangeln und knutschen!” Und Jan so “Aaaah!” und Karo so “Alle hassen mich!”. Um sie zu trösten, klettert Jan am nächsten Morgen auf einen Berg und baut aus ein paar Stöcken und Lianen eine Krücke für Karo. In einer absurden Szene kommt sie hinter ihm den Berg hochgestiefelt, er gibt ihr die Krücke und sie frohlockt “Oh, ich kann wieder gehen!” In den nächsten zwei Szenen sehen wir, wie Jan sie mit der Krücke beim Klettern hochschiebt und wie sie einen erneuten Baumstamm überquert und dabei die Krücke als Balancestab nutzt, und entweder wissen die Filmemacher nicht, wie eine Gehhilfe funktioniert, oder das sind die einzigen wirklich witzigen Szenen im Film.

Aus Angst, dass Ziel ihrer Reise nicht rechtzeitig zu erreichen, flüstert Karo einen Wunsch in den Kristallanhänger, der die einzige Erinnerung an ihre Mutter ist, und schon hält ein Auto an und lässt sie einsteigen. Doch kaum sind sie eingestiegen, verriegelt der Fahrer alle Türen und dreht sich um, und Karo so “Hm, vielleicht hätte ich mir nicht wünschen sollen, dass der Sohn des Krämerladenbesitzers mit einem Auto vorbeikommt, um uns zu fangen, weil Loki eine Belohnung auf uns ausgesetzt hat, weil MMOs ja so funktionieren”, aber Jan befreit sie, indem er die Mentos aus Karos Mund schnappt und in die Colaflasche in seinem Schoß stopft und die daraus resultierende Fontäne den Krämerssohn von oben bis unten durchnässt, und irgendwie wurde dieser Satz sexier als geplant. Wie jeder weiß, öffnet Colasauerei jede Zentralverriegelung, und Karo und Jan können entkommen.

Auf der Flucht vor Liverollenspielern kommen sie beim sexy Holzfäller Ben unter, und kaum kommt ein anderer Mann ins Spiel, merkt Jan plötzlich doch, dass er auf Karo steht. Obwohl: In seinen Fantasien, in denen sich Ben und Karo anlüstern, ist es Ben, der oben ohne dasitzt, und für einen kurzen Moment hoffte ich, dass Jans Ablehnung von Frauennähe halt nicht dem Klischee des verklemmten Gamers entsprünge, sondern schlicht der Homosexualität. Doch leider mitnichten.

Weil Karo mit Jan nackt baden will, stiehlt er ihr einziges Erinnerungsstück an ihre Mutter, zersticht die Reifen Bens Autos, klaut dessen Fahrrad und lässt Karo zurück, um sich Loki anzuschließen. Der stellt sich als neuer Account von Tristan raus, dem obig erwähnten Strategy-Guide-Autor, und das Unglaubwürdigste daran ist, dass so lange nach Launch in einem MMO, das sich komplett an nordischer Mythologie orientiert, der Name Loki noch frei war. Wie sich herausstellt, geschah Lokistans großer Plan der kompletten Entonlineung Jans lediglich zu dem Zwecke, weil er mit ihm gemeinsam bei Ragnarök kämpfen wollte, und wenn das mal nicht der verschwurbelste Plan der deutschen Filmgeschichte war. Um seinen Charakter wiederzukriegen und bei Ragnarök zu gewinnen, willigt Jan ein.

Was den ganzen Film über so spektakulär gehypt wurde, entpuppt sich als simples 2v2-PvP-Ausscheidungsturnier, moderiert von Gronkh junior und David Hain, mit dem Haken, dass die Verlierercharaktere Permadeath erleiden. Ich bin kein MMO-Spieler, aber ich glaub nicht, dass irgendeine Ingamebelohnung das Risiko wert wäre. Als die beiden Spieler mit den höchststufigen Charakteren auf dem Server erreichen sie mühelos das Finale, und das Aufregendste daran ist, wie die Filmemacher verzweifelt versuchen, MMO-Kämpfe spannend und dynamisch wirken zu lassen.

Im emotionalen Höhepunkt des Films glaubt Jan im Antlitz des soeben von ihm niedergestreckten Trollkontrahenten Karos Charakter wiederzuerkennen,die währenddessen alleine und auf einmal wieder humpelnd durch den Wald läuft. Ach, es ist schon ein Kreuz, doch Jan spürt ein Pieken im Herz, wenn er an Karo denkt. Entschuldigung, aber auf den Satz hatte ich mich schon die ganze Zeit gefreut. Auf einmal reumütig und plötzlich von Liebe entflammt hackt Jan in einem unbeachteten Moment Tristans Rechner, um an die Zugangsdaten von Karos Account zu kommen, und kontaktiert Deniz, weil Bro ist dicker als Wasser. Denn zu ihrem Glück hat Ragnarök das beschissenste Turnierreglement ever, dass es jeglichen Spielern erlaubt, gegen die Finalisten anzutreten. Wozu man dann vorher hätte mitmachen sollen, weiß ich auch nicht genau.

Jedenfalls lässt Jan seinen Charakter heldenhaft von Deniz töten, derweilen Loki dumm herumsteht, und während Deniz mit seinem Level-22-Charakter mindestens eine halbe Stunde den Angriffen vom Level-70-Loki ausweicht, klaut Jan Lokis Quadbike, entkommt damit der herannahenden Polizei, deren Involviertheit ich bisher verschwieg, weil sie irrelevant und der Text schon eh viel zu lang ist, und trifft wie durch mieses Screenwriting genau auf Karo, als diese an der richtigen Stelle aus dem Wald marschiert.

Natürlich vergibt sie ihm all sein Arschlochtum, auch weil er ihr ihre Accountdaten gibt, und sie fahren zurück zu Ben, der offensichtlich das Spiel auch installiert hat, obwohl er die ganze Zeit mit Unverständnis reagierte, und Karo und Deniz besiegen Loki gemeinsam, während Jan sich der Polizei stellt und sie überzeugt, dass er nicht nur seine Straftaten, sondern auch die von Karo begangen hat.

Für den Diebstahl von Lebensmitteln, Karos Identität, einem Fahrrad und einem vierrädigem Leichtkraftfahrzeug, Führen eines Fahrzeugs ohne Führerschein, Beförderungserschleichung, Vortäuschung eines terroristischen Anschlags, Cyberkriminalität, Sachbeschädigung und unerlaubtes Feuermachen in einem Waldgebiet muss Jan jetzt aber wirklich ins Internat. Karo kommt rein und fragt “Hey, willst du vielleicht meine Local Area networken?” Und weil er jetzt ja nicht mehr spielen kann, muss er sich wohl mit Sex begnügen. Happy End!

(Ich schrieb diesen Text in offener Verehrung für Kelly Wand, der sowas wöchentlich für den Quarter To Three Movie Podcast vorträgt und dem ich in keinster Weise das Wasser reichen kann. Spaß gemacht hats trotzdem. Weit mehr als der Film.)

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One response to “Was wirklich in Offline geschah, wenn ich mich recht erinnere

  1. Wo kann ich denn hier die Facebook’schen Daumen und lachenden Emojis aktivieren?! :-) Sehr schöner Text und der Film hat in meinem Kopfkino nun einen Ehrenplatz. “Terabyte-ia”, hihi.

    PS: Kelly Wands, äh, Annäherungen an Filme sind wirklich legendär, auch wenn bisweilen recht schwer zu folgen. Habe aber nun länger keine Qt3-Movie-Podcasts mehr angehört.

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