Zeit: To The Moon

Zeitreisen sind ein beliebtes und oft undurchdachtes Thema quer durch alle
Unterhaltungsmedien, doch selten begegnet man ihnen so elegant, sinnvoll und
tatsächlich schlüssig wie in To the Moon. Keine Paradoxa, keine arbiträren
Vorschriften und ein spannungsfördernder Grund zur Eile, der ja, wenn man
mal genauer drüber nachdenkt, bei Zeitreisegeschichten nie Sinn macht, es
hier aber dennoch tut. Toll.

Andererseits: To the Moon hat kaum Spielelemente, und die, die es hat, sind
doof. Das, was ich Fez jüngst vorwarf, namentlich Pixelgrafiken und
Selbstreferentielles zu benutzen, um nostalgische Videospielnerds zu ködern,
trifft auch auf To the Moon zu. Nach der ersten halben Stunde gibt es keine
Entscheidungen mehr zu treffen, und die in der ersten halben Stunde sind
kosmetisch und haben keinerlei Einfluss auf die Geschichte.

Und das ist auch gut so, ist die Geschichte schließlich das unbestrittene
Herzstück TtMs und könnte durch keinerlei Spielerfreiraum noch gewinnen.
Klügere Menschen als ich schrieben schon über die Gründe, warum es sinnvoll
ist, ein Spiel statt einer Kurzgeschichte aus dem Stoff zu schneidern
(Pacing, Immersion und weitere so lustige fremdsprachliche Worte, ohne die
wir Schreiber über Spiele KOMPLETT aufgeschmissen wären), und da DAS Feld
nunmehr abgegrast ist, ich mich mit Interpretationen selten wohl fühle und
generell ja Spoiler gern vermeide, bleibt mir nicht mehr viel über To the
Moon zu sagen.

Also nutze ich es schlichtweg als Vehikel, um über eine meiner pet peeves zu
schreiben, namentlich popkulturelle Unwahrscheinlichkeiten in
Zukunftsgeschichten. Oder so.

Gerade wir Nerds, die sich seit jeher über das, was wir konsumieren,
identifizieren, sind die perfekte Zielgruppe für popkulturelle Referenzen,
zudem leidet ein Großteil von uns an Frühnostalgie und unheilbarer
Verklärung. Die passende Nennung erzeugt eine gefühlte Verbundenheit zu
Autor oder Protagonist, die ansonsten durch Charakterisierung oder Inhalte
erzeugt werden hätte müssen.

Mein Problem damit ist zumeist, dass ich mich aus der Geschichte
herausgerissen fühle, damit der Autor mir zeigen kann, was für einen tollen
Geschmack er doch hat, quasi eine Selbstwerbeeinblendung direkt in meinem
Kopf. Zumal die angestrebte Wirkung auch nur einsetzt, wenn man den
Geschmack des Autors teilt – ist halt doof, wenn das Ministry-T-Shirt den
Protagonisten als düster, hart und auch ein bißchen geil erscheinen lassen
soll, ich aber nur hieran denken muss.

Richtig merkwürdig wird es dann, wenn die Handlung nicht heute oder in der
Vergangenheit, sondern in der (optional: fernen) Zukunft spielt. Ich kann
trotz meiner geschilderten Abneigung gegen dieses stilistische Mittel
akzeptieren, dass Menschen in kontemporär spielenden Medien real existierende Sachen mögen und meinetwegen auch darüber reden. Ich gebe Quentin Tarantino die Schuld an diesem Phänomen. Aber dass in Hunderten von Jahren Charaktere Referenzen auf Medien oder Personen der Jetztzeit machen, wenn die meisten meiner Leser sich nicht mal mehr an die Memes des letzten Jahres erinnern können? Das macht mich fertig.

Ein paar Beispiele: In World War Z (irgenwann in der näheren Zukunft)
erwähnt eine Militärpilotin, dass sie ihre Handfeuerwaffe Meg nennt, und der
Autor verweist in einer Fußnote darauf, dass “man davon ausgeht, dass sie
die Waffe so nennt, weil sie“, Achtung, “so aussieht wie die alte
Hasbrospielzeugfigur von Megatron.”

Ich mein, ich will Max Brooks jetzt keine großartigen schriftstellerischen
Fähigkeiten unterstellen oder so, und selbst wenn wir akzeptieren, dass die
Pilotin früher mit Transformers gespielt hat, was sie entweder recht alt
oder crazy nach Vintagespielzeug macht – das bringt der Story überhaupt
nichts. Das kommt nie wieder vor. Es ist noch nichtmal lustig. Aber
okay, vielleicht hätte ich ja gelacht, wenn ich damals Transformers gehabt
hätte und nicht nur Masters.

Lustigeres, relevanteres und gleichzeitig noch bekloppteres Beispiel: Mass
Effect 2. Der Dialog hiervor.  ME2 spielt 2183. Gilbert und Sullivan waren ziemlich genau 287 Jahre vorher aktiv. Das einzige, was ich noch von vor 287 Jahren weiß, ist dass Keaweikekahiali`iokamoku da wohl gestorben ist, aber das haben wir ja auch alle in der Schule gelernt.

Ich mein, klar, Mordin ist ein brillanter Wissenschafter, hat sich sicherlich über die Menschen schlau gemacht, aber dass ein Mitglied einer fremden Spezies bestimmte Künstler einer lange vergangenen Epoche nicht nur kennt, sondern gar in deren Stil performen kann, ist schon arg fragwürdig (zumal mehr als die Hälfte der ME-Spieler schon nichts mit Gilbert & Sullivan anzufangen wussten). Natürlich kann man jeden Gag kaputtanalysieren, aber ich empfinde das halt gerade in so einem um die eigene Glaubwürdigkeit bemühten Setting wie be ME als Stilbruch. Vergleiche jede beliebige Science-Fiction-Serie, in der ein Alien etwas sagt wie :”Ich glaube, bei euch Menschen gibt es ein Sprichwort, das da lautet:…”. Habt ihr keine eigenen Sprichwörter, Aliens? Bah. Verkackte Anthropozentrik.

Zurück zu To the Moon: Es wird nicht genau gesagt, wann es spielt, aber
gehen wir mal grob von 2040-2050 aus. Meine Aussagen über die Zukunft sind
natürlich genauso bar jeder Grundlage wie die des Autors, aber ich melde
einfach mal berechtigte Zweifel an, dass Dragonball und der Hulk sowie deren
charakteristischen Catchphrases auch dann noch im Jargon junger
Wissenschaftler zu finden sein werden (das Gleiche gilt für Werbesprüche aus
den Sechzigern). Andererseits: Wenn er in den entsprechenden Situationen
stattdessen “Hi! Lo! Volle Energie, yo!” oder etwas ähnlich Erfundendes
geäußert hätte, müsste man a.) erstmal eifrig transferdenken, dass das jetzt
wohl ein Mem der Medienzukunft sein soll und b.) unter Garantie nicht
lachen/schmunzeln/whatever. Mir fällt auch keine bessere Möglichkeit ein,
eine Figur in einem Medium, das nur durch Aktionen und Dialoge kommuniziert, als nerdy oder medienaffin auszuweisen. Und da das jeweils auch nur ein Satz ist und nur zweimal vorkommt, war es nicht soo störend.

Wesentlich unnötiger fand ich die ganze Szene im Buchladen (es folgen milde
Spoiler). Unsere Protagonisten reisen in der Vergangenheit in selbigen und lauschen dort Gesprächen über Animorphs. Kennta, Kennta? Animorphs! Nee, ich auch nicht. Noch ein Punkt, der gegen popkulturelle Zitate spricht: Wenn man das Zitierte nicht kennt, gibt einem die entsprechende Szene gar nichts. Was im Rückschluss dazu führt, dass die meisten Autoren auf Allgemeinplätze
zurückgreifen, die dann wiederum irgendwann so oft durchgenudelt wurden,
dass es nurmehr Kopfschütteln statt Wiedererkennungsfreude verursacht (vgl.
Star Wars, Der weiße Hai).

Um im Spiel weiterzukommen, muss man angeben, in was für ein Tier sich ein
bestimmter Charakter auf dem Cover eines bestimmten Bandes dieser Buchreihe verwandelt. Nun muss man nicht wie ich auf Wikipedia nachgucken, sondern kann auch einfach mit einem nicht weit entfernten Charakter reden, der einem das auch verrät (was ich dann so oder so tun musste, weil die genaue
Schreibweise mir ansonsten nicht gelingen wollte), aber ob das nun den
Absichten des Autors so gar nicht entsprach, darf man anzweifeln. Es ist die
einzige Szene im ganzen Spiel, wo man etwas eintippen muss, es ist für den
Fortschritt des Spiels zwingend erforderlich und mir will keine
Argumentation einfallen, die das Ganze in ein gutes Licht rücken will.
Vielleicht ist es die Lieblingsjugendbuchreihe des Autors, die er nun jedem
ans Herz legen will, vielleicht erschließt es sich mir als Nichtkenner
einfach nicht,dass es etwas Bedeutsames über die entsprechende Figur
aussagt, wenn sie Animorphs toll findet. (Mir fiel gerade auf, dass durch
die Tatsache, dass nicht die Zeitreisenden, sondern nur die in der Zeit
Besuchten Animorphsfans sind, meine obige Argumentation hier gar nicht
greift. No matter.) So oder so ist es jedoch nichts anderes als billige
Zurschaustellung der eigenen Vorlieben, ohne mit dem genannten Material
irgendetwas Interessantes oder Witziges anzustellen, und ein gerade deshalb
so irritierender Griff ins Klo, weil der Rest vom Spiel so klug und
liebevoll geschrieben ist.

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